Theater im Online-Streaming

Große Dramen aus Stuttgart und der ganzen Welt

Autor: 
Nicole Golombek
Lesezeit 6 Minuten
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25. März 2020
Der charismatische Schauspieler Lars Eidinger, hier in der Titelrolle von Shakespeares „Richard III“ an der Schaubühne Berlin. Das Theater zeigt die Inszenierung von Thomas Ostermeier am 3. April online.

Der charismatische Schauspieler Lars Eidinger, hier in der Titelrolle von Shakespeares „Richard III“ an der Schaubühne Berlin. Das Theater zeigt die Inszenierung von Thomas Ostermeier am 3. April online. ©Foto: dpa

Das Theater kommt jetzt virtuell ins Wohnzimmer. Mit Inszenierungen mit Stars wie Lars Eidinger und mit Live-Performances. Stuttgart punktet mit Kinder- und Erwachsenendramen.

Stuttgart - Theater ist ein Erlebnis, das am besten live zu erleben ist, klar. Man kann die Blicke frei schweifen lassen, mal die gerade agierenden Figuren in den Blick nehmen oder einen Nebendarsteller im Hintergrund. Bei gefilmten Produktionen ist der Blick gelenkt, Kamera und Regie entscheiden, wer im Fokus ist.

Aber – besser Theater durch die Kameralinse hindurch gesehen als kein Theater. Vielleicht auch, weil man hofft, doch demnächst wieder spielen zu können, zögern Theater, zu viele aktuelle Inszenierungen zu zeigen und bieten andere Formate an. Streamings sind meist zeitlich begrenzt.

Theater Dortmund und Münchner Kammerspiele: Ein Stück pro Tag

Das der Videokunst aufgeschlossene Theater Dortmund ist auch online unter der Leitung von Kay Voges – der auch in Stuttgart in der Intendanz von Armin Petras gearbeitet hat („Das 1. Evangelium“, das sogar die „New York Times“ zu Jubel hinriss). Sein Haus zeigt jetzt täglich von 18 Uhr an eine neue Inszenierung für mindestens 24 Stunden online.

Die Münchner Kammerspiele zeigen pro Tag einen Mitschnitt einer Inszenierung aus dem Spielplan online, der nur 24 Stunden lang zu sehen ist. Und veranstalten Mitmach-Livetheater, an diesem Donnerstag um 18 Uhr eine Live-Cam-Lesung: „Kein Freund außer den Bergen“ von Behrouz Boochani unter anderem mit der als „Tatort“-Kommissarin bekannten Eva Löbau.

Videostücke im Residenztheater München

Nebenan im Residenztheater (Residenztheater.de) zeigt sich das Ensemble in Videostücken in der Reihe „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“, lustig eine Folge über Tücken einer Videokonferenz, wie sie zurzeit viele Menschen im Home­office erleben. Immer mehr Ensemblemitglieder tauchen auf dem Bildschirm auf und schnattern: „Hallo, ist wer da? Sind wir allein da draußen?“

Interviews, Lesung und Gesang in Hamburger Theatern

Das Deutsche Theater Berlin (Deut­schestheater.de) präsentiert Lesungen, ebenso das Hamburger Thalia-Theater – mit dem Eysoldt-Ring-Preisträger Jens Harzer, der absolut hörenswert Zeilen Hölderlin vorträgt. Die Hamburger verlinken auch ausführliche Interviews mit Ensemble-Darstellern wie Victoria Trauttmansdorff.

Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg macht Eigenwerbung mit Podcasts, stellt Produktionen vor und Gespräche, zum Beispiel auch ein Stück mit schönem Sprech-Singsang von etwa mit Schauspielerinnen wie Sophie Rois.

Stücke mit Bruno Ganz und Lars Eidinger in Berlin

Die Berliner Schaubühne ragt heraus und punktet mit Archivgold und Livegefühl: Pünktlich um 18.30 Uhr wird eine Theaterkostbarkeit gezeigt – stets nur bis Mitternacht. Zur Einstimmung gibt’s schon um 18 Uhr einen aktuellen Beitrag eines aktuellen Ensemblemitglieds. Aufzeichnungen von Inszenierungen von Peter Stein, Andrea Breth und Luc Bondy sind darunter.

Als Zweiteiler am 26. und 27. März: Peter Steins Ibsen-Marathon „Peer Gynt“ von 1971 mit Otto Sander, Angela Winkler, Bruno Ganz. Auch zu sehen in der Zeit bis 19. April: Steins berühmte Regiearbeiten „Drei Schwestern“ (Tschechow) und „Sommergäste“ (Maxim Gorki). Botho Strauß’ „Die Zeit und das Zimmer“ von 1989 in der Regie von Luc Bondy mit Ernst Stötzner, Peter Simonischek (bekannt aus dem Film „Toni Erdmann“), Udo Samel, Tina Engel und Jutta Lampe ist am 15. April geplant.

Und aktuelle Shakespeare-Inszenierungen mit auch aus Film und Fernsehen bekannten Stars wie Lars Eidinger (zuletzt etwas in der TV-Serie „Babylon Berlin“) gibt’s: „Hamlet“ am 1. April, „Richard III.“ am 3. April. Wer Ursina Lardi schätzt, kann sie am 25. März in einer Regiearbeit des Intendanten Thomas Ostermeier sehen: Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“.

Schauspielhaus Stuttgart mit Grußbotschaften

In Stuttgart arbeiten einige Theater noch an Formaten, wie die Sprecher ihrer Häuser auf Anfrage mitteilen, darunter das Figurentheater Fitz, das Theater Tri-Bühne, das Studio Theater, das Alte Schasupielhaus und die Komödie im Marquardt – sie informieren ihr Publikum dann aktuell auf der Homepage.

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Das Schauspiel Stuttgart zeigt schon einen Mitschnitt von „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende für Zuschauer ab sechs Jahren online – vorerst nur bis zum 29. März.

Das Umweltdrama gefiel unserer Theaterkritikerin Andrea Kachelrieß: „Tolle Darsteller in grandioser Spiellaune, aber auch jede Menge Hingucker in der von Monika Frenz mit vielen Effekten ausgestatteten Bühne und den comichaft überzeichneten Kostümen von Gwendolyn Bahr.“

„Grundsätzlich wollen wir uns vom gegenwärtigen Aktionismus, ständig irgendwelche alten Inszenierungen zu streamen, nicht anstecken lassen“, sagt die Theatersprecherin Katharina Parpart und führt auch technische Gründe an: „die Qualität der allermeisten vorhandenen Mitschnitte wird unserer Meinung nach weder dem Live-Erlebnis von Theater noch der Qualität unserer Inszenierungen gerecht.“

Junges Ensemble Stuttgart geht online

Das Junge Ensemble Stuttgart zeigt auf der Homepage auch Produktionen. Zurzeit: „Die beste Geschichte – En iyi hikâye“. Aufzeichnungen zu weiteren Produktionen werden folgen, sodass für jede Altersgruppe Stücke angeboten werden können, auch weitere Social-Media-Aktivitäten sind in Planung.

Sibel Polat, Faris Yüzbașıoğlu und Gerd Ritter präsentieren in „Die beste Geschichte“ eine Geschichten-Sammlung, mit viel Musik und Poesie, Humor und Tiefgang, Sinn und Unsinn, Zartheit und Action, für alle, die mindestens eine Sprache sprechen und Spaß an Geschichten haben.

Unsere Theaterkritikerin Dorothee Schöpfer hatte sich von der Produktion begeistert gezeigt: „Es gibt keine Simultanübersetzung und keine Übertitel, die Sprachen wechseln sich ab, was auf Türkisch begonnen hat, wird auf Deutsch weitererzählt oder umgekehrt. Das funktioniert, und wie!“

Theater Rampe zeigt Live-Premieren

Das Stuttgarter Theater Rampe geht mit der Reihe „Montage“ online, die sich mit Popkultur und anderem beschäftigt: jeden Montag von 21 Uhr an als Radioshow online: https://mixlr.com/theater-rampe. Mittwochs und sonntags wird jeweils für 24 Stunden eine Aufführung aus dem Repertoire zum Streaming angeboten über die Webseite (Theaterrampe.de). Die Premiere von „Haus der Antikörper“ von Backsteinhaus Produktion am 18. April findet online statt.

Freie Gruppen spielen live im Netz

Freie Stuttgarter Gruppen wie Lokstoff (Lokstoff.com) spielen live, im Stream nachzuverfolgen auf Youtube. Spieltermine jeweils ab 20.30 Uhr von „Less Home – Wohnst du noch oder teilst du schon“ sind am 26. und 27. März, 2. und 3. April. Am 28. März: „Retrotopia – Deutschland im Reagenzbecken“ und am 4. April: #ichsehedich“.

Die Stuttgart Gruppe O-Team hat einen Podcast über die neue Produktion „Wetware“ zusammengestellt.

Und das Citizen Kane Kollektiv hat weiterhin Radiosendungen am Start (wieder am 28. 4.). „Wir können uns vorstellen – wenn die Krise sich lange hinzieht – dieses Format auszubauen“, sagt Regisseur Christian Müller, „und auch mit Live-Online-Kollektionen über unsere derzeitige Recherche und künstlerische Arbeit zu ergänzen.“

Ein Lied von Schorsch Kamerun

Und von Ferne grüßt ein bekannter Künstler: Schorsch Kamerun, Theaterregisseur und Sänger der Punkband Die Goldenen Zitronen, der im September 2019 mit der musikalisch-theatralen Performance „Motor City Super Stuttgart“ die Baugrube am Hauptbahnhof bespielt hat, stellt ein schönes, bombast-melancholisches Lied online, mit Liedzeilen wie gemacht für jetzt: „Wie steht’s um dein Haus? . . . dein neuester Plan?“.

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