Offenburg

Freigeist und Rock’n’Roller

Autor: 
Jürgen Stark
Lesezeit 4 Minuten
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08. April 2021
Tourstopp der Rockgruppe BAP in Haslach 2016: Michael Nass, Werner Kopal, Wolfgang Niedecken und Tourhund Fussel, Sönke Reich, Anne de Wolff und Ulrich Rode  (v.l.).

Tourstopp der Rockgruppe BAP in Haslach 2016: Michael Nass, Werner Kopal, Wolfgang Niedecken und Tourhund Fussel, Sönke Reich, Anne de Wolff und Ulrich Rode  (v.l.). ©Manfred Pagel

Er studierte Bildende Kunst und gründete mit „BAP“ eine der wichtigsten Deutschrock-Gruppen. Am 30. März feiert Wolfgang Niedecken seinen 70. Geburtstag.

Eigentlich hatte er Maler werden wollen, hat in Köln und New York studiert und arbeitet bis heute als Bildender Künstler, entwirft die Plattencover für seine Band. Doch 1976 gründete Wolfgang Niedecken mit musikalischen Freunden eine Art Fanclub. Noch 45 Jahre und 20 Alben später begegnet einem dieser vitale „Schmelztiegel“ der vielen Stile in der Musik von „BAP“, welche Jugendliche seit den 1960er- Jahren inspirierte. Rock und Roll und Reggae und Balladen.

„In den 60ern hat sich alles über Bands definiert. Und in den 70ern bist du mit Leuten auf Feten ins Gespräch gekommen: ¸Du hast doch bei Soundso Bass gespielt. Machst du noch Musik? Lass uns doch einen Proberaum finden, einmal die Woche, dann proben wir einen Kasten Bier leer.’ Das waren die Anfänge von BAP,“ gab Niedecken in einem Interview zu Protokoll. Der Bandname ist übrigens eine Abkürzung von „Bapp“ – „Papa“ auf kölsch; weil der Sohn immer so viele Geschichten über seinen Vater erzählt habe.
Am 30. März wird Wolfgang Niedecken 70.

Deutsche Mundart

Vor zehn Jahren fürchteten die Fans um sein Leben nach einem Schlaganfall. Doch schon bald stand er wieder auf der Bühne, zum Beispiel in Oberkirch, wo er im selben Jahr aus seiner Autobiografie „Für ’ne Moment“ las.

Was Niedecken einst beeindruckte, das waren die exzentrischen Helden jener Zeit, mit dem vieles überragenden Geschichtenmagier Bob Dylan. Das BAP-Projekt war trotzdem ungewöhnlich, denn der Band gelang es, deutscheste Mundart zu bieten. Die Zeit war in den 1980ern einfach reif dafür. Achim Reichel brachte sein „Shanty Alb‘m“ heraus, Udo Lindenberg saß bei „Hoch im Norden“ auf der Sylter Wanderdüne und Haindling, Willy Michl oder die Spider Murphy Gang sangen bayerisch ohne Bierzelt oder deutsche Untertitel. Was bei BAP schon eine echte Herausforderung war.

„Verdamp lang her“

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1981 brachten die BAPtisten ihr drittes Album heraus: „Für usszeschnigge!“ Es war nicht nur unmöglich, diese Aufforderung „Zum Ausschneiden“ unfallfrei auszusprechen, es blieb außerhalb der BAP-Rheinebene völlig unklar, was das hieß. Dennoch knallten die kölschen Jungs durch die Decke, bis in den damals noch unfreien Osten hinein.

BAP-Lieder wie „Verdamp lang her“, „Südstadt, verzäll nix“ oder „Müsli Män“ waren so dermaßen bodenständig und nahmen den Zeitgeist ironisch auf die Schippe, dass man das schließlich auch ohne Wörterbuch von der Kieler Förde bis zum Bodensee verstand.
Auf Festivals und in den Charts entwickelte Niedecken mit wechselnder Besetzung seine Vision weiter. Das führte zuletzt zu zwei Solo-Alben, die mit ihren Produktionsorten verrieten, wer er ist: New Orleans und Woodstock.

Seine Eltern führten ein kleines Lebensmittelgeschäft, seine Schulzeit im Internat hinterließ Narben, in seiner Autobiografie spricht Niedecken offen den dort erlebten Missbrauch an. Seine Triebfeder war die Neugier. Sein Engagement signierte er mit seinem Dialekt: „Arsch huh, Zäng usseinander“, rief er laut, als seinerzeit Ausländerwohnheime brannten; dafür erhielt er 1998 das Bundesverdienstkreuz. Dem sollten viele weitere Ehrungen folgen. Mittlerweile ist er mehr als 26 Jahre glücklich verheiratet, er ist Sonderbotschafter und Großvater.

Neues Album

„Alles fließt“, heißt das jüngste Album von BAP, gewidmet dem Rhein, Sinnstifter für Niedecken, der sich nie parteipolitisch verorten wollte, „weil man das als Künstler nicht machen sollte.“ Der Rhein mache ihn gelassen, „weil ich mich in diesem Zeitkontinuum aufgehoben fühle. Der Fluss geht von der Quelle bis zur Mündung, und mein Leben geht auch von der Quelle bis zur Mündung. Und ich komme der Mündung immer näher. Aber ich fühle mich wohl in diesem Bett, im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Vielleicht war der 16. August 2019 in Bonn mein letztes Konzert“, sagt er leicht resigniert der dpa. „Da hatte ich am Schluss feuchte Augen, weil ich da schon dachte: Das wird jetzt lange dauern, bevor ich wieder darf.“ Aufgrund der Pandemie musste er im September die Präsentation des 20. BAP-Studio-Albums ebenso absagen wie den geplanten Auftritt an seinem 70. Geburtstag. Ein Online-Auftritt ist für ihn keine Alternative. „Dann lieber verschieben. Ich denke, wir machen nächstes Jahr 70a.“ Dann soll die „Schließlich unendlich“-Tour losgehen. „Tourneen sind mittlerweile das Einzige, wovon man als Künstler noch leben kann. Bei den Tonträgern herrscht Raubrittertum.“ Da ist er wieder, der Freigeist.

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