Vertreter des poetischen Realismus

Gottfried Keller und seine Träumer

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 4 Minuten
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20. August 2019

Gottfried Keller. ©Wikipedia

Neben Theodor Storm und Theodor Fontane gilt er als der wichtigste und einflussreichste Vertreter des poetischen Realismus – der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller. Wie Fontane wäre er in diesem Jahr 200 Jahr alt geworden. Sein Freund Storm war nur zwei Jahre älter.

Gottfried Keller? Wer war das noch gleich? Der Name ist irgendwie geläufig, aber… Doch dann kommt die Erinnerung an Pankratz, den Schmoller, die skurrilen Leute von Seldwyla, den grünen Heinrich oder die Geschichte des aufschneidenden Schneiders, das »Fähnlein der sieben Aufrechten«. Roman und Novellen, die in der Schule noch gelesen werden – als Beispiel für den poetischen Realismus. Fontanes und Theodor Storms Werke zählen dazu. Mit beiden verbindet Keller die Ehre »wichtigster deutschsprachiger Vertreter des poetischen Realismus« zu sein. Richtig produktiv wird er ab den 1870er-Jahren mit dem sozialkritischen Roman »Martin Salander«, mit Novellen, scharfzüngigen Essays und Zeitungsartikeln, Gedichten, mit denen er Zürichs »Festtagsdichter« wurde. 

Keller muss ein merkwürdiger Kauz gewesen sein, ein bisschen ein Pechvogel, ein Müßiggänger, kurz jemand, der einfach nicht zu Potte kam und – mit schlechtem Gewissen – auf Kosten von Mutter und Schwester lebte. 

Akademische Karriere schlägt fehl

Dabei hatte er die besten Voraussetzungen, um richtig berühmt und erfolgreich zu werden. Er besuchte die Schule des Reformpädagogen Johann Heinrich Pestalozzi; am Gymnasium war der deutscher Politiker und Geologe Julius Fröbel sein Lehrer, später sein Mentor und Verleger. Es stand gut um eine akademische Laufbahn. Doch eine Intrige seiner Mitschüler machte dem jäh ein Ende. Der  Rektor, ein ehemaliger Eherichter, stellte sich gegen Keller, den Sohn einer geschiedenen Frau.

Danach verlief sein Weg eher im Zickzack. Er will Maler werden, doch sein Lehrmeister war eine Niete. Der Schindelhaber im »Grünen Heinrich«. Er geht nach München an die Akademie, aber auch das schlägt fehl, stattdessen entdeckt Keller, dass er eigentlich lieber schreibt. Die ersten Gedichte entstehen, über den Dichter Georg Herwegh und seinen alten Lehrer Fröbel lernt Keller namhafte deutsche Akademiker und Schriftsteller kennen. Nicht zuletzt deswegen, weil viele deutsche Akademiker an die 1833 gegründete Züricher Uni kommen: Gründungsrektor Lorenz Oken, der Offenburger Naturforscher, Fröbel, der Naturforscher und Arzt Georg Büchner, der Theologe Ferdinand Hitzig. 

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Heidelberg und Berlin

Sie alle treffen sich bei dem ehemaligien Verleger Ludwig Follen, dessen Haus Anlaufstelle für geflüchtete Liberale und verfolgte Märzrevolutionäre wird: der Publizist Arnold Ruge, die Dichter Ferdinand Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben, der Philosoph Ludwig Feuerbach, dessen Diesseitsphilosophie Keller stark beeinflusst, oder der Komponist Wilhelm Baumgartner, der Keller-Gedichte vertont. Später in Heidelberg und Berlin, wohin ihn in den 50er-Jahren ein Stipendium aus Zürich führt, lernt er Bettina von Arnim kennen, den Verleger Eduard Vieweg, der seinen »Grünen Heinrich« verlegt, Christian Friedrich Scherenberg, Alexander von Sternberg, Karl Dilthey, den Maler Arnold Böcklin und den Dichter Theodor Storm.

Man könnte meinen, dass Keller bei so vielen Prominenten, die ihn publizistisch-verlegerisch oder gesellschaftlich unterstützen können, Fuß fasst, als Schriftsteller durchstartet. Stattdessen stößt er sie vor den Kopfm bekommt nichts so richtig auf die Reihe, tut aber auch nichts dafür. Nur mit Storm und Böcklin verbindet ihn eine Freundschaft. 
Sechs Jahre ist er in Deutschland, schreibt große Teile seines »Grünen Heinrichs«, doch er lässt seinen Verleger Vieweg verzweifeln. Erst 1854 kommen die ersten beiden Bände heraus. Wohl gefühlt hat er sich in Berlin nicht. Weggehen konnte er aus finanziellen Gründen aber auch nicht. 

Der Nationaldichter der Schweiz

1861 wird er ungeachtet von Alkohol- und Raufexzessen Zürichs Erster Staatsschreiber, es erscheint die Novelle »Das Fähnlein der sieben Aufrechten«, die seinen Ruhm als Nationaldichter der Schweiz begründet. Nach 15 Jahren im Amt, inzwischen 57, verlegt sich Keller wieder ganz aufs Schreiben. In den 14 Jahren bis zu seinem Tod 1890 schreibt er so ziemlich alles, was ihm bis dahin an Themen untergekommen ist, aber nie zu Papier bringen konnte.

Keller war ein Lobredner bürgerlicher Tugenden, von Fleiß und Disziplin, staatsbürgerlicher Verantwortung und politischem Bewusstsein. Doch er war ein disziplinloser Müßiggänger, Träumer und Außenseiter wie seine Protagonisten. Sein gesellschaftliches Bewusstsein macht ihn zu einem scharfsichtigen und scharfzüngigen Beobachter und Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft. Er  bezweifelt, dass sie das Versprechen von Gleichheit und allgemeinem Wohlstand einlösen kann. Er verteufelt Kinderarbeit und fordert Sozialgesetzbebung. 
Sein Stil fasziniert noch heute. Keller war ein ungemein farbiger Erzähler mit psychologischem Scharfsinn, der Sprache  meisterhaft beherrschte.
Geboren wurde er am 19. Juli 1819, gestorben ist er am 15 Juli 1890. Er habe sich »als Schweizer und als Deutscher« verstanden, sagte der Dichter Adolf Muschg über Keller.

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