Festival Musica in Straßburg

Geordnetes Tohuwabohu

Jürgen Haberer
Lesezeit 3 Minuten
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22. September 2022
Eve Risser (am Klavier) und das  Orchestre la sourde beim Straßburger Festival Musica.

Eve Risser (am Klavier) und das  Orchestre la sourde beim Straßburger Festival Musica. ©Jürgen Haberer

Mit ihrem szenischen Konzertprojekt beeindruckten die experimentierfreudige elsässische Pianistin Eve Risser und das Orchester La Sourde beim Festival Musica.

Ein Streichensemble auf der Vorbühne im großen Saal des Straßburger Musikkonservatoriums stimmt auf historischen Instrumenten wohlvertraute Klänge an. Auf dem Programm steht Carl Philipp Emmanuel Bachs Klavierkonzert in c-Moll. Der Schein ist aber vom ersten Moment an trügerisch. Die Musiker sitzen auf hölzernen Klappstühlen, das Klavier ist hinter dem wie ein Bretterverschlag bemalten Bühnenvorhang versteckt.
Die barocke Aura der Aufführung am Sonntag bekommt erste Risse, als ein junger Mann inmitten des Ensembles ein Schlagzeug aufbaut. Notenständer werden verrückt, einzelne Musiker müssen mitten in der Aufführung ihren Platz räumen. Dann hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf ein Dutzend weiterer Musiker und ein verwaist in einer Ecke stehendes Klavier. Immer öfter schleichen sich Dissonanzen in die wunderbar elegant angelegten Klangbilder, das Schlagzeug beginnt zu rumoren, platzt mit harten Jazzriffs in die barocke Klanglandschaft.
Um das szenische Konzertprojekt der elsässischen Pianistin Eve Risser mit dem Orchestre La Sourde auf die Bühne zu bringen, ist das Festival Musica eine Kooperation mit der Straßburger Rheinoper und dem Festival Jazzdor eingegangen, das der experimentierfreudigen Jazzpianistin Eve Risser seit vielen Jahren immer wieder eine Bühne bietet. Nun hat die aus einem Dorf bei Colmar stammende Absolventin der Straßburger Musikhochschule eine Kooperation mit dem „Orchester der Tauben“ aufgelegt, um die Klangwelt von Carl Philipp Emmanuel Bach zu erforschen und zu transformieren.

Flügel dreht Runden auf der Bühne

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Die Akteure rochieren, bilden immer wieder neue Instrumentengruppen, der Flügel dreht zwei komplette Runden auf der Bühne, das Schlagzeug wird verschoben und neu aufgebaut. Eve Risser sitzt zwischendurch scheinbar völlig desorientiert an ihrem Instrument, reihum springen neue Orchestermitglieder ein, um kurze Fragmente des Klavierparts zu übernehmen. Das szenische Tohuwabohu schlägt sich aber keineswegs in der Musik nieder, die wohlgeordnet und überraschend homogen durch Stilarten und Klangepochen triftet, die den Jazz assimiliert, auch lateinamerikanische Klänge und afrikanische Rhythmen.
Wilde Ausbrüche treffen auf poetische Klanglandschaften. Flötistin Anne Emmanuelle Davy stimmt Renaissancegesänge an, Barockvioline, Théorbe und Gambe werden wie Gitarren eingesetzt und das zu Carl Philipp Emmanuel Bachs Zeiten noch gar nicht erfundene Saxofon setzt Akzente.
Nach gut einer Stunde trudelt das musikalische Abenteuer in einer schrittweisen Rückkehr zur barocken Klangpracht aus, das Publikum im nahezu ausverkauften Auditorium der Cité de la Musique et de la Danse ist spürbar beeindruckt. Eve Risser lässt nach dem Konzert durchblicken, dass in naher Zukunft ein Tonträger zum Projekt produziert werden soll.
INFO: Das Festival Musica dauert noch bis zum 2. Oktober. Tickets: www.festivalmusica.fr

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