Pfingstfestspiele Baden-Baden

Elena Stikhina glänzte als Stella in Wagners »Holländer«

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
22. Mai 2018
Auch die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Valery Gergiev ließen sich bei den Pfingstfestspielen von Sängerin Elena Stikhina (vorne Mitte) befeuern.

Auch die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Valery Gergiev ließen sich bei den Pfingstfestspielen von Sängerin Elena Stikhina (vorne Mitte) befeuern. ©Andrea Kremper

Diese Senta rettet jede Aufführung und jeden Mann:  Die russische Sopranistin Elena Stikhina verlieh Wagners »Holländer« bei der Eröffnung der Baden-Badener Pfingstfestspielen am Freitagabend Feuer und Leidenschaft. 

»Der fliegende Holländer« ist Wagners erfolgreichste Oper. Sie ist kurz, emotional, hochromantisch, hat melodische Nummern und gewaltige Chöre. Sie wurde 1843 in Dresden uraufgeführt und 1901 als letztes Werk in den Bayreuther Kanon aufgenommen. Für Hardcore-Wagnerianer ist das nichts, zu kurz und zu viel Oper. 

Auch Regisseure kommen selten über Postkartenbilder hinaus. Die letzte wirklich grandiose Inszenierung liegt 40 Jahre zurück: 1978 inszenierte Harry Kupfer den »Holländer« als Sentas psychotischen Tagtraum. Aber für Dirigenten, Orchester und vor allem Männerchöre sind die Klangmassen des »Holländers« ein großes Fressen. Und es gibt zwei Paraderollen: der Holländer und Senta. Die anderen Partien (Steuermann und Erik) sind Sprungbrett-Rollen oder poltern routiniert daher (Daland und Mary).

Vor zehn Jahren hatte Valery Gergiev den »Holländer« mit seinen Russen im Festspielhaus aufgeführt. Szenisch, atemlos, starke Bilder, keine Pause. Jetzt eröffnete er die Pfingstfestspiele in Baden-Baden mit seinen Münchner Philharmonikern  (seit 2015 ist er dort Chef). Diesmal konzertant, mit Pause, breite Tempi (zwei Stunden 17 Minuten). 

Gergiev ist kein begnadeter Tüftler wie Kirill Petrenko, der München mit seinen Wagner-Dirigaten begeistert. Gergiev nimmt die Sache eher al fresco. Und so klangen die Tonfluten des »Holländers« auch. Normalerweise hat er mit seinen sparsamen, nervös zuckenden Handbewegungen die Musiker im Griff. Doch diesmal wirkte er fast teilnahmslos, uninspiriert, gab weder Chor noch Sängern die Einsätze. 
Ohne Blickkontakt standen Dirigent und Sänger Rücken an Rücken, in ihre Noten vertieft. Man hörte einen polternden Daland (Günther Groissböck) ohne Tiefe, einen bemühten Steuermann (Benjamin Bruns), einen hellen, sympathischen Holländer (Albert Dohmen). Dohmen allerdings ist zu rühmen, weil er wirklich in letzter Minute für den erkrankten John Lundgren, der den ebenfalls erkrankten Bryn Terfel ersetzen sollte, eingesprungen war. 

- Anzeige -

Ohne Dämonie

Doch im ersten Bild waren alle, Musiker wie Sänger, routiniert, laut, behäbig, ohne jede Dämonie. Langweile breitete sich aus, und nicht wenige Zuhörer freuten sich auf die Pause, um sich mit Champagner zu beleben oder sogar zu entfliehen. Letzteres allerdings wäre ein Fehler gewesen.

Denn im zweiten Bild trat Elena Stikhina als Senta auf und der Abend gewann Feuer und Leidenschaft, Poesie und Dämonie. Man sah eine mädchenhafte, schlanke Russin und hörte einen Sopran, der sich mühelos über das Orchester erhebt und alle Männer in Grund und Boden singt, der nie scharf ist, sondern zärtlich, träumend, glühend. Im stimmlichen wie körperlichen Ausdruck ist sie glaubhaft in allem, was sie singt, träumt, fühlt, leidet – selbst im Abendkleid. 

Wie blass wirken da die anderen. Elena Stikhina ist jetzt 31 Jahre alt, seit vier Jahren gilt sie außerhalb Russlands als Geheimtipp. 2016 gewann sie den Publikumspreis bei Placido Domingos Operalia-Wettbewerb. Diese Sängerin muss man auf der Bühne erleben, schon jetzt ist sie besser als Anja Silja. Ihren Namen muss man sich merken, Anna Netrebko muss ihn fürchten.

Selbst Dirigent Gergiev schien von dieser Sängerin befeuert zu sein. Das Orchester gewann an Kraft und Tiefe und steigerte sich fulminant in den großen Chorszenen des dritten Bildes mit dem groß besetzten Philharmonischen Chor München. Happyend mit Geigen und Harfe. Senta erlöst den Holländer und rettet diesen Abend.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Matineekonzert im Salmen
vor 4 Stunden
Stille muss nicht immer lautlos sein. Mit einem mahnenden Klangbild beendete das Offenburger Ensemble am  Volkstrauertag ein tief beeindruckendes Konzert im Salmen: Hans Krásas berührende »Passacaglia und Fuge« erinnerte an das Novemberpogrom 1938.
"America": Ausstellung im Museum Tomi Ungerer
vor 6 Stunden
Das Ungerer-Museum in Straßburg lockt die Besucher mit einer neuen Ausstellung: »America«. Satirische Zeichnungen aus New York 1957 bis 1971 über High Society, Vietnamkrieg und Rassentrennung. Mit 120 Posterm, Zeichnungen und Photos, viele davon zum ersten Mal. Bis zum 17. März 2019.
Die neue "Wortreich"-Saison hat begonnen
vor 7 Stunden
»An ganz an bsondren Abend« durften die Kehler am Sonntag im La Cità erleben. Der österreichische Musikkabarettist Christof Spörk, der die diesjährige Wortreich-Saison eröffnete, ließ das Publikum an einer Quasi-Vorpremiere von Teilen seines neuen Programms teilhaben.
Eine Figur der bengalischen Göttin Durga im Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK).
Hamburg
vor 9 Stunden
Das Damaskuszimmer in Dresden, der Altaraufsatz Goldene Tafel in Hannover, der Epitaphienschatz in Zittau: Fünf Jahre lang hat das Bündnis «Kunst auf Lager» Museen in Deutschland bei der Wiederentdeckung ihrer Kunstschätze aus Depots und Archiven unterstützt und hört nun auf.
Mit großen Plakaten wirbt der Prado für die Feierlichkeiten anlässlich seines 200-jährigen Jubiläums.
Madrid
vor 10 Stunden
Der spanische König Felipe hat am Montag den Startschuss zu den Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen des weltberühmten Madrider Prado-Museums gegeben.
Das Gemälde «Seesturm» von Johannes Hermanus Koekkoek.
Düsseldorf
vor 11 Stunden
Ein Raubkunstgemälde aus der Sammlung des von den Nationalsozialisten verfolgten jüdischen Kunstsammlers Max Stern ist kurz vor dem Verkauf in Düsseldorf zurückgegeben worden.
Martin Walser im Stuttgarter Literaturhaus.
Stuttgart
vor 14 Stunden
Der Schriftsteller Martin Walser sieht auch im Alter von 91 Jahren das Schreiben als «Lebensmittel».
Erster Abend der Jazzpassage 2018 in der Reithalle
18.11.2018
Nach zwei Konzertabenden in Straßburg ist die »Jazzpassage« am Donnerstag mi frischem Wind in Offenburg gelandet. Das Quartett des Schweizer Vokalartisten Andreas Schaerer punktete mit einem energiegeladenen Auftritt. Eher gediegen der Auftritt mit Altmeister Michel Portal und Posaunist Nils Wogram...
Kunstmesse
18.11.2018
Die zeitgenössische Kunstmesse St-Art 2018 hat wieder einmal viele Neuigkeiten zu bieten. Diesjähriger Ehrengast ist das Museu Picasso aus Barcelona. Eine gelungene Verbindung zwischen Kultur und Geschäft. Geöffnet bis Sonntag von 11 bis 20 Uhr.
Förderkreis Kunst und Kultur
16.11.2018
Erneut hat der Offenburger Förderkreis Kunst und Kultur ambitionierte Absolventen der Kunstakademie Karlsruhe ausgezeichnet. Die Ausstellung im  Artforum des Künstlerkreises Ortenau, die morgen, Sonntag, eröffnet wird, gibt einen Einblick in das Schaffen des Preisträger. 
Emil Nolde, Exotische Figuren. Mann und Frau, 1912.
Baden-Baden
16.11.2018
Farbenfrohe Landschaften, viel nackte Haut und Großstadtszenen - 120 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken der Künstlergruppe «Brücke» präsentiert das Museum Frieder Burda vom 17. November bis zum 24. März 2019.
Zahlreiche Weltstars werden zur Bambi-Verleihung in Berlin erwartet.
Berlin
16.11.2018
Mit weltbekannten Gästen wie Sophia Loren, Penélope Cruz und Rod Stewart werden am Freitag in Berlin die Bambis verliehen. Es ist das 70. Jubiläum des Medienpreises, zu der Gala werden rund 1000 geladene Gäste im Berliner Stage Theater erwartet.

Das könnte Sie auch interessieren

Nachts Auto zu fahren strengt die Augen an – für Brillenträger kommen oft noch weitere Sichteinschränkungen dazu. Dagegen gibt es jetzt aber spezielle Gläser.
Dunkle Jahreszeit
15.11.2018
Im Herbst und Winter kann es für Autofahrer auch mal ungemütlich werden, denn Wetter- und Lichtverhältnisse sorgen für eine schlechte Sicht. Besonders für Brillenträger wird das unter Umständen zum Problem. Spezielle Autofahr-Brillengläser schaffen hier aber Abhilfe.
Anzeige
Weltgrößtes Adventskalenderhaus
14.11.2018
Bereits seit mehr als 20 Jahren erweist sich das Gengenbacher Rathaus in der Adventszeit als magischer Anziehungspunkt: Es verwandelt sich mit seinen 24 Fenstern in das weltgrößte Adventskalenderhaus. Diesmal werden erneut Bilder von Andy Warhol präsentiert. 
Anzeige
Café Räpple in Bad Peterstal-Griesbach
09.11.2018
Ob im Stehen oder im Sitzen, mit Bier oder Wein – Tapas sind leckere Häppchen, die in gemütlicher Atmosphäre am besten schmecken. Genau das bietet das Café Räpple am 21. November mit einem ganz besonderen Schwarzwald-Tapas-Abend mit Gerichten aus eigener Herstellung.
Anzeige
Fachgeschäft in Offenburg
07.11.2018
Ob in der Arbeit oder zu Hause - einen Großteil des Tages verbringen viele Menschen mit Sitzen. Doch Sitzen ist nicht das Gesündeste für den Rücken. Rückenschmerzen sind die Folge. Und so ist es besonders wichtig, auf eine möglichst rückengerechte Haltung zu achten. "Rückengerecht leben" bietet als...
Anzeige