Berlin

Endzeitstimmung in der Literatur

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
17. Juli 2018
Vladimir Sorokin beschreibt in «Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs» eine dekadente Nach-Gutenberg-Ära.

Vladimir Sorokin beschreibt in «Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs» eine dekadente Nach-Gutenberg-Ära. ©dpa - Arno Burgi

Die Welt ist in Turbulenzen. Die Nachkriegsordnung löst sich auf, neue beunruhigende Allianzen entstehen, Europa ist zerstritten und in der Defensive, rechtsextreme Parteien und autoritäre Regime sind im Aufwind.

Die gesellschaftliche Unruhe und pessimistische Weltsicht schlägt sich inzwischen auch in der Literatur nieder. Auffallend viele dystopische Romane finden sich diesmal im Herbstprogramm der Verlage. Eine Auswahl:

Bei Klett-Cotta erscheint als «Debüt des Jahres» im August Christian Torklers «Der Platz an der Sonne». Darin stellt er die Welt auf den Kopf: Nicht Europa, sondern Afrika ist hier der Sehnsuchtskontinent, der viele Flüchtlinge anzieht. Während Europa arm und zerstritten vor sich hin dümpelt, blühen und gedeihen die afrikanischen Staaten.

Torkler geht dabei von einer alternativen Nachkriegsgeschichte aus: nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es zu einem weiteren Krieg zwischen West und Ost, der Europa ausgeblutet und Deutschland zersplittert in sechs Einzelstaaten zurücklässt. Wichtige Industrien werden nach Afrika ausgelagert, Fachkräfte und Knowhow gehen dorthin verloren. In Europa dagegen herrschen Anarchie, gewalttätige Potentaten und Einparteienregime, wie man sie heute tatsächlich in vielen Staaten Afrikas findet. Im zerbombten Berlin träumt der Protagonist Joshua Brenner von einem besseren Leben. Das kann er nur im Süden finden. Joshua wird zum Flüchtling.

Torkler hat Erfahrungen aus seiner Zeit in Tansania in den Roman einfließen lassen, so etwa «wie es sich lebt, wenn wir das, was wir jeden Tag für selbstverständlich in Anspruch nehmen, nicht mehr selbstverständlich ist: Strom, Trinkwasser aus der Leitung oder überhaupt Wasser.» Aber auch den Unternehmensgeist und die «beeindruckende Fähigkeit» der kleinen Leute, mit den Schikanen des Alltags fertig zu werden.

Gespaltenes Europa und Aufschwung des Radikalen

- Anzeige -

Auch in den Romanen Michal Hvoreckys und Tijan Silas hat sich Europa in einen finsteren Kontinent verwandelt. Der Slowake Hvorecky, der auch regelmäßig Kolumnen für die «Zeit» und die «FAZ» schreibt, zeichnet in «Troll» ein gespaltenes Europa: Ein Teil der Gemeinschaft hat sich in die «Festung Europa» verwandelt. Osteuropa dagegen ist ein diktatorisch geführtes Reich, in dem die öffentliche Meinung von Trollen gesteuert wird. Der namenlose Held versucht dieses Imperium der Fake News von innen heraus zu zerstören und wird dabei selbst Opfer eines Shistorms.

Silas Buch «Die Fahne der Wünsche» spielt im totalitären Molossien, einem abgeschotteten Staat am Rande Europas, der von der spiroistischen Partei terrorisiert wird. Ambrosio, der Held des Romans, gilt schon als subversiv, weil er das Flipperspielen als Hobby entdeckt hat. Wie kann er in einem solchen Land überleben?

Julia von Lucadous Erstlingswerk «Die Hochhausspringerin» handelt von einer totalitären Gesellschaft, die auf den ersten Blick freundlicher daher kommt, geleckt wie eine Hochglanzbroschüre. Anpassung, Ausgeglichenheit und absolute Transparenz sind hier oberstes Gesetz. Riva, eine berühmte Hochhausspringerin, passt als perfekt funktionierender gläserner Star bestens in diese Gesellschaft. Doch eines Tages verweigert sie sich. Hitomi, ihre Kontrolleurin, soll die junge Frau wieder gefügig machen. Gelingt ihr dies nicht, droht ihr selbst die Ausweisung in die Peripherien, in die schmutzige Gegenwelt. Ein verstörender Roman über den Terror der Selbstoptimierung und Perfektionierung.

Es werden wieder Bücher verbrannt

Eine besonders originelle Dystopie legt der russische Starautor Vladimir Sorokin vor. Sein Roman «Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs» spielt im Jahr 2037. Mit dem Sieg der Islamischen Revolution ist auch die Welt der Kultur und des Buches untergegangen. Bücher werden weder gedruckt noch gelesen, sie dienen nur noch als schnödes Brennmaterial. In der dekadenten Nach-Gutenberg-Ära veranstaltet der Koch Geza mit den Klassikern der Weltliteratur beliebte Grillevents für die Highsociety. Das Megageschäft ruft aber Gezas größten Konkurrenten auf den Plan. Eine erschreckende Welt von Ignoranz und Kulturlosigkeit geschildert als Groteske.

Ob als bittere Parabel, aberwitzige Erzählung oder düsteres Sittengemälde, all diese Romane lassen sich als eine Art Weckruf verstehen, als leidenschaftliches Plädoyer für eine freie Gesellschaft.
 

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
Bertold Thoma, hier in seinem Zuhause in der Schubertstraße, feiert seinen 75. Geburtstag. Im kommenden Jahr tritt er wieder für den Gemeinderat an.
Fit und noch mit vielen Zielen
15.12.2018
Kommunalpolitiker mit Herzblut und Sachverstand – auch noch mit 75 Jahren: Berthold Thoma, seit 39 Jahren für die SPD im Gemeinderat feiert am Sonntag Geburtstag. Aktiv für die Stadt und für seine Mitmenschen, ist er stets mit dem Fahrrad unterwegs. Zu seinem vielseitigen Engagement gehört auch die...
Goldschmiede Patrick Schell in Achern
11.12.2018
Schmuck zu Weihnachten ist ein besonderes Geschenk. Doch welches Stück ist das richtige für einen lieben Menschen? Die Goldschmiede Patrick Schell in Achern gibt hier individuelle Beratung – und als besonderes Highlight: Personalisierte Schmuckstücke und Uhren mit Gravur.
Fachberatung aus Ortenberg
07.12.2018
Smart Home vernetzt das eigene Zuhause und spart Zeit und senkt Energiekosten. Es sorgt aber vor allem für mehr Sicherheit – wenn man die passende Ausrüstung hat. Der Einstieg ist mit dem richtigen Fachmann aber gar nicht schwierig.
Netzwerk Fortbildung
06.12.2018
Die Weiterbildung boomt – und immer mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer erkennen, wie wichtig es ist, sich durch eine Weiterqualifizierung sicher in der Welt zurecht zu finden. Wer eine geeignete Weiterbildung sucht, ist beim „Netzwerk Fortbildung“, dem Weiterbildungsportal des Landes Baden-...

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Hitradio Ohr: CD-Tipp
15.12.2018
Max Giesingers neues Album heißt "Die Reise". Im November hatte er es bei Hitradio Ohr in Offenburg im Studio vorgestellt.
Moliere im Parktheater
14.12.2018
Molière wird doppelt gespiegelt, das »Neue Globe Theater« aus Potsdam liefert in Lahr ein Debüt ab, das für weitere Gastspiele empfiehlt. Das »Stegreifspiel von Versailles« (1663), diente am Mittwochabend als Rahmenhandlung für die Komödie »Die Streiche des Scapin« aus dem Jahre 1671.  
Ehrung
14.12.2018
Das Literaturhaus Schleswig-Holstein und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel haben dem Hausacher Dichter und Kolumnisten der Mittelbadischen Presse die 21. Kieler Liliencron-Dozentur zuerkannt. 
Angela Ponce ist die erste Transfrau, die an der Endrunde für den Schönheitswettbewerb Miss Universe teilnimmt.
Bangkok/Madrid
14.12.2018
Seit fast 70 Jahren wird beim Miss-Universe-Wettbewerb die schönste Frau der Welt gekürt, jetzt gibt es eine Neuerung, die nicht jedem gefällt: Neben der Deutschen Céline Flores Willers und 92 weiteren Kandidatinnen geht am Montag (17.12.) in Bangkok auch die Spanierin Angela Ponce ins Rennen -...
Deutsche Mitspieler im weltweiten progressiven Rock: Die Band Can wurde 1968 in Köln gegründet.
Rückblick auf 1968
14.12.2018
Vor einem halben Jahrhundert wackelte die BRD. Das Jahr 1968 ging in die Geschichte ein, als Startschuss zu einer neuen Protestbewegung. Doch auch in der Musikszene war der Teufel los. Sie lieferte aber weitaus mehr als nur Soundtracks gegen das Establishment.
Noch schnell sauberfegen: Blick auf die James-Simon-Galerie in Berlin.
Berlin
13.12.2018
«Die teuerste Garderobe der Welt», so nennen die Berliner gern das neue Empfangsgebäude zur Museumsinsel. Doch was Stararchitekt David Chipperfield nach einer schier unendlichen Baugeschichte bei der Schlüsselübergabe vorstellt, dürfte auch die ärgsten Spötter überzeugen.
Isha Ambani (r) und Anand Piramal bei ihrer Hochzeit.
Mumbai
13.12.2018
Es ist Hochzeitssaison in Indien, und nichts ist für indische Familien wichtiger, als die Kinder unter die Haube zu bringen. Dabei geht es vor allem darum, Familien zusammenzuführen, die hinsichtlich der sozialen Schicht und der Stufe im Kastensystem zusammenpassen.
Fatih Akin ist im Rennen um den Goldenen Bären wieder dabei.
Berlin
13.12.2018
Regisseur Fatih Akin (45) geht mit seinem Horror-Thriller «Der Goldene Handschuh» ins Rennen um den Goldenen Berlinale-Bären.
Während der Stern von Eddie Brock (Bradley Cooper) zu sinken beginnt, steigt Ally (Lady Gaga) zum Star auf.
Los Angeles
13.12.2018
Hollywoods Schauspielerverband (SAG) hat das Liebesdrama «A Star is Born» mit den meisten Preis-Nominierungen bedacht.
Jürgen Stark.
Kulturkolumne
13.12.2018
Schon im antiken Griechenland rauften sich die Gelehrten ihre Haare im Angesicht der chaotisch anmutenden Primzahlen. Denn diese sind bekanntlich nur durch sich selbst und die Eins teilbar, folgen im Verlauf auf der nach oben offenen Zahlenskala dabei keinem bislang klar definierten Regelwerk.
Gal Gadot ließ als Wonder Woman die Kinokassen kräftig klingeln.
Los Angeles
12.12.2018
Kinofilme mit einer weiblichen Hauptrolle spielen laut einer Studie mehr Geld ein als jene mit einem Hauptdarsteller. Zu diesem Ergebnis kommen die US-Analyseagenturen CAA und shift7. Sie untersuchten die 350 umsatzstärksten US-Filme, die zwischen 2014 und 2017 ins Kino kamen.
Der Drehbuchautor und Dramatiker Aaron Sorkin in New York.
New York
12.12.2018
Schon vor der Premiere landete das Theaterstück über einen Gerichtsprozess selbst vor Gericht: Die Broadway-Version des Bestsellers «Wer die Nachtigall stört» aus dem Jahr 1960 weiche zu sehr vom Original ab, argumentierte Tonja Carter, die Nachlassverwalterin der 2016 gestorbenen US-...