Achern - Fautenbach

Herrlich spukende Wisperpergeister

Autor: 
Albrecht Zimmermann
Lesezeit 3 Minuten
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18. Mai 2022
Ilona Then-Bergh (Violine), Wen-Sinn Yang (Cello) und Michael Schäfer (Klavier) beim Konzert in der Alten Kirche Fautenbach.

Ilona Then-Bergh (Violine), Wen-Sinn Yang (Cello) und Michael Schäfer (Klavier) beim Konzert in der Alten Kirche Fautenbach. ©Daniela Busam

Mit Werken von Haydn, Mendelssohn-Bartholdy und Tschaikowsky, gespielt von einem prachtvollen Kammermusik-Trio, ist die Konzertsaison in der Alten Kirche Fautenbach ausgeklungen.

Außerordentlich war das letzte Saisonkonzert in der Alten Kirche Fautenbach nicht nur wegen des hochsommerlichen Wetters. Von selten zu erlebender Qualität waren auch die Klänge von Ilona Then-Bergh (Violine), Wen-Sinn Yang (Cello) und Michael Schäfer (Klavier). Was die drei Professoren der Musikhochschule München eint, nennen sie ihre „innere Gleichgestimmtheit“ – wohl die wichtigste Eigenschaft für gelingende Kammermusik.
Joseph Haydns Trio G-Dur (XV,25) tut im beginnenden Andante noch volksliedhaft-harmlos und wird im Adagio zur Idylle, in der sich die Violine von Ilona Then-Bergh so richtig aussingen darf. Doch diese Stimmung schlägt um, wenn im Presto-Tempo die drei Instrumente mit Sechzehntel-Läufen und abrupt forte-überraschenden Akzenten dahinwirbeln.
Es folgte das Klaviertrio c-Moll (1845) von Mendelssohn-Bartholdy. Deutlich wurde dabei, wie weit in den wenigen Jahrzehnten zwischen dem „Londoner Haydn“ und Mendelssohns Romantik der Kompositions-Stil fortgeschritten war. Da entfernt sich der Ton von gepflegter Unterhaltung hin zum Ausdruck tiefer Empfindung, ja Leidenschaft; auch instrumental entlockte Wen-Sinn Yang seinem Cello in der hohen Lage mehr Aussagekraft und intensivere Klangfarben, wenn es Melodieführer war. Mendelsohn hatte mit elf Jahren schon 15 Fugen geschrieben, mit 17 die Sommernachtstraum-Ouvertüre; seitdem gilt er als der Erfinder des Typs „spukhaftes Scherzo“. Ein solches bildet auch den dritten Satz des c-Moll-Trios: Die Wispergeister spuken herrlich einfallsreich „molto allegro“ herum, bis sie sich auf leisen Sohlen mit Pizzicato verkrümeln.
Der letzte Satz beginnt wie der erste sehr gefühlvoll und in dichtem Stimmengeflecht, doch nimmt er eine überraschende Wendung; nachdem die starken Emotionen verebbt sind, lässt unvermittelt eine andere Klangwelt aufhorchen: Michael Schäfer intonierte solo auf dem Klavier den Choral „Vor Deinen Thron tret‘ ich hiermit“. Es knüpften sich um und an das Kirchenlied Variationen des Trios, das bald mit großer Geste eine fast orchestrale Klangpracht freisetzte.

Ausgedehnte Totenklage

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Etwa 50 Minuten benötigt das Klaviertrio a-Moll von Tschaikowski. Im ersten der nur zwei Sätze vernimmt man die ausgedehnte Totenklage um seinen Freund und Lehrer N. Rubinstein; ein Cello-Solo trägt das elegische Hauptthema vor, das die Violine aufnimmt und mit dem Klavier in langwieriger Entwicklung verarbeitet. Reizvoller sind die zwölf Variationen des zweiten Satzes. Die drei Instrumentalisten vergegenwärtigten in mustergültiger Homogenität die Stärken Tschaikowskys, sein hohes Talent, slawische Empfindungen mit „westlicher“ Eleganz zu vermählen.
Da genoss man, Violine und Cello in kapriziösen Pizzicato-Passagen vereint oder aber in strömendem Legato-Spiel zu hören. Mit beiden Händen bemühte der Pianist die höchsten Tasten zu einer Art Glöckchen-Variation. Aus einem anhaltenden crescendo-Ton des Cellos begann ein Wiener Walzer, in den Violine und Klavier mühelos einschwingend hineinglitten. Die Streicher pausierten, als das Klavier eine virtuose Mazurka-Variation à la Chopin präsentierte. Doch zum Finale hin findet die Partitur zu Elegie und Trauer zurück, umfassend gesteigert und am Ende verlöschend.
Überschüttet mit Beifall wurde das Trio am Schluss dreimal zurück auf die Bühne gerufen. Dann meldete sich der
Cellist zu Wort und ergriff mit leicht bayrischem Zungenschlag Partei für die russische Kultur und gegen die russische Politik. Für den spontanen Applaus gab es als weitere Zugabe die Triofassung eines russischen Liedes.

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