Konzert im Festspielhaus Baden-Baden

Grigory Sokolov - der Philosoph unter den Pianisten

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. November 2019
Grigory Solokov versinkt beim Klavierspiel in der Musik.

Grigory Solokov versinkt beim Klavierspiel in der Musik. © Mary Slepkova/Deutsche Grammophon

Seine Konzerte sind Kult, dabei macht er sich recht rar und verweigert sich dem Zeitgeist. Am Sonntag verzauberte Pianist Grigory Sokolov das Publikum im Festspielhaus Baden-Baden mit Mozart, Brahms und seinen berühmten Zugaben.  

Der 1950 in Petersburg geborene Pianist Grigory Sokolov gehört zu den bedeutenden Pianisten der Gegenwart. Einerseits macht er sich rar, tritt zum Beispiel nur einmal jährlich in Berlin auf, andererseits ist er seinem Publikum treu auch in kleinen, feinen Orten wie Heidelberg, Wuppertal, Regensburg oder Baden-Baden. Er spielt viel, aber nicht zu viel, macht immer wieder Pausen. Klavierspielen ist ein gesunder Sport, man kann hoffen, dass er noch lange fit bleibt.

Seine Konzerte sind Kult. Im Dämmerlicht betritt er die Bühne, geht in seinem fast bodenlangen Frack wie ein majestätischer Pinguin immer hinter dem Flügel zur Klavierbank, erduldet den Beifall mit einer knappen Verbeugung, setzt sich, verschmilzt mit dem Instrument, immer ein Steinway D 274. Von Teodor Currentzis­ könnte er noch den Auftritt im Dunkel übernehmen, um jeden Beifall zu verhindern.

Das Konzert hatte drei Teile: Mozart, Brahms und, wie die Kenner wissen, Zugaben. Zugaben sind bei Sokolow ein eigener Programmpunkt. Die drei Stücke von Mozart haben musik­historisch nichts mit­einander zu tun, aber natürlich spielt sie Sokolov attacca, um jeden profanen Beifall zu verhindern. So folgt dem Präludium und der Fuge C-Dur, KV 394, ohne Unterbrechung die Sonate A-Dur, KV 331 und als Abschluss das Rondo a-Moll, KV 511. Die Fuge ist berühmt, es ist die erste, die Mozart komponierte und soll Andante maestoso gespielt werden, also nicht geschwind, sondern langsam mit Ausdruck; nur so entfalte sie ihre Wirkung, wie Mozart an seine Schwester Nannerl schreibt. 

Dazu bildet die Sonate einen schönen Kontrast. Sie ist beschwingt tänzerisch und endet „alle Turca“, türkisch, wie Mozart es liebte. Sokolov verzaubert mit allen Stimmungen, mit dem Maestoso ebenso wie mit dem Grazioso, seine Hände tanzen über der Tastatur. Nie prahlt er mit seiner Technik, immer versinkt er in der Musik. Er hat darin etwas Absolutes, geradezu Rücksichtsloses.

- Anzeige -

Nach der Pause versinkt er in den zehn Klavierstücken op. 118 und 119 von Johannes Brahms. Brahms komponierte die Stücke 1893 in Bad Ischl, es sind seine letzten Werke für Klavier. Die Grundstimmung ist Abschied, Tod und Vergänglichkeit. Nr. 6, op.118 ist von tiefer Melancholie geprägt, Nr. 1, op. 119 nannte Clara Schumann „traurigsüß“. 

Monologe über das Leben

Aber es gibt auch helle, graziöse Stücke (Intermezzo Nr. 3, op. 119), es gibt eine lebhafte Ballade, eine idyllische-bukolische Romanze und im Finale eine hochvirtuose Rhapsodie. Der Kritiker Eduard Hanslick nannte sie „Monologe am Klavier“. Nichts passt besser zu Sokolov. Er monologisiert über die dunklen Seiten des Lebens, strukturiert und durchdringt die Musik energisch, ja resolut; nichts ist larmoyant. Ein Philosoph der Töne.

Strenggenommen müsste er das Ritual der Zugaben auch pausenlos spielen. Macht er aber nicht, beginnt mit einem gewichtigen Stück, einem Impromptu von Schubert (op. 142, Nr. 2), wird dann zunehmend bunt: zwei Stücke von Rameau, dazwischen ein Intermezzo von Brahms (op. 117, Nr.2), schließlich Rachmaninoff und Skrjabin. 

Natürlich sagt Sokolov die Zugaben nicht an, man soll Musik und nicht Stücke hören. Raten kann man später und darüber nachdenken, warum dieser Pianist, der sich dem Zeitgeist wie kein anderer verweigert, so bewundert, ja verehrt wird. Erfüllt er unsere Sehnsucht nach Schönheit und Wahrheit ohne jedes Spektakel?

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

04.07.2020
Passerelles-Konzerte
Ab sofort gibt es Karten für die Kehler Passerelle-Reihe. Im Oktober geht es los. 
03.07.2020
Hitradio Ohr CD-Tipp
Die Holländerin Ilse DeLange präsentiert ihre neue CD: Changes. In Deutschland ist es bereits in den Top 20.
03.07.2020
Werkschau der Studenten Vorstudium der Kunstschule
24 junge Menschen beenden jetzt mit einer Werkschau ihr Vorstudium Bildende Kunst an der  Kunstschule Offenburg. Los geht es am Dienstag in der Galerie des Kunstvereins.
Abstand auf der Bühne und im Saal: Den Musikgenuss im Straßburger Musikpalais trübten die strengen Hygieneauflagen nicht.
03.07.2020
Philharmoniker spielten wieder vor Publikum
Geradezu  feierlich zumute war es vielen Musikfreunden, die am Dienstag erstmals seit dem Beginn der Coronakrise die Straßburger Philharmoniker wieder live erleben durften. Das Programm erfreute Klassikliebhaber, Anhänger des Atonalen und Queen-Fans.  
Geiger Emmanuel Tjekna­vorian.
03.07.2020
Festspiele Baden-Baden in anderer Form
Die Festspiele Baden-Baden sind in diesem Sommer in Hotels und im Museum Frieder Burda zu erleben. Unter dem Motto „En suite“ gibt es vom 18. Juli bis 30. August ein Konzert-Programm mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern
Wird zur Theaterkulisse: das Stadtmuseum Tonofenfabrik in Lahr.
03.07.2020
Theater Baden Alsace
8500 Euro hat das Theater Baden Alsace (Baal novo) im Rahmen des Förderprogramms „Kultur Sommer 2020“ des Landes Baden-Württemberg erhalten. Damit ist das Freiluft-Projekt „Badischer Sommer – Theater Baden Alsace“ gesichert. 
Jürgen Stark.
02.07.2020
Kulturkolumne
Während bei uns die Clubs noch geschlossen und größere Events tabu sind, feierten chinesische Musikfans ausgelassen ein Rockkonzert. Doch auch dort leiden Kulturveranstalter und Clubbetreiber stark unter der Krise.   
Albert Camus schrieb mit "Die Pest" einen Klassiker, der in der Coronakrise wieder sehr gefragt ist.
01.07.2020
Seuchen und Epedemien in der Weltliteratur
Berühmte Autoren vergangener Jahrhunderte haben über Epedemien in Europa geschrieben. Albert Camus inszenierte seinen Klassiker  „Die Pest“ als spannenden Krimi und zugleich als einen weisen Ratgeber für apokalyptische Situationen. 
Die Komödie „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ soll am 21. Oktober im Lahrer Parktheater aufgeführt werden.
30.06.2020
Neues aus dem Kulturamt Lahr
Gute Nachrichten für Kulturinteressierte in Lahr: Die geplanten Veranstaltungen der Reihen „Stadttheater Lahr“, „LahrBoulevard“ und „SymphonieKonzerte“ können stattfinden. Das teilte das Kulturamt der Stadt am Montag mit. 
Langersehntes Theatervergnügen: Max Ruhbaum trägt im Hof-Theater in Baden-Baden Texte aus Heinrich Heines Italienreise vor.
30.06.2020
Hof-Theater in Baden-Baden
Das Theater Baden-Baden meldete sich mit einem kurzweiligen Programm im Hof zurück. Flexible Planungen für die Freitag- und Samstagabende sowie ein Familienprogramm an den Sonntagen sollen dem mgroßen und kleinen Publikum wieder Lust machen. 
Sprang furios zwischen seinen vielen Rollen hin und her: Schauspieler Benjamin Wendel in der Komödie „Der Boss“.
29.06.2020
Theater Baal novo macht in Offenburg Neustart mit Komödie "Der Boss"
Mit Abstand, aber ohne Maske, erlebten die Zuschauer den Neustart des Theaters Baal novo nach der coronabedingten Zwangspause. Benjamin Wendel spielte in „Der Boss“ alle Rollen. Die Komödie ist die Fortsetzung der deutsch-türkischen Liebesgeschichte von „Macho Man“.
Bereits das Album-Cover weckte Erwartungen: Auf ihrem Album „Just A Poke“ mischte die Band Sweet Smoke psychedelische Klänge mit Jazz und Rock
26.06.2020
Vor 50 Jahren begann die Popmusik einen esoterischen und experimentellen Trip
Die Geschichte der Popmusik ist eine Abfolge von Trends, Moden und radikalem Wechsel musikalischer Stile. Ein Trend bewegte sich quer durch Raum und Zeit: Psychedelia. Eines ihrer Merkmale waren episch lange Titel.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Willkommen zu Hause: Stressless® steht für Komfort und Entspannung. Modell: Tokyo Linden Sand.
    02.07.2020
    Stressless®: Raus aus dem Alltag, rein ins Zuhause
    Möbel RiVo ist eine der führenden Adressen für anspruchsvolles Einrichten und Wohnen in Baden. Das Möbelhaus in Achern-Fautenbach ist Partner ausgewählter Marken und präsentiert mit Stressless® norwegischen Komfort. Die Welt des exklusiven Möbelherstellers wartet im Stressless®-Studio darauf,...
  • Kai Wissmann präsentiert am Donnerstag, 16. Juli, die Gewinner der Shorts 2020.
    25.06.2020
    Trinationales Event: Großes Finale am 16. Juli
    Die Shorts lassen sich nicht ausbremsen, auch nicht von einer weltweiten Pandemie: Das trinationale Filmfestival der Medienfakultät der Hochschule Offenburg wird diesmal komplett online ausgerichtet. Die Filme sind donnerstags und sonntags ab 19 Uhr im Live-Stream hier abrufbar. Das große Finale...
  • Eine reduzierte Formensprache, robuste Materialien und eine seriöse Optik zeichnen Möbel von Musterring aus.
    25.06.2020
    Möbel RiVo in Achern: Wohnwelt auf 8000 Quadratmetern
    Bei der Einrichtung zählt einzig und allein der persönliche Geschmack. Und Geschmack ist bekanntlich vielseitig. Gerade deshalb bietet das Einrichtungshaus Möbel RiVo in Achern-Fautenbach eine riesige Auswahl an Markenkollektionen von Top-Designern und -Herstellern wie Musterring.
  • Für die Panorama-Gesichtsvisiere von Fleig wird Kunststoff für die Lebensmittelindustrie verwendet.
    24.06.2020
    Fleigs Panorama-Visier:
    Schwarzwälder Erfindergeist für die neue deutsche Normalität: Die Lahrer Hans Fleig GmbH hat ein innovatives Visiersystem als komfortable Lösung für den Schutz vor Ansteckung entwickelt. Das Unternehmen sichert so bestehende Arbeitsplätze und sieht Potenzial, zusätzliche Mitarbeiter einstellen zu...