Das Neue Globe Theater im Parktheater Lahr

"Figaros Hochzeit" mit viel Klamauk

Autor: 
Jürgen Haberer
Lesezeit 3 Minuten
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24. Oktober 2020

Das Ensemble des Neuen Globe Theater spielte engagiert, das Stück geriet bisweilen zu sehr zum Klamauk. ©Jürgen Haberer

Peter Turrinis Bearbeitung von Beaumarchais Komödie „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ in der Inszenierung des Neuen Globe Theaters glänzte mit vielen aktuellen Bezügen , war aber in weiten Teilen zu überbordend. Und das Ende ist auch anders. Das Ensemble beeindruckte mit seiner Spielfreude.

Das „Neue Globe Theater“ aus Potsdam wandelte im Lahrer Parktheater mit Peter Turrinis Bearbeitung von Beaumarchais Komödie „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ im Niemandsland einer reichlich überdrehten Posse im Stil der 1970er-Jahre. Das Ensemble spielte gut, engagiert und temperamentvoll, landete zwischendurch im Dunstkreis einer spritzigen, frivolen Revue. Das Stück kokettier mit aktuellen Bezügen, den Ansätzen des Haschtag „#Me Too“, rückt den Grafen Almaviva in die Nähe von sex- und machtbesessenen alten Männern wie Harvey Weinstein, lässt in der Figur durchaus auch eine gewisse Nähe zu Donald Trump aufblitzen: Viele Intrigen, ein Gerichtsprozess als Farce, bei dem das Urteil vorher schon feststeht.
Tödlicher Schuss
Im Gegensatz zu Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, der im vorrevolutionären Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts am Ende alles entwirrt, besiegelt Peter Turrini mit einem tödlichen Schuss das Schicksal des Grafen. Das Ensemble stimmte als Abgesang ein revolutionär aufbereitetes Lied auf die Liebe an. 
Die bereits im vergangenen Winter entwickelte Inszenierung von Kai Friedrich Schrickel und Andreas Erfurth, den Gründern des „Neuen Globe Theater“, wurde im Frühsommer an die Theaterbedingungen in Zeiten von Corona angepasst. Das Ensemble agiert mit Abstand in der kargen Kulisse eines variablen Himmelbetts, würzt sein überdrehtes immer wieder in Klamauk abdriftendes Spiel mit Tanzeinlagen und eingestreuten Songs, hält das Tempo hoch. 
Viel Posse
Der von Peter Turrini eingearbeitete Geist der sexuellen Befreiung, die bereits zu Shakespeares Zeiten auf der Bühne gepflegte Vermischung der Geschlechterrollen, manifestieren sich in einer Verwechslungskomödie, in der sich im Grunde alles um Sex dreht, das hohe Lied der Liebe nur von Figaro (Laurenz Wiegand) und seiner Braut Susanne (Magdalena Thalmann) gesungen wird. 
Die von Beaumarchais formulierte, von Turrini erneuerte Gesellschaftskritik, verblasst leider viel zu oft hinter schräger Situationskomik, einer Mischung aus Klamauk und Volkstheater, die den schnellen Lacher befeuert, viel zu oft den szenischen Tumult und das Vordergründige der Posse befördert. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass ein bisschen mehr Behäbigkeit und Konzentration auf den Wortwitz der Aufführung im Lahrer Parktheater gutgetan hätte. 
Kai Friedrich Schrickel schlüpft in die Rolle des stets mit einer Reitgerte herumfuchtelnden Grafen, Andreas Erfurth mimt die alternde Schlossbewohnerin Marcelline, die Figaro in eine Ehe mit ihr zwingen will. Die Liebestolle Gräfin Almaviva wird Rike Joening verkörpert, Martin Radecke, Maxim Agné und Marius Mik, als Cherubin, vervollständigen das Ensemble. 

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