Rom

In Italiens Museen wird das Rad zurückgedreht

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
23. August 2019
Cecilie Hollberg vor Michelangelos David. Sie muss die Galleria Dell'Accademia in Florenz verlassen.

Cecilie Hollberg vor Michelangelos David. Sie muss die Galleria Dell'Accademia in Florenz verlassen. ©dpa - Maurizio Degl' Innocenti/ANSA

Cecilie Hollberg hat Michelangelos David-Skulptur umsorgt und umhegt. Sie hat das Museum, in dem eines der bekanntesten Kunstwerke der Welt steht, ins 21. Jahrhundert befördert und gegen lähmende Bürokratie gekämpft.

In die Galleria Dell'Accademia in Florenz kamen in den vergangenen vier Jahren wesentlich mehr Besucher als zuvor. Doch der scheidenden populistischen Regierung in Rom gefiel ihr Vorgehen offenbar nicht. Nun wurde Hollberg entlassen. Und sie ist nicht die einzige ausländische Museumsdirektorin, die Italien verlässt.

«Es ist alles so absurd, im Juni wurde mir noch eine Verlängerung angeboten. Man hat mir keinerlei Begründung für die jetzige Entscheidung genannt», sagt die Historikerin aus Niedersachsen der Deutschen Presse-Agentur. Die Galleria soll nun mit der riesigen Gemäldegalerie der Uffizien in Florenz zusammengelegt werden. «Niemand weiß, wie und was geschehen soll.» Die Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und rechter Lega habe «eine Spur der Zerstörung» hinterlassen, indem ihrem und anderen Museen Autonomie genommen wurde und in der Zentrale in Rom die Fäden wieder zusammenlaufen.

Eigentlich noch Vertrag bis November

Hollbergs Vertrag lief eigentlich noch bis November. Ärger gab es allerdings schon länger. Denn Kulturminister Alberto Bonisoli von der Fünf-Sterne-Bewegung hielt nichts von der Reform seines sozialdemokratischen Vorgängers. Mit dieser wurden vor vier Jahren erstmals ausländische Direktoren in Italiens größten staatlichen Museen zugelassen. Eine Revolution in einem Land, in dem Ministerialbürokratie den Sprung in die Moderne oft verhindert hatte.

Die Kritik war damals groß. Italien hat die meisten Unesco-Kulturerbestätten der Welt. Von Nord bis Süd ist das Land pickepackevoll mit Schätzen von unermesslichem Wert. Über diesen Schatz wird mit Argusaugen gewacht.

Aber in welchem modernen Land gibt es das eigentlich noch, dass darüber diskutiert wird, ob ein Deutscher, ein Engländer, ein Amerikaner oder ein Italiener ein Museum besser führen kann? Der Kunstbetrieb ist seit langem vor allem eines: international. Die Qualität, nicht die Nationalität, sollte über die Besetzung eines Posten entscheiden.

Töne gegen Ausländer sind rauer geworden

- Anzeige -

Offenbar gilt das nicht uneingeschränkt in Italien, wo seit Sommer des vergangenen Jahres eine Regierung am Werk war, unter der Nationalismus salonfähig wurde. Vor allem der Innenminister Matteo Salvini verbreitet unter großem Beifall des Volkes den Slogan «Italiener zuerst».

«Die Töne gegen uns Ausländer sind immer rauer geworden. Wir sind nicht mehr erwünscht», sagte der Österreicher Peter Assmann, der das Museum im Palazzo Ducale in Mantua leitete. «Auf einmal heißt es überall «Italia nostra», «Unser Italien»», führte er im «Spiegel» aus. «Ich sehe Parallelen zur Machtergreifung der Faschisten vor dem Zweiten Weltkrieg. Salvini posiert und redet wie Mussolini.» Auch Assmann verlässt Italien, er geht im November nach Innsbruck. «Ich habe früh meine Antennen draußen gehabt. Man hört die Signale und die Botschaften. Italien hat einen unglaublich egoistischen Blick auf die eigene Gemeinschaft entwickelt.»

Was mit der Gegenreform von Bonisoli passiert ist unklar

Ein anderer Deutscher, der Italien den Rücken kehrt, ist der Kunsthistoriker Eike Schmidt. Er verlässt die Uffizien in Florenz und wechselt ans Kunsthistorische Museum in Wien. Die Entscheidung hat er allerdings schon vor rund zwei Jahren gefällt - also vor dem Antritt der Populisten-Regierung. «Die Entscheidung hat (mit dem politischen Klima) gar nichts zu tun», sagte Schmidt der dpa. Er sieht auch keine Ausländerfeindlichkeit als Grund für die Entscheidungen der Regierung bei der Besetzung von Posten. Dagegen spreche zum Beispiel die Ernennung des Franzosen Dominique Meyer als Intendant der Mailänder Scala oder des Deutschen Sebastian Schwarz am Königlichen Theater von Turin. Allerdings sieht Schmidt eine «ganz klare Tendenz zur Zentralisierung» in der Kulturpolitik.

Auch der Vertrag des deutschen Archäologen Gabriel Zuchtriegel bei der Ausgrabungsstätte Paestum wurde verlängert. Hollberg sieht ebenfalls nicht Ausländerfeindlichkeit als Grund für ihre Entlassung. Ihr Museum sei unheimlich erfolgreich gewesen und sie habe dort «aufgeräumt». «Vielleicht hat das nicht allen gefallen.»

Unklar ist nun, was mit der «Gegenreform» von Kulturminister Bonisoli passiert: Italien steckt in einer Regierungskrise. Die Allianz aus Sternen und Lega ist diese Woche geplatzt. Eine neue Regierung ist noch nicht in Sicht. Es könnte also durchaus die Gegenreform der Gegenreform geben.

Hollberg vermutet, dass die scheidende Regierung noch schnell das Werk der Vorgängerregierung zunichte machen wollte, «bevor sie tot umfällt». Die Einmischung der Politik in den Kulturbetrieb sei «eine große Gefahr», wie man zum Beispiel in der DDR gesehen habe. «Politik und Kultur haben nichts miteinander zu tun», sagt Hollberg. «Kultur braucht Kontinuität und kann nicht an Politik gebunden sein.» Vor allem nicht in Italien, wo Regierungen gerne jedes Jahr wechseln.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Liam Gallagher geht seinen Weg - ohne Bruder Noel.
vor 8 Stunden
Berlin
Liam Gallagher scheint mit sich selbst im Reinen. «Das hier ist ganz einfach, überhaupt keine Bürde.» Nach seinem erfolgreichen Start auf eigenen Beinen vor zwei Jahren empfindet er keinen Druck für die Debüt-Nachfolge. «Nur Freude, kein Stress», sagt der Ex-Oasis-Sänger über die Platte «Why Me?...
Die Bierkrüge stehen bereit - es kann losgehen.
vor 8 Stunden
München
Die Bierzelte stehen, Fahrgeschäfte drehen Proberunden, für die Sicherheit ist alles getan - und die Wetterprognose zum Wiesnstart in München an diesem Samstag ist perfekt: Oberbürgermeister, Festleitung, Wirte und Schausteller sehen dem größten Volksfest der Welt entspannt entgegen. Gut sechs...
Regisseur Schorsch Kamerun bei der Generalprobe des Musiktheaterstücks «Motor City Super Stuttgart».
vor 9 Stunden
Stuttgart
Die Bühne ist ein Loch mitten in der Stadt - ein gewaltiger Schlund, der sich auftut hinter den Bauzäunen zwischen Fußgängerzone, Planetarium und Park. Und für kurze Zeit ist die Bühne auch ein Boulevard, ein Beach, eine Besucherterrasse. 
David Schwimmer (l-r), Lisa Kudrow, Mathew Perry, Courtney Cox Arquette, Jennifer Aniston und Matt LeBlanc bei der Emmys-Verleihung 2002.
vor 9 Stunden
New York
Die Fernseh-Geschichte schrieb den 22. September 1994: Die Tür des New Yorker Cafés «Central Perk» ging auf, und herein kam eine junge Frau im Brautkleid, etwas verloren und hilfesuchend. Sie setzte sich zu fünf anderen jungen Leuten auf ein orangefarbenes Sofa - und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Wirkt wie eine Fotografie, ist aber ein Gemälde. Künstlerin Stefanie Krüger vor ihrer Autobahn-Tankstelle.
vor 15 Stunden
Neue Ausstellung beim Künstlerkreis Ortenau in Offenburg
Spiegelnde Wasserflächen und menschenleere Landschaften zeigt Stefanie­ Krüger in der Galerie im Artforum. Mit den realistisch wirkenden und doch nicht realen Gemälden eröffnet die Malerin am Sonntag, 22. September, 11 Uhr, die Saison beim Künstlerkreis Ortenau.
Die Theaterregisseurin Karen Breece hat sich intensiv mit Rechtsextremismus beschäftigt und ein Stück darüber geschrieben
19.09.2019
Berlin
Die Theaterregisseurin Karen Breece macht etwas Ungewöhnliches, wenn sie ein neues Stück schreibt. Sie greift zum Telefon, liest Studien und spricht mit Menschen.
Die kanadische Sängerin Feist beim Auftakt des Reeperbahn Festivals.
19.09.2019
Hamburg
Das Hamburger Reeperbahn-Festival ist am Mittwochabend mit einer großen Show im Stage Operettenhaus offiziell eröffnet worden. Durch den Abend führten die Autorin und Moderatorin Charlotte Roche sowie der britische Fernsehmoderator Ray Cokes.
Die Vorwürfe von Frauen wegen sexueller Belästigung gegen Placido Domingo haben Folgen für den Sänger.
19.09.2019
Wien
Der mit Belästigungsvorwürfen konfrontierte spanische Opernsänger Placido Domingo wird den Europäischen Kulturpreis dieses Jahr noch nicht erhalten.
Die Opera national du Rhin im Elsass.
19.09.2019
Berlin
Die Opéra national du Rhin im Elsass ist von Kritikern zum «Opernhaus des Jahres» gewählt worden.
Der britische Singer-Songwriter Sam Smith will nicht mehr mit einem männlichen Pronomen bezeichnet werden.
19.09.2019
London
Der britische Musiker und Oscarpreisträger Sam Smith will nicht mehr mit einem männlichen Pronomen bezeichnet werden. Statt «he» (er) soll im Englischen für ihn «they» beziehungsweise «them» benutzt werden, wie der 27-Jährige auf Instagram mitteilte.
Jürgen Stark.
19.09.2019
Kulturkolumne
Wer schreit, hat Unrecht. Wer auf einer Bühne politische Schreie von sich gibt, sowieso. Leider haben viele Deutsche ein ungenügendes historisches Bewusstsein, was sich jetzt auch beim umstrittenen Auftritt des Sängers Herbert Grönemeyer in Wien widerspiegelte.  
Im Kunstpalast werden mehr als 80 Kleidungssstücke und Accessoiress sowie Fotos und Filmmaterial gezeigt.
18.09.2019
Düsseldorf
Die Models trugen Minikleider, dazu hohe Stiefel und Handschuhe aus schwarzem Lackleder und auf dem Kopf eine schwarze Haube in Form eines Heiligenscheins: Mit diesem futuristischen Look machte der Pariser Modeschöpfer Pierre Cardin 1968 Furore.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 10.09.2019
    Feiern in Dirndl und Lederhose
    Fürs Oktoberfest nach München fahren? Das muss nicht sein! Denn die »Wunderbar« in Neuried-Altenheim holt das Event am 2. und 5. Oktober stilecht in die Ortenau – im beheizten Zelt mit Maßbier, Haxn und Live-Band.
  • 06.09.2019
    Die Edelbrennerei Wurth in Neuried-Altenheim feiert Mitte September ihr 100-jähriges Bestehen. 
  • Auch eine neue Brennerei wird am 14. September eingeweiht und vorgestellt.
    30.08.2019
    Am 14. und 15. September
    Die Edelbrennerei Wurth in Neuried-Altenheim feiert Mitte September ihr 100-jähriges Bestehen. Dafür öffnet Inhaber Markus Wurth ein Wochenende lang seine Tore und bietet außerdem exklusive Editionen seiner Kreationen an. 
  • 28.08.2019
    Relaxen und Genießen im Renchtal
    Das Ringhotel Sonnenhof in Lautenbach im Renchtal begrüßt seine Gäste mit einer einzigartigen Kulisse am Fuße des Schwarzwaldes. Ob im Restaurant, bei den Spa-Angeboten, für Tagungen oder Hochzeiten – der Sonnenhof ist die ideale Adresse zum Relaxen und Genießen.