Architekten als Comic-Helden

Große Männer mit miesen Seiten

Autor: 
Ulla Hanselmann
Lesezeit 4 Minuten
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14. Januar 2020
Blick in den Le-Corbusier-Comic „Der Pavillon“: Ein Rabe beäugt das Geschehen.

Blick in den Le-Corbusier-Comic „Der Pavillon“: Ein Rabe beäugt das Geschehen. ©Foto: Edition Moderne

Die Architekten Le Corbusier und Mies van der Rohe sind Helden der Moderne – und jetzt auch Comic-Protagonisten. Zwei Bände verquicken gelungen biografische Fakten und Fiktion.

Stuttgart - Das Schaffen Le Corbusiers ist bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet worden, was nicht wundert, gilt der gebürtige Schweizer (1887-1965) doch als einer der einflussreichsten Baumeister des 20. Jahrhundert. Dass sein Leben und Wirken aber auch zum Krimi taugen, damit überrascht Andreas Müller-Weiss in seinem Comic „Der Pavillon“. Die Verbindung Architektur und Comic wiederum verblüfft nicht allzu sehr – die Beherrschung des Zeichenstifts verbindet beide Sparten. Und so hat Andreas Müller-Weiss genauso ein Architekturstudium absolviert wie der Spanier Agustín Ferrer Casas, der sich in seiner Graphic Novel „Mies. Ein visionärer Architekt“ dem anderen großen Helden der architektonischen Moderne widmet: Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969).

„Der Pavillon“ (
Verlag Edition Moderne, Zürich. 72 S., 29 Euro) erweist sich dabei als die kurzweiligere, originellere Lektüre. Erzählt wird eine verwegene Geschichte um den Pavillon Le Corbusier in Zürich, den der Architekt für die Galeristin und Mäzenin Heidi Weber 1963 entwarf. Umfassend saniert, wurde der Ausstellungsort 2019 neu eröffnet. Am Anfang des Architekten-Comic-Krimis steht aber gar nicht die hehre Baukunst, sondern ein realer Mord: Am 26. August 1996 wurde der Schweizer Arzt Peter Kaegi erstochen aufgefunden, im südfranzösischen Roquebrune-Cap-Martin, nur einen Katzensprung von Le Corbusiers Feriendomizil entfernt. Eine weitere zentrale Rolle in der Geschichte, die als Tragödie in fünf Akten angelegt und von einer Rahmenhandlung umgarnt ist, spielt Marie-Louise Schelbert, Le Corbusiers Nachbarin in Südfrankreich, sowie eine investigative Masterstudentin; letztere ist es, die bei ihren Forschungen mysteriöse Zusammenhänge entdeckt und sie mit verblüffenden Erklärungsmodellen auflöst.

Tierische Meta-Ebene

Es ist aber nicht nur der abenteuerliche und dabei zu erstaunlich großen Teilen auf Fakten fußende Plot – ein umfangreicher Anmerkungsteil ist angehängt –, der hier verfängt, sondern vor allem die gestalterische Handschrift: Müller-Weiss führt eine tierische Meta-Ebene ein, baut immer wieder Raben, Ratten und anderes Getier in die Panels ein. Ein Kunstgriff, mit dem er surrealistische Momente schafft und die Rätselhaftigkeit seiner Erzählung steigert.

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Auf das Konstrukt eines erzählerischen Rahmens greift auch Agustín Ferrer Casas in seiner Comic-Biografie „Mies“ zurück (Carlsen Verlag, Hamburg, 176 Seiten, 20 Euro). Der Grandseigneur der Moderne sitzt im Flugzeug auf dem Weg von Chicago nach Berlin zu seiner Neuen Nationalgalerie, begleitet von seinem Enkel Dirk Lohan. Ein Langstreckenflug – reichlich Zeit also für Zigarren, Martinis und Erinnerungen an ein außerordentliches Architektenleben. In der Eingangs-Sequenz denkt er an seinen berühmten Barcelona-Pavillon zurück, da kommen ihm bei einer Nachfrage seines Enkels die Nazis in den Sinn und wie sie das Bauhaus in Dessau drangsalierten.

Mies beim Sex im Heu

Solche Gedanken- und Zeitsprünge rückwärts, aber auch mal vorwärts sind der dramaturgische Kniff, die die Erzählung nicht gar so brav daher kommen lässt. Beim Zungenschlag des Protagonisten ist viel auktoriale Freiheit zu vermuten, ansonsten werden Fakten, Überlieferung sowie Fantasie und Deutungswille durchaus überzeugend, mit Tiefgang und über weite Strecken auch unterhaltsam zusammengepackt.

Die Zeitreise führt zu den wichtigsten Karrierestationen und Bauten, sie eröffnet Begegnungen mit Lehrern, Wegbegleitern und Gegenspielern wie etwa Walter Gropius – dieser „eingebildete Schnösel“. Gezeichnet sind die 176 Seiten weitgehend routiniert, mit gediegener Seitenaufteilung, aus der nur wenige doppelseitige Tableaus ausbrechen. Der Cartoonist Ferrer Casas meißelt aber nicht nur das Denkmal des Baukünstlers heraus, sondern auch das Porträt des Menschen Mies. Der ist ein Mann mit Widersprüchen und miesen Seiten. Einer, der für die Kommunisten arbeitet, sich aber genauso den Nazis andient. Und jede Menge gescheiterte Frauengeschichten sammelt: Ada Bruhn, Lilly Reich, Lola Marx, Edith Farnsworth.

So sieht man etwa unschöne Trennungsszenen, aber genauso Mies beim Sex im Heu. Oder wie er nackert nachts in einen See in Wisconsin springt – „Attacke“ ruft er dabei.

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