Los Angeles

Einzug in die Exil-Villa von Thomas Mann

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. Juni 2018
Die Computergrafik zeigt das restaurierte Thomas-Mann-Haus in Los Angeles.

Die Computergrafik zeigt das restaurierte Thomas-Mann-Haus in Los Angeles. ©dpa -  rebuild.ing GmbH/H2S Architekten

Für Thomas Mann war es das Haus der «Seven Palms»: Im hügeligen Pacific Palisades in Los Angeles - von Zitronenhainen und Palmen umgeben - fand der Schriftsteller nach der Emigration aus Nazi-Deutschland für sich und seine Familie in den 1940er Jahren eine Exil-Heimat.

Jetzt wird das zweistöckige weiße Haus mit der Adresse «1550 San Remo Drive» im vornehmen «Riviera»-Viertel zum Domizil für deutsche Stipendiaten. Für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist die offizielle Einweihung des «Thomas Mann House» am Montag (18.6.) ein wichtiger Stopp auf seiner mehrtägigen Kalifornien-Reise. Am Dienstag soll er bei der begleitenden Konferenz «The Struggle for Democracy» die Eröffnungsrede halten. Auch Frido Mann, ein Enkel von Thomas Mann (1875-1955), wird zu den Feierlichkeiten erwartet. Das Residenzprogramm soll Intellektuellen und Vordenkern Gelegenheit zum Austausch untereinander und mit dem Gastland über die großen Fragen unserer Zeit bieten - so lautet die Zielsetzung der Einrichtung.

Am Kauf der historischen Villa durch die Bundesregierung war Steinmeier 2016 als Außenminister maßgeblich beteiligt. Für das «Weiße Haus des Exils», wie er es damals nannte, zahlte Deutschland einem kalifornischen Luxusmakler rund 13 Millionen Dollar. «Das ist überhaupt nichts für diese Gegend», sagte die Architekturhistorikerin Lilian Pfaff kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Das Grundstück alleine sei schon so viel wert. Pfaff schreibt ein Buch über das Werk des deutschstämmigen Architekten Julius Ralph Davidson (1889-1977), einer der Hauptvertreter der kalifornischen Moderne, der das Haus 1942 für Mann baute.

Pfaff beschreibt die Villa als ein «verstecktes Kleinod», das in der Architekturgeschichte von Los Angeles aber wenig bekannt sei. Tatsächlich war das Haus über die Jahre hinweg wie eine Dornröschen-Villa zugewachsen und von knorrigen Bäumen und hohen Büschen abgeschirmt. Drei der einst sieben Palmen stehen noch auf dem weitläufigen Grundstück am Rande eines großen Canyons.

Nach den Manns, die 1952 in die Schweiz zogen, lebten hier über 60 Jahre der kalifornische Anwalt Chet Lappen und seine Frau Jon. Das kulturelle Erbe ihrer Immobilie war ihnen bewusst, aber unter Denkmalschutz stand das Haus nicht. Sie bauten stellenweise an, auch ein Pool im Garten kam dazu.

2016 wurde das Haus von Immobilienmaklern als Millionenobjekt in einer «ultra-exklusiven» Nachbarschaft angepriesen. Der künftige Besitzer könnte hier ein Traum-Anwesen errichten, sprich das alte Haus abreißen, so die Empfehlung. Autoren, Verleger und Künstler in Deutschland liefen Sturm. Per Online-Petition forderten sie die Bundesrepublik auf, das Haus zu erwerben und zu einem Erinnerungs- und Begegnungsort auszubauen. Der drohende Abriss wurde abgewendet.

Als erster Stipendiat zieht nun im Juni der Schauspieler Burghart Klaußner («Das weiße Band») ein, gefolgt von der Berliner Soziologin Jutta Allmendinger, dem in Göttingen lehrenden Literaturwissenschaftler und Thomas-Mann-Forscher Heinrich Detering und dem Mikroelektroniker Yiannos Manoli. Auch die Journalistin Sylke Tempel war ursprünglich ausgewählt worden, doch im vorigen Oktober verunglückte die Politik-Expertin tödlich bei einem Sturm in Berlin.

- Anzeige -

Bei einer Besichtigung vor ein paar Wochen - Mitte April - liefen die mit fünf Millionen Dollar bezifferten Renovierungsarbeiten noch auf Hochtouren. Man wollte «einen gesunden Kompromiss zwischen Respekt gegenüber der Originalsubstanz und den Anforderungen an ein modernes Kulturhaus» finden, sagte Nikolai Blaumer der dpa. Der gebürtige Düsseldorfer ist der Programmdirektor des Thomas-Mann-Hauses.

Platz gibt es in der langgestreckten Villa genug. Schließlich lebten hier Thomas und Katia Mann mit ihren sechs Kindern. Vier Stipendiaten werden sich das Haupthaus teilen, der Fünfte kommt in einem neuen Gästehaus am Pool unter. Im Obergeschoss (etwa 200 Quadratmeter) gibt es mehrere kleine Räume, die als Schlafzimmer dienten. Im Erdgeschoss (etwa 300 Quadratmeter) ist unter anderem ein großes Wohnzimmer mit Glasfront zum Garten. Alles wurde von Grund auf saniert. Der Grundriss blieb erhalten, doch vom alten Innenausbau ist nicht mehr viel übrig.
Bis auf das historische Herzstück im Parterre - Manns früheres Arbeitszimmer, in dem der Literaturnobelpreisträger Teile seiner Werke «Joseph, der Ernährer» und «Der Erwählte» sowie den Musikerroman «Doktor Faustus» schrieb. In diesem Büro erarbeitete der Hitler-Gegner in den Kriegsjahren auch seine BBC-Radioansprachen «Deutsche Hörer!».

Die dunklen Bücherregale und die alte Holzvertäfelung sind original erhalten. Sie werden mit antiquarisch beschafften Werken gefüllt, wie zu Manns Zeiten. «Eine Goethe-Ausgabe aus den Händen von Thomas Mann wird hier wieder ihren Platz finden, erklärt Blaumer. Dies sei der Raum, der dem Geist des Schriftstellers am meisten entspreche.

Die Aussicht Richtung Pazifik ist im Laufe der Jahre zugewuchert, doch einen Meeresblick hat man von der wenige Meilen entfernten Villa Aurora. Seit 1995 ist die frühere Exilanten-Herberge des Schriftstellers Lion Feuchtwanger eine Künstler-Residenz und Ort für den deutsch-amerikanischen Kulturaustausch. Der deutsche Film feiert hier seine traditionelle Oscar-Party.

Laute Empfänge und viele Gäste am San Remo Drive? Das waren anfangs ihre Bedenken, erzählt Shirley, die gleich neben dem Mann-Haus wohnt. Doch diese Sorge hätten die Betreiber ausgeräumt. «Es sind ja keine Justin-Bieber-Typen, sondern Gelehrte und ruhige Schreiber», sagt die Nachbarin über die zukünftigen Stipendiaten.

Ihren Nachnamen will sie nicht nennen, doch bereitwillig plaudert die 72-Jährige über das Viertel, in dem sie seit 37 Jahren wohnt. Die Namen prominenter Nachbarn sprudeln aus ihr raus: Diane Keaton, Goldie Hawn, Ben Affleck, Matt Damon, Tom Hanks und Steven Spielberg wohnen demnach in der «Riviera». Die Straßen sind nach Orten am Mittelmeer benannt - neben San Remo auch Amalfi, Monaco, Sorrent.

Es sind Leute mit Geld und Ruhm, aber ihre Häuser sind weniger protzig als die hinter großen Mauern verborgenen Villen in Vierteln wie Beverly Hills oder Bel Air. Shirley zeigt ein verblichenes Foto von Thomas Mann vor einer üppigen Bougainvillea-Hecke, die nun zu ihrem Garten gehört. Die Nachbarn seien jetzt sehr froh, dass das historische Haus erhalten bleibe, betont die gebürtige Frankfurterin, die als Kind nach Kalifornien kam. «Sonst hätte das ein Bauunternehmer kaufen können, alles abgerissen und drei monströse Villen hingestellt.»

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Ausstellung im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts
vor 5 Stunden
Dass Wilhelm Busch nicht nur der Vater der frechen Buben »Max und Moritz« war, sondern allgemein ein großartiger Beobachter der Gesellschaft, zeigt eine Ausstellung im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden. Zum Teil sind Arbeiten zu sehen, die noch nie ausgestellt wurden.
Passanten hören das posthum veröffentlichte Album «Mon pays c'est l'amour«» in paris.
Paris
vor 5 Stunden
Frankreichs im Dezember gestorbene Rocklegende Johnny Hallyday bewegt noch einmal mit einem posthum veröffentlichten Album das Land. Zum Verkaufsstart drängten sich am Freitag die Fans in den Musikläden, wie das Fernsehen zeigte.
Das Massengrab von 47 Opfern der Schlacht von Lützen im Dreißigjährigen Krieg.
Wien
vor 10 Stunden
Die Vitrinen wirken aus der Ferne wie etwas verstaubte Bücherregale. Doch in den Glasschränken des Naturhistorischen Museums (NHM) in Wien lagern Totenschädel aus Tausenden Jahren.
Szene aus der Choreografie »Bacon«.
Moderner Tanz
vor 16 Stunden
Keine leichte Kost bot die Dance-Company Nanine Linning am Mittwoch und Donnerstag mit der Choreografie »Bacon« in der Reithalle. Die Aufführung im Rahmen von »Tanzland« soll den Offenburgern modernen Tanz näher bringen – und da ist noch Luft nach oben.
Rainer Nepita (links) und Jörg Bach in ihrer Gemeinschaftsausstellung in der Städtischen Galerie in Offenburg.
Ausstellung in der Städtischen Galerie
vor 16 Stunden
Rainer Nepita und Jörg Bach zeigen in der Städtischen Galerie Offenburg Malerei und Bildhauerei im Dialog. Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 19. Oktober, um 19 Uhr.
«Jennifer» von John Deandrea.
Paris
18.10.2018
Boomender Kunstmarkt und immer mehr ausländische Galerien: Die Pariser Kunstmesse für moderne und zeitgenössische Kunst (FIAC) befindet sich im Aufwind.
Ein Gruß aus dem Jenseits.
New York
18.10.2018
Zwei Wochen vor dem Gruselfest Halloween bereiten sich die Amerikaner wieder auf gespenstische Nächte vor. Seit Anfang Oktober schmücken viele Menschen in den USA ihre Hauseingänge mit Geistern, Spinnen und Skeletten, um auf den jährlichen Spuk einzustimmen.
Bei den Proben hat noch alles reibungslos funktioniert, bei der Versteigerung wird Banksy Werk «Girl with Balloon» allerdings nur teilweise geschreddert.
London
18.10.2018
Street-Art-Künstler Banksy wollte sein während einer Auktion in London teilweise zerstörtes Kunstwerk eigentlich vollständig schreddern.
Seit der Schulzeit von der Schauspielerei fasziniert: Hannah Prasse.
Interview
18.10.2018
Die aus Offenburg stammende Schauspielerin Hannah Prasse spielt am Freitag, 19. Oktober, in der Reithalle die Abigail Williams in Arthur Millers Stück »Hexenjagd«. Im Interview erzählt die 29-Jährige, was an dieser Rolle so besonders ist und warum sie ihren Beruf so mag.
Jürgen Stark.
Kulturkolumne
18.10.2018
Erinnern Sie sich noch? An das Monatsmagazin »Spex«, das man wie eine Flagge über dem Tisch im Straßencafé hisste? Man hielt die Welt in beiden Händen. Zigarillo, Kaffee und dann hinein in über 100 Seiten Meinung samt Erklärung, Angriff und Abpfiff.
Ein Monarch in der Madrider Metro: Spaniens König Felipe sitzt in einer U-Bahn.
Madrid
17.10.2018
Das sieht man bei den spanischen Royals nicht alle Tage: König Felipe VI. ist am Mittwoch in Madrid zur Überraschung zahlreicher Passagiere mit der U-Bahn gefahren.
Das originale Feuer-Atelier von Otto Piene ist bei einer Vorbesichtigung vor dem ZERO-Weekend zu sehen.
Düsseldorf
17.10.2018
Eine unscheinbare Fassade an einer lauten Straße zwischen Feuerwache und Bahnbrücke in Düsseldorf: Das einstige Atelierhaus der künstlerischen Avantgardebewegung ZERO liegt versteckt in einem Hinterhof.