Tourneeauftakt in Lahr

Flirrende Gitarrenklänge

Autor: 
Jürgen Haberer
Lesezeit 3 Minuten
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20. Oktober 2020

Yuliya Lonskaya und Lulu Reinhardt bei der „Nacht der Gitarren in Lahr. ©Jürgen Haberer

Tourneestart der „Nacht der Gitarren“ in Lahr überzeugte nur teilweise. Virtuose Gitarrenkunst und starke Solodarbietungen, aber wenig Ensemblegeist.  

Die diesjährige Ausgabe der „Nacht der Gitarren“ hat einmal mehr den Knackpunkt des zum dritten Mal in Lahr gastierenden Formats aufgezeigt. Vier ausgewählte Gitarrenvirtuosen präsentieren sich als Solokünstler, bilden wechselnden Duos. Das Zusammenspiel als Ensemble kommt aber zu kurz. Die Chance, das Publikum mit einem dichten Geflecht flirrender Gitarrenklänge in einen magischen Sog hineinzuziehen wird schlichtweg verspielt. 

Neue Lautsprecheranlage

Der Gewinner des Abends ist das Lahrer Parktheater. Die Stadt hat knapp 60 000 Euro in eine neue Lausprecheranlage investiert. Der neue Sound ist schlichtweg brillant. Die Tontechniker, die den Raumklang am Freitagabend erstmals unter Konzertbedingungen ausgetestet haben, sind voll des Lobes. „Ein glasklarer Sound, der auch den letzten Winkel des Parktheaters erreicht, die neue Anlage klingt einfach spitze“, urteilten Peter Jehle und Taner Demiralay am Ende des Abends. Das bislang oft mit einem eher muffigen Klangbrei konfrontierte Publikum darf sich nun auf ein ganz neues Konzert- und Hörerlebniss freuen. Die Stadt verspricht sich aber auch eine spürbare Verbesserung bei der Kopfhörerübertragung von Theatervorstellungen, weil die Bühnenmikrofone sehr sensibel auf diffuse Geräusche im Raum reagieren. 

Am Freitagabend konnte das Publikum erst einmal in den Feinheiten virtuoser Gitarrenkunst schwelgen, in einer von lateinamerikanischen Klängen und Gipsy-Swing geprägten Melange, in der neben Tango und Bossa Nova auch Jazz und klassische Harmonien aufblitzten, ein bisschen Flamenco und Folklore. Auf der Bühne Lulo Reinhardt als Impulsgeber und feste Größe des Formats, die Weißrussin Yuliya Lonskaya, die bereits 2019 mit von der Partie war. Dazu der Ukrainer Alexey Krupsky und die Australierin Stephanie Jones, beide Corona-bedingte Ersatzspieler. Die in Lahr eröffnete Tournee wurde von 26 Konzerten auf zwölf Konzerte zusammengestrichen, das Konzert ohne Pause.

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Der Abend selbst war eine Gratwanderung. Hohe Gitarrenkunst und virtuose Feinheiten, unter dem Strich aber viel zu viele Solo- und Duodarbietungen, ein Konzert, das nie wirklich Fahrt aufnehmen konnte. 

Große Stimme

Im Quartett wurde nur Lulo Reinhardts „Echo of Experience“ serviert, eine wunderbar aufblühenden Brücke zwischen den Blöcken der Solodarbietungen und den Duostücken. Dazu das Finale, ein französisches Liebeslied, das mit Chick Coreas „Spain“ verknüpft wurde, gefolgt von einem Klassiker von Astor Piazzolla als Zugabe. 

Herausragend waren sicherlich die Beiträge von Yuliya Lonskaya, eine klassisch ausgebildete Gitarristin, die mühelos durch die Genres wandelt und doch immer bei der Folklore und in Lateinamerika landet. Ihr Gitarrenspiel ist hoch virtuos, letztendlich punktet sie aber mit einer großartigen Stimme, einer beeindruckenden Vokalkunst. Lonskaya setzte die entscheidenden Farbtupfer und das Glanzlicht des Abends. Schlichtweg grandios gestaltete sich das von der Koreanerin Youn Sun Nah adoptierte „Momento Magico“, das sie gemeinsam mit Alexey Krupsky spielte: nonverbale Vokalharmonien volle Dynamik, stark phrasiert und in schwindelerregende Höhen aufsteigend, in rauen Zwischentönen und wilden Kaskaden formlich explodierend. Eine Darbietung, die das Publikum nachhaltig begeisterte. 

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