Freilichtspiele Seelbach

Held Zorro im Mantel- und Degendrama mit Badnerlied

Autor: 
Jürgen Stark
Lesezeit 4 Minuten
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11. September 2018
Kunterbunte Szenen gibt es bei »Zorro« auf der Freilichtbühne zu bewundern.

(Bild 1/2) Kunterbunte Szenen gibt es bei »Zorro« auf der Freilichtbühne zu bewundern. ©Jürgen Stark

Mit Maske, Mantel und Degen streitet Zorro bei den Freilichtspielen Seelbach für Gerechtigkeit. Die Inszenierung von Katja Thost-Hauser feierte am Wochenende Premiere. 

Das Schuttertal bebte. Die Hufe von Zorros pechschwarzem Friesenhengst waren daran aber weniger schuld. Es waren die Witze des Amtsschreibers (Siegfried Wacker), die schallendes Gelächter verursachten. Gesteigert wurde das noch von dessen Aufforderung ans zahlreiche Publikum, sich von den Sitzen zu erheben und gemeinsam das »Badner Lied« in den sonnigen Abendhimmel zu schmettern. 

Szenen eines kunterbunten Theaterstückes, bei dem sich unter der Regie von Katja Thost-Hauser das thematische Original gerne immer mal wieder aus der Epoche des beginnenden 19. Jahrhunderts entfernte. Damals gehörte Kalifornien noch zu Mexiko und die Macht der Reichen begegnete der Ohnmacht der Armen, also der Landarbeiter und den indianischen Ureinwohnern. Thost-Hauser wollte darin Parallelen zur heutigen Zeit erkennen. 

Das Drama auf der Bühne im Klostergarten rankt sich um den Einzug des neuen Gouverneurs José Dariò Arguello, als arroganter Fiesling perfekt von Christian Peter Hauser dargestellt. Dieser neue Machthaber kommt aus der verschlafenen Missionsstadt San Juan Capistrano, jetzt am Rande des Schwarzwaldes stehend. Gegenspieler sind die Witwe Donna Isabella de la Rente, gespielt von der Regisseurin selber, die äußerst lautstark ihre Worte ins Publikum wirft. Sie hält sich mit ihrer Tochter Lucia mit Mühe über Wasser, bringt kaum noch die Pacht für die Hacienda zusammen. 

Neben ihr der Säufer Zorro, ein abgewrackter Held, der den Degen gegen Fasswein eintauschte, versunken in Melancholie wegen des Todes seiner Frau. Diego de la Vega, der neue Zorro aus Seelbach, wird vom Multitalent Thomas Koziol gut in Szene gesetzt. Der Wiener sitzt schon bald auf dem Heldenpferd, perfekt, schön, erhaben. Der Appell des Sohnes Ramon, jugendlich-frisch gespielt von Vincent Daiber, sein Vater möge doch lieber wieder Verantwortung übernehmen und nüchtern werden, hat gefruchtet. 

Musikalischer Wirt

Das war nicht schwer, denn der neue Gouverneur provoziert und stänkert. Da helfen auch die schönen Akkorde und Balladen nicht, die ständig  gespielt werden. Den singenden und klampfenden Wirt gibt Gernot Kogler, ein ganz passabler Sänger und vor allem guter Gitarrist, der von »Bamboleo« bis Flamenco einiges drauf hat. 

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Kogler könnte – am Szenenapllaus für seine musikalischen Einlagen gemessen – vermutlich jederzeit nach Seelbach zurückkehren. Für ein Solokonzert. Hier aber muss er zahlreiche Karaffen Wein in die Wort- und spätere Degenschlacht aus seiner »Cantina« schleppen, denn auch die bösen Schläger des Gouverneurs haben ständig Durst. 

Eine weitere Sidestory besteht darin, dass der Gouverneur behauptet, dass die von ihm zutiefst verachteten Indios seinen Vater auf dem Gewissen hätten. Doch vor seinem Privatkrieg gegen die Indios steht der Krieg gegen säumige Steuerzahler. Wenn das Stück einen Bezug zur Gegenwart bietet dann hier. Der Gouverneur spricht: »Egal, ob die Ernte gut oder schlecht war, Steuern müssen bezahlt werden. Wer nicht zahlen kann, der verliert.«

Da es im 19. Jahrhundert noch kein Insolvenzrecht gab, wird ein Steuerschuldner zum Galgen geführt. Ein Exempel soll an ihm statuiert werden. In letzter Sekunde durchtrennt der anreitende Zorro das Seil und rettet dem armen Steuersünder das Leben. Damit ist das Comeback des Zorro perfekt in Szene gesetzt. 

Alles endet happy

Über der Bühne klappern zwei Störche, was an Castanetten erinnert, die wiederum zum Flamenco des Wirtes passen. Die rührseligen Indios senden Botschaften voll romantisierender Esoterik. Es endet alles, wie es enden muss: Nämlich happy! Alle singen und klatschen zu spanischen Pophits der Moderne. Und Zorro säuft nicht mehr, das tut nur noch sein wunderschönes Pferd. 

Weitere Vorstellungen: Morgen, Mittwoch, Freitag, 14. September, und Samstag, 15. September, jeweils um 18 Uhr. Eine Nachmittagsvorstellung gibt es am Sonntag, 16. September, 15 Uhr. Karten können per E-Mail an tourismus@seelbachonline.de oder unter Telefon 0 78 23/94 94 52 bestellt werden. Weitere Infos im Internet unter www.seelbach-online.de

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