Offenburg

Heiligabend im Kaufhaus

Jutta Hagedorn
Lesezeit 3 Minuten
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30. November 2023
Ein Tänzchen in der heiligen Nacht: April Hailer und Sewan Latchinian spielten ihre Rollen als Maria und Josef hervorragend.  

Ein Tänzchen in der heiligen Nacht: April Hailer und Sewan Latchinian spielten ihre Rollen als Maria und Josef hervorragend.   ©Christoph Breithaupt

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte: Die Putzfrau Maria und der Wachmann Josef klagen sich ihr Leid und schlüpfen dann gemeinsam unter die Bettdecke.

Es sind nur noch vier Wochen bis zum Heiligen Abend. Insofern war das Stück „Josef und Maria“ von Peter Turrini eine gute Wahl. Eigentlich hätte es die Tragikomödie der Hamburger Kammerspiele bereits vor einem Jahr geben sollen. Sie war aber wegen Covid-Erkrankung ausgefallen. Es war auch deshalb eine gute Wahl, weil die Akteure – April Hailer als Maria Patzak und Sewan Latchinian als Josef Pribil – großartige Schauspieler sind.

Autor Turrini kritisiert, dass Fernsehen und Werbung gerne das Bild vom „fröhlichen“ Senioren zeichnen. Die Wirklichkeit sei anders. Und er zeigt, dass die Menschen auch noch im Alter das Recht auf Liebe und Respekt haben. Und das nehmen sich Josef und Maria, als sie sich am Heiligen Abend nach Geschäftsschluss im Kaufhaus treffen.

Eine elegante ältere Dame im Pelzmantel erscheint, eine Geschenktüte über dem Arm. Hat sie sich verlaufen? Sie geht an den Spint und verwandelt sich in die Putzfrau Maria. Sie holt Besen und Eimer, lässt Wasser ein, wischt den Boden. Sie verschwindet, kommt mit einer Flasche zurück, genehmigt sich einen Schluck: „Warum sind die Menschen so wie sie sind? Prost!“

Sie packt die Geschenktüte aus und beginnt bitterlich zu weinen. Ihr Sohn hat sie ausgeladen, um sich Ärger mit seiner zänkischen Frau zu ersparen. Nun sitzt sie da, alleine und einsam im leeren Kaufhaus. Bis Josef erscheint. Der betagte Wachmann sieht sich als „Freidenker“, dem alles Heilige egal ist. Der als Altkommunist immer noch von der Weltrevolution träumt, jetzt aber befürchten muss, für die neue „Securitas“ nicht mehr nützlich zu sein.

Verpasste Gelegenheiten

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Hier treffen sich zwei Abgeschobene, die Mutter, die vom Sohn nicht mehr gewollt ist, der alte Revoluzzer, den keiner mehr braucht. Beider versuchen, Haltung zu bewahren. Was sich dann über eine gute Stunde entspinnt, ist ein Wortwechsel, der kein Dialog ist. Maria und Josef reden, doch sie reden aneinander vorbei. Jeder für sich beklagt verpasste Gelegenheiten, verrät seine Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte. Das ist das traurige Dilemma von Josef und Maria – niemand hört ihnen mehr zu, weswegen sie verlernt haben zuzuhören. Doch irgendwie klappt es im Laufe des Abends.

Als Josef fragt: „Maria, wollen Sie zu mir in die Kiste kommen?“, antwortet sie sarkastisch, in die Kiste käme man noch früh genug. Was es brauche, sei Liebe. Maria schleppt Matratze und Bettzeug heran, schlüpft unter die Decke, zieht sich aus. Josef kriecht in langen Unterhosen verschämt ans Fußende. Das Kaufhaus falle wieder zurück in die Hand des Volkes, jubelt Josef; „von uns bleibt ein Kriminalfall“, freut sich Maria. „Was für eine zarte Haut du hast“, sagt Josef. Sie verschwinden unter der Bettdecke, kichern. Das Stück ist aus.

Das Ende ist etwas abrupt, tut der Sache aber keinen Abbruch. Hier waren zwei Schauspieler am Werk, die ihr Metier verstehen. Die wissen, wie man traurige Situationen in Komik verwandelt, ohne dass es albern wird.

April Hailer ist großartig in ihrer Wut auf die Familie, ihrer Verbitterung. Und sie ist eine geschmeidige Tänzerin. Sewan Latchinian überzeugt in seiner Rolle als schrulliger Sozialist der alten Schule. Seine Mimik und Gestik sind unnachahmlich, seine Darbietung als Tangotänzer mit Besen herrlich komisch.

Beide machen aus dem Stück von 1980 eine berührende, nachdenklich machende und doch Hoffnung gebende, vor allem auch aktuelle Geschichte. Gut, dass das Stück nachgeholt wurde.

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