Hengelbrock und Balthasar-Neumann-Ensemble im Festspielhaus Baden-Baden

Ein Requiem für das Jahr 2020

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
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03. November 2020

Thomas Hengelbrock dirigierte mit Leidenschaft die Musiker und Sänger seiner Ensembles, ihre Konzerte setzten einen stark emotionalen Schlusspunkt, wurden zum Finale. ©Andrea Kremper

Thomas Hengelbrock mit dem Balthasar Neumann-Chor und -Ensemble spielten zum frühen 
Abschluss der Spielzeit im Baden-Badener Festspielhaus. Brahms dachte die Messe als Trost.

Wieder einmal kam Thomas Hengelbrock mit seinem Balthasar Neumann Chor und Ensemble ins Festspielhaus. Zwei Programme, jedes zweimal gespielt. Zum einen „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms, zum anderen dessen 3. Sinfonie, dazu von Johann Strauß (Sohn) Wiener Walzer- und Operettenseligkeit: „Seid umschlungen, Millionen“, „Draußen in Sievering blüht schon der Flieder“, „Sei mir gegrüßt, mein liebes Nest.“ Beide Komponisten schätzten sich, trafen sich in Baden-Baden. 

Aber die gut gemeinte Seligkeit brachte nicht Strauß, sondern, in einem anderen Sinn, Brahms mit seinem „Requiem“. Denn die Konzerte wurden zu einem Finale. Nach dem „Selig sind die Toten“, den letzten verhauchenden Tönen des „Requiems“, schloss das Haus bis Jahresende. Benedikt Stampa, der Intendant, nennt den erneuten Lockdown eine Fermate. Eine Fermate kann ein kurzes Atemholen sein, kann aber auch eine gefühlte Ewigkeit dauern.

Der Dirigent entscheidet über diese Pause. Der Maestro unserer Tage ist Corona. Die Konzerte wirkten trotzig, traurig, bewegend. Hengelbrock strahlte, wie immer, große Energie aus und setzte geradezu demonstrativ 125 Musiker auf die Bühne; hoch gestaffelt mit den Holzbläsern vorne zentral, dahinter Celli und Kontrabässe, seitlich oben Harfen und Pauken, dahinter der mächtige Chor. 

Kompakter Klang

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Kompakter Klang. Alle dicht gedrängt, keiner trug Maske, keiner hielt Abstand. Aber alle, so wurde versichert, immer aktuell getestet. Was dem Fußball recht ist, ist der Klassik billig. Das wirkte trotzig. Umso verzagter das Publikum: 500 Zuhörer, strenge Masken- und Abstandspflicht, diszipliniertes Verhalten.

Die Emotionen kamen von der Bühne. Nicht durch Strauß, obwohl von Katharina Konradi schön gesungen wurde, nicht durch die 3. Sinfonie von Brahms. Wenn diese Sinfonie bisweilen mit der „Eroica“ von Beethoven verglichen wird, so hört man diese Energie und Leidenschaft nur andeutungsweise. Sie beginnt zögerlich, endet im Pianissimo, changiert zwischen Moll und Dur. Das ist kunstvoll, wirkt aber irgendwie unentschlossen. Vor allem der zweite und dritte Satz, weitgehend ohne Blech, ist ein kammermusikalisch feiner Dialog zwischen Streichern und Holzbläsern. Und die lange Coda steigert sich nicht zu einem Triumph, zu einer Apotheose im Sinne Beethovens, sondern verklingt leise, friedlich, unspektakulär.

Souveräne Solisten

Auch das Ende des „ Requiems“ strahlt Ruhe aus, aber auch, was oft verschwiegen wird, Glaubenskraft. Texte aus der Bibel, von Brahms ausgewählt, deutsch, nicht lateinisch, gesungen. Man soll jedes Wort verstehen. Nur die Toten sind selig, „die in dem Herrn sterben.“ 
Mit den Seligpreisungen in der pastoralen Tonart F-Dur beginnt und endet das Werk. Dazwischen ruht und vor allem tobt mit Pauke und Trompeten das Leben in all seinen Schattierungen. Die Solisten –souverän, leidenschaftlich der Bariton Matthias Goerne, inbrünstig Katharina Konradi mit ihrem warmen Sopran – verkörpern die individuelle, persönliche Seite. Aber im Kern ist das „Requiem“ ein Chorwerk, und dieser fulminante Balthasar Neumann Chor macht die mächtigen, polyphonen Chöre im sechsten Teil mit ihren  siegesgewissen Glaubenssätzen zum emotionalen Höhepunkt: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel. Hölle, wo ist dein Sieg.“ Man hätte auch singen können: „Corona, wo ist dein Sieg“.  

Brahms sprach von einem menschlichen Requiem zum Trost für die Lebenden; er hätte hinzufügen müssen: die Zuversicht, den Tod zu überwinden, erwächst nur aus dem Glauben. Aber auch die Ungläubigen fühlten sich im Festspielhaus wie in der Arche Noah. Draußen allerdings stürmte es, da dachte man mehr an die „Titanic“: „Näher, mein Gott, zu Dir.“

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