Kultur

„Gala light“ mit Sonya Youcheva im Festspielhaus Baden-Baden

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 4 Minuten
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26. Juli 2021
Die Sopranistin Sonya Youcheva ist keine „Netrebko light“.

Die Sopranistin Sonya Youcheva ist keine „Netrebko light“. ©Javier Del Real

Geboten wurde ein eher enttäuschendes Programm von einer gewichtigen Sängerin, auf die man sich 2022 freuen darf.

Nach vielen Planungen, Stornierungen sollte die Corona-Saison 2020/21 im Festspielhaus nicht nur mit dem gut gelungenen, kompletten Zyklus der Beethoven-Sinfonien beginnen und gleichzeitig enden, was auf die Dramatik der Situation hinweist, sondern zusätzlich war als fettes Sahnehäubchen zum Finale „Tosca“ geplant. Seit zwei Jahren gab es keine szenische Oper mehr im Festspielhaus. Im Juli 2019 erlebten wir „Simon Boccanegra“ von Verdi mit Placido Domingo, am Pult stand Valery Gergiev.

Jetzt sollte Gergiev wieder mit dem gewaltigen Tross seines Mariinsky Theaters anreisen, die lange Durststrecke beenden und unsere Sehnsucht nach richtiger Oper mit allem Unsinn der Theaterwelt befriedigen. Vernünftig waren wir lange genug. Doch die Pandemie zerstörte unsere Hoffnungen, weil neues Leid über St. Petersburg hereinbrach. Nun musste eine Frau allein unsere Sehnsucht nach großen Gefühlen, Leidenschaft, Dramatik, Tränen und Jubel befriedigen. Sonya Youcheva statt „Tosca“, konnte das gut gehen?

Die bulgarische Sängerin ist ziemlich furchtlos. Sie hat sich einen Namen gemacht als Einspringerin für Anna Netrebko und Diana Damrau, hat seit 2013 eine Weltkarriere von New York bis Salzburg gemacht, in Baden-Baden als Marguerite in Gounods „Faust“, Gräfin in Mozarts „Figaro“ und Desdemona in Verdis „Otello“ begeistert, den fast gleichaltrigen, venezolanischen Dirigenten Domingo Hindoyan geheiratet, zwei Kinder bekommen, drei Soloalben aufgenommen und vor kurzem eine eigene Firma als Musikveranstalterin gegründet (SY11). Eine Powerfrau im Leben und auf der Bühne.
Im Festspielhaus waren 1000 Zuschauer zugelassen, vor dem Kurhaus, wo man Stunden vorher die Aufnahme Baden-Badens in das Unesco-Weltkulturerbe bejubelt hatte, genossen bei freiem Eintritt weitere 300 Zuschauer trotz Regenschauer die Liveübertragung.

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Sonya Youcheva hat eine starke Bühnenpräsenz, tritt theatralisch in üppiger Primadonna-Robe auf. Sie hat einen voluminösen Sopran, der sich nicht mehr bei den Verzierungen des Belcanto aufhält, sondern sehr glaubhaft große Gefühle und Leidenschaften ebenso ausdrückt wie warme, lyrische Innerlichkeit.

Große Arien

Von „Netrebko light“ keine Spur mehr. Man war also gespannt, erwartungsfroh – und wurde enttäuscht. Nicht von der Sängerin, sondern vom Programm. Es begann mit dem Vorspiel zu „Aida“, das ohne die große Auftrittsarie Aidas „Ritorna vincitor“, die ohne Begründung gestrichen wurde, belanglos wirkte. Lustloser hätte ein Anfang nicht sein können. Es folgten drei schöne, recht kurze Arien aus den Opern „Manon Lescaut“, „Iolanthe“ und „La Bohème“, das nicht wirklich bewegende „Ave Maria“ von Pietro Mascagni (da hätte man lieber das Gebet Desdemonas aus „Otello“ gehört) und drei große Arien, die das Können dieser Sängerin bewiesen.

Nach einer verregneten Pause und lediglich zwei Zugaben war diese „Gala“ nach gut einundeinhalb Stunden zu Ende. Drei große Arien, die mit ihren kraftvollen, immer warmen Spitzentönen, vor allem aber mit ihrer lyrischen Intensität begeisterten – Leonores „Tacea la notte“ aus Verdis „Il Trovatore“, Cio-Cio-Sans „Un bel di, vendremo“ aus „Madama Butterfley und das tief verinnerlichte „Lied an den Mond“ aus Dvoraks „Rusalka“ – waren kostbare Perlen, aber zu wenig für eine „Gala“, die ein Feuerwerk sein muss.

Wahrscheinlich hätte es eines Partners bedurft. Die Würth-Philharmoniker, dirigiert vom Ehemann Domingo Hindoyan, machten ihrem Namenspatron keine Ehre. Sie spielten brav und lustlos, nur beim „Hexentanz“ aus der Oper „Le Villi“ von Puccini ging mit viel Blech und Getöse die Post ab. Das allerdings rettete die „Gala light“ nicht. Sonya Youcheva aber kehrt gewichtiger zurück. Bei den Osterfestspielen 2022 singt sie die Titelpartie der Tschaikowsky-Oper „Iolanthe“ in einer konzertanten Aufführung der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko. Darauf kann man sich freuen.

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