Goethe-Stück in der Offenburger Riethalle

Es ging nur um die Liebesgeschichte von Faust und Gretchen

Autor: 
Bettina Kühne
Lesezeit 3 Minuten
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17. Januar 2020
„Hier steh’ ich nun, ich armer Tor“: Andreas Guglielmetti als Faust.

„Hier steh’ ich nun, ich armer Tor“: Andreas Guglielmetti als Faust. ©Ulrich Marx

Goethes „Faust“ sollte man gesehen haben, auch wenn er schwierig auf die Bühne zu bringen ist. Das Landestheater Tübingen entschied sich für die Original-Verse, die wichtigsten Zitate, ein multifunktionales Bühnenbild und keine zwei Stunden Spieldauer

Nach knapp 120 Minuten Spielzeit ging das Licht aus. Zuvor hatte Gretchen ( Hannah Jaitner) in aller Ruhe „Heinrich – mir graut vor dir!“ gesagt. Insbesondere für die Schüler im Publikum kam das Ende der Vorstellung am Mittwoch in der Reithalle zum falschen Zeitpunkt. Man hätte doch zu gerne gewusst, wie es weitergeht – jetzt, nachdem sich die Tragödie so richtig entwickelt hatte.

Tatsache ist: Mit dem zweiten Teil des Theaterabends wusste das Landestheater Tübingen (LTT) besser zu gefallen. Die Liebegeschichte war eine allzumenschliche, und das Thema Begierde dürfte der junge Generation, für die die Aufführung maßgeblich gedacht war, von anderer Stelle bekannt sein: Der Mensch möchte alles, sofort, koste es, was es wolle. Doch politisch wurde das Stück nicht. Auf der Bühne ging es um Faust und Gretchen, die noch in anderen Strukturen gefangen waren als die Menschen heute. Das Gespräch um den Glauben – nahezu irrelevant. Die ledige Mutterschaft – längst kein Thema mehr. Wer den „Faust“ nicht kennt, kommt nicht weit.

Ach ja, die Zitate-Klassiker wurden überdeutlich akzentuiert. „Hier steh’ ich nun, ich armer Tor“, hob Faust-Darsteller Andreas Guilielmetti an, dann hatte er Zeit, mit einem Würstchen zu spielen und das Ende des Satzes beim Kauen herauszupressen. Ähnlich bei „Die Worte hör ich wohl“. Da spuckte er „allein mir fehlt der Glaube“ wie angewidert aus. Der Zweifel war’s, die Schwäche, das Minderwertigkeitsgefühl, die schließlich dem Angebot von Mephisto den Boden bereitet.

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Faust zögerte lange. Vor den Holzlamellen auf der Bühne nutzte das ungleiche Paar die ganze Fläche, um Annäherung und Abstoßen zu zeigen. Mephisto (Jürgen Herold) kringelte sich wie ein Wurm, zeigte sich devot, schleimig und biss sich vor Wut in die Hand, um sich zurückzuhalten und seinen Handel unter Dach und Fach zu bekommen. 

Und dann: „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“: Die Schauspieler von Faust und Mephisto wechseln die Rollen. Ein guter Kniff, um Goethes Gedanke, dass Gut wie Böse in einem Menschen wohnen, zu verdeutlichen. Und natürlich eine geniale Lösung der Regie, um Faust auf der Bühne schnell wieder jung werden zu lassen. Zuvor kam selbstverständlich die Hexe mit dem Hexeneinmaleins: Ein überzeugender Auftritt von Rolf Kindermann, der in schwarzem Lack und Glitzer gespenstig dünn aussah.

Die Schausplätze zu lokalisieren, blieb schwierig. Der Brunnen, der Garten, die Straße – vielleicht sind sie auch gar nicht so wichtig, sodass ein Tisch und die Holzwand auf der Bühne genügten. Besonders spektakulär wirkte das „Drehkreuz“ des Bösen in der hinteren Ecke: Hier brachten rasante Verfolgungen Leben ins Stück. Das Spiel ins Publikum hinein beim Vorspiel am Beginn brachte dagegen keinen wirklichen Gewinn für die Inszenierung, die von der Leistung der Schauspieler getragen wurde.

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