Offenburg

"Ich wollte das nicht missen"

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29. April 2021

60er-Jahre-Party im Offenburger Ritterhaus 2012: Joe Neckermann (vorne v.l.), Erwin Busam, Pit Köther; (2. Reihe v. l.), Claus Kaiser, Peter Oehler und "Wendy" Dieter Wendling; Jess Haberer, Peter Heiler, Gerald Gaißer und Marlon Grieshaber (Kulturbüro), sitzend Regina Brischle vom Museum. 

60er-Jahre-Party im Offenburger Ritterhaus 2012: Joe Neckermann (vorne v.l.), Erwin Busam, Pit Köther; (2. Reihe v. l.), Claus Kaiser, Peter Oehler und "Wendy" Dieter Wendling; Jess Haberer, Peter Heiler, Gerald Gaißer und Marlon Grieshaber (Kulturbüro), sitzend Regina Brischle vom Museum.  ©Iris Rothe

55 Jahre lang hat Dieter „Wendy“ Wendling Musik gemacht. Jetzt mit 70 Jahren tourt er nicht mehr, aber in seinem Studio ist er weiterhin aktiv und freut sich über Auftritte mit den Musikerkollegen aus der Ortenau.

Die Musikszene in der Ortenau ist reich an guten Bands, Musikerinnen und Musikern. Einer ist Dieter Wendling, den meisten besser bekannt als Wendy. Den Spitznamen – allerdings ursprünglich nicht mit „y“ – hatte ihm einst eine Schulfreundin verpasst, wie Dieter Wendling im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse erzählt. „Die Leute haben das anders geschrieben, und so ist es hängengeblieben.“ Dass man ihn auch heute noch im Alter von 70 Jahren so anredet, stört ihn nicht. „Viele wissen gar nicht, dass ich Dieter Wendling heiße“, sagt er lachend.

Wendling hat seine Musiker­zeit bestens dokumentiert. Fotos, Zeitungsausschnitte, Autogramme und Programme. Das ist ein dicker Ordner. Beim Blättern zeichnet sich nicht nur ein Bild von 55 Jahren Musikerkarriere ab, sondern auch ein ganzes Stück Musikgeschichte der Region.

Keine neue Band mehr

So langsam möchte er aber kürzertreten, sagt Wendling. „Nicht ganz aufhören, auch wenn ich derzeit nichts machen kann. Aber ich werde jetzt 70, es ist schon ein Riesenstress herumzureisen zu Auftritten. Es macht Spaß, sicher, aber es ist viel Arbeit. Auf- und abbauen, verladen.... Da hängen viele organisatorische Dinge dran, und das schaffe ich nicht mehr so“, erklärt er. „Einladungen zu einzelnen Konzerten nehme ich aber gerne an“, fügt er lachend hinzu. Zum Beispiel mit seinen „alten“ Musikerkollegen Peter Oehler oder Jess Haberer. „Aber eine Band zu führen oder aufzubauen in den ungewissen Zeiten – das ist schlecht. Wir können nicht proben. Das geht übers Internet nicht, das klappt taktmäßig nicht“, gibt er zu bedenken.

„Es war mir immer ein Anliegen, auch außerhalb Offenburgs und der Ortenau zu spielen“, sagt er. Vier Bands hatte er, mit wechselnden Besetzungen. Aus beruflichen Gründen hat er zwischendurch pausiert. „Als Marktleiter in der Lebensmittelbranche war ich viel unterwegs. Als ich 1992 zur Kronenbrauerei nach Offenburg wechselte, konnte ich wieder Musik machen.“ Neun Jahre hat er dann im Duo musiziert, danach mit einer Bluesband. Die letzte war Le Pond: „Bis 2018“, erinnert sich Wendling zurück. „Das war die letzte Band, zwei Franzosen und drei von hier. Da haben wir nette fünf Konzerte gemacht, auch in Frankreich“.

Gitarrenunterricht für Kinder

Seitdem arbeitet er in seinem Studio, schreibt Lieder mit deutschen Texten, die er auch auf CD aufgenommen hat. „Es kommen auch junge Leute in mein Studio für Aufnahmen. Ich mache gerne was für junge Leute“, sagt Wendling. So gibt er Kindern Gitarrenunterricht, schenkt manchen sogar die Instrumente. Dafür hat er Sponsoren gewonnen. Über 70 Kinder hat der Musiker so zum Gitarre spielen gebracht. „Zwei sind sehr erfolgreich geworden“, freut sich Wendling.

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Musik als Beruf hat er nie so richtig angestrebt, „auch wenn es durchaus ein Traum war“, gibt Wendling zu. „Man muss aber auch schauen, dass man einen Beruf hat“, sagt er. „Es gibt genug Musiker, die gerade so über die Runden kommen. Mein Vater hat mir damals ins Gewissen geredet.“ So wurde er Handelsfachwirt. Seine Kinder, erzählt er stolz, seien alle Akademiker.

Seine Geschichte begann, wie viele Bandgeschichten, in der Schulzeit. Da war er gerade mal 14. „Auf einem Schulausflug habe ich ‚Poor Boy’ von den Lords gesungen. Meine Schwester hatte die Platte. Die hat mir gefallen, da konnte ich mitsingen.“ Judy Winter war damals mit auf dem Ausflug. „Er hat gesagt, wir haben eine Band, und ob ich nicht zu den Proben kommen wollte“, erinnert sich Wendling. „Das war der Start.“
Als die Klosterschule Offenburg den Krimi „Das Geheimnis der roten Maske“ aufführte, war diese Band die „Kneipenband“, und die habe bei der Mutter Oberin großen Eindruck gemacht. „Der hat das so gut gefallen, dass sie um eine Zugabe gebeten hat, die ganze Stadthalle hat applaudiert. Bei den Mädchen im Kloster waren wir dann die Stars. So ging es dann bergauf mit unserer Band“.

"Tolle Kontakte"

Nachdem es zum Bruch gekommen war, lernte Wendling Peter Oehler kennen. Wendling erinnert sich: „Zwei langhaarige Typen“ hatten mit einem defekten Kabel vor der geschlossenen Musikalienhandlung Pfettscher gestanden. Die Musiker waren in großer Not, sollten sie doch an diesem Fasnachtstag spielen. „Ich habe sie mitgenommen zu meinem Bruder, der konnte das löten“. Im Tritschler sollte er dann singen, denn Peter Oehler hatte Wendlings Mikrofon gesehen. „Und so kam ich in die Band von Peter Oehler. Mit dem war ich auch bei der Mittwochsparty im Radio.“ Drei Jahre habe man zusammen gespielt, dann sei jeder seiner Wege gegangen. „Und ich wollte auch meine eigenen Sachen machen“.

Wendling denkt gerne zurück. „Ich hatte immer tolle Kontakte“, sagt er. Das Konzert der Lords in Goldscheuer zum Beispiel hat er nicht vergessen. Seine Band spielte damals 40 Minuten lang als Vorband. Oder die Begegnungen mit Carlos Santana, die Konzerte bei Daimler, auf der Tour de France oder beim Feldbergfestival. Und er erinnert sich an so manche Anekdote. Dass beim Feldbergfestival die Polizei sich angeboten hatte, auf seine Ausrüstung und den Bus aufzupassen, damit alle beruhigt im Hotel schlafen konnten, freut ihn noch heute.

"Gutes Leben"

Wie es zu diesen Auftritten kam? „Mundpropaganda“, sagt Wendling fröhlich. Er und seine Bands hatten eben einen guten Ruf. Musikmachen, das war nicht unbedingt Geld verdienen, betont Wendling. Es war Freude an der Musik. Deswegen spielte man auch für karitative Zwecke: Kinderkrebshilfe, Tsunamikatastrophe, gegen Krieg, für die Opfer der Naturkatastrophe auf den Philippinen. „Irgendwann kam ein Päckchen mit einem Banner, das war an einem der Lastwagen, die die Spenden an die Obdachlosen verteilt haben. Ein Dank auch von der Regierung“, blickt Wendling stolz zurück.
Wenn er nun auf die 55 Jahre zurückblickt, was empfindet er da? „Dass ich das nicht missen möchte. Wenn ich wieder auf die Welt käme, wollte ich das noch einmal erleben. Ich bin dankbar, dass ich ein solches Leben hatte“, sagt Wendling. Vielleicht hätte er ja auch studiert wie seine Geschwister und jetzt seine Kinder, „aber ich war nicht so fleißig“, fügt er lachend an. „Das Leben heute ist nicht ruhiger geworden, es ist anders“, meint er. „Es kommen immer noch die Anfragen, die Bitten um Hilfe“.

In seinem Haus steht auch noch die komplette Bandanlage. „Alles, was man braucht, wenn man touren will. Das gebe ich auch nicht her. Genauso wenig wie die handsignierte Gitarre von Chris de Burgh. Das ist mir alles sehr wertvoll“, sagt Wendling. „Ich hätte das schon verkaufen können, aber solange ich nicht in Not bin, geht von der Anlage nichts weg. Diese Dinge waren mit mir unterwegs, alles funktioniert noch, die sind 45 Jahre und älter“. Für Kenner sei das Equipment kostbar – wie die Fender-Gitarre. Für ihn bedeutet es weit mehr: „Das ist mein Refugium.“

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