Gespräch mit dem Offenburger Autor Karlheinz Kluge
Dossier: 

"Ich mag Publikum"

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 5 Minuten
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08. März 2021

Er vermisse das Publikum wie hier bei den Offenburger Literaturtagen „Wortspiel“, sagt der Offenburger Schriftsteller Karlheinz Kluge. ©Iris Rothe

Der Offenburg Autor Karlheinz Kluge ist schriftstellerisch seit einem Jahr auf sich zurückgeworfen. Doch das Erzählen geht trotz allem weiter.

Karlheinz Kluge ist Schriftsteller. Der studierte Germanist hat mit seinen Novellen und Kurzgeschichten über die Jahre seiner Heimatstadt Offenburg ein Denkmal gesetzt, aber auch seiner vorübergehenden Wahlheimat Berlin. Zwar sind es persönliche Erinnerungen, an denen er seine Leserinnen und Leser teilhaben lässt, aber es sind Geschichten, die mitnehmen durch Zeit und Raum, von der Fiktion in die Wirklichkeit und zurück.

Ein Schriftsteller braucht Inspiration, auch wenn er aus seinem eigenen Erfahrungsbereich schöpft. Doch nur, wenn die eigenen Erlebnisse in den Kontext mit denen Anderer gesetzt werden, kommen neue Geschichten. Wie ist es Karlheinz Kluge im Laufe des vergangenen Jahres ergangen? Und wie fühlt er sich ohne Lese-Publikumn? Kluge nimmt es gelassen, aber auch er hat diese gedankliche Isolation gespürt, sagt er im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse. 
Seine neue noch unveröffentlichte Geschichte „Wohin soll die Reise gehen“ dreht sich um einen kleinen Jungen, der zu seinen Großeltern nach Offenburg fährt und eine wunderbare Reise auf einem Floß auf der Kinzig unternimmt, begleitet von einem Fisch. Könnte daraus etwas Längeres werden? Kluge überlegt noch. Eigentlich habe er sich keine Gedanken mehr darum gemacht, „aber innen habe ich doch noch nicht damit abgeschlossen“, gibt er schmunzelnd zu. „Es gibt einige Fäden, die sich weiterspinnen lassen.“

Hommage ans Erzählen

Diese Geschichte liest sie wie eine Hommage an das Erzählen. „Es hat sich in der Tat dahin entwickelt“, sagt der Autor. Zu seinem Bedauern sei das Erzählen, zumindest das mündliche, eine fast ausgestorbene Kunst, sei die Shortstory in Deutschland nicht so beliebt. „Leser sind nicht auf kurze Geschichten sozialisiert“ und Verlage bevorzugten Romane. Ich finde es schön zu erzählen“, sagt Kluge. „Für mich ist Johann Peter Hebels ‚Unverhofftes Wiedersehen’ von 1811 sozusagen der Goldstandard des Erzählens“, sagt er. „Der Brühwürfel der Literatur“, wie es eine Kollegin genannt habe. 
Der Pädagoge hat lange Jahre amit Kindern in der Kunstschule gearbeitet. „Bevor sie an die künstlerische Arbeit gingen, habe ich eine frei erfundene Geschichte erzählt.“

Kluges Markenzeichen: Die Verbindung von Geschichten mit Geschichte. „Es ist mir ein Anliegen. Ich mache es gerne, auch wenn es nicht immer so konzipiert war. Es rutscht dann so rein.“ Wichtig sei, dass die historischen Fakten nicht nur als solche wahrgenommen werden, sie müssten mit „erzählerischer Wärme daherkommen. Geschichte kann in Geschichten verpackt werden, ohne langweilig zu sein.“ 
Er habe Material, „das tragfähig ist“, sagt Kluge: Seine Zeit in Berlin mit Studium und vielen Kontakten zu Literaten – „Berlin war sicherlich eine große Lehre“ –, die Rückkehr nach Offenburg 1987 nach 16 Jahren und die neuen Kontakte. „Ich habe lange gebraucht, bis ich mich hier wieder eingefunden habe“, bis er durch Adrian Fink in Straßburg „Frieden geschlossen habe mit der Region“ durch das Gefühl anerkannt zu sein. „Lebensgeschichten verbinden sich, man ist schließlich Teil der Geschichte. Aktuelles Geschehen lässt zurückblicken“. 

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Zwischen Wirklichkeit und dem Fantastischen

Das funktioniere in einem Roman allerdings anders als in einer kurzen Form wie Hebels Erzählung. „Da sind 16 historische Hinweise hintereinander aufgeführt und unterstreichen damit zugespitzt den Lauf der Zeit – nämlich die 50 Jahre –, den diese Geschichte ja erfährt. Ein toller Trick“, ist Kluge begeistert. Seine neue Geschichte erzählt von Flößerei und den Wandergesellen, mit dem, was sich einst an und auf der Kinzig zugetragen hat. 
Kluges Geschichten driften oft ab, wandeln bruchlos zwischen Wirklichkeit, Fiktion und Fantastischem. Beim Lesen nimmt man die Wechsel hin, lässt sie geschehen. Auch jetzt wieder. Da ist ein sprechender Fisch, nur der Junge versteht ihn. „Ich bin Realist“, sagt Kluge. „Ich brauche das als Startrampe. Aber von dort aus versuche ich die Utopien, die fantastischen Elemente“.

Ausreichend Stoff

Anlass zur Erzählung waren übrigens seine beiden Enkel Anton und Moritz. Er habe sich gedacht, ich mache mal für die beiden ein Heft als Erinnerung an ihren Opa. „Der Junge in der Geschichte ist sozusagen mein älterer Enkel“, verrät Kluge. 
Was hat ihm die Schriftstellerei gegeben und was hat er durch den Lockdown verloren? Und was bedeutet es für einen Autor, wenn er nicht lesen kann? „Es war ein Jahr ohne Resonanz“, sagt Kluge –nicht unbedingt resigniert, aber doch nachdenklich. Er sei zwar in einem Netzwerk, habe viele Bücher von anderen bekommen, es sei aber trotzdem bitter gewesen. „Ich mag Publikum, man hat ja eine unmittelbare Resonanz, die nicht unbedingt nur positiv ist. Das fehlt jetzt.“ Auch der Austausch in den Redaktionskonferenzen der Literaturzeitschriften fehle. 

Doch trotz eingeschränkter Kommunikation sei ihm der Stoff nicht ausgegangen, freut sich Geschichtenerzähler. Er sei im vergangenen mit seiner Mutter nach Ostpreußen gefahren, das habe für reichlich Input gesorgt. Er habe angefangene Texte aufgegriffen, die er aus unterschiedlichen Gründen liegenlassen hatte, unter anderem einen Roman. „Man entdeckt Neues durch die Rückbesinung auf sich selber,“ sagt Karlheinz Kluge schmunzelnd.

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