"Wortreich" im Kehler Kulturhaus

Inka Meyer und "der Teufel trägt Parka"

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 3 Minuten
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17. Februar 2020

Charmant und witzig kann Inka Meyer beißende Kritik servieren. ©Nina Saam

Wir sind zu dick, zu alt und Falten haben wir auch – die Kabarettistin Inka Meyer zeigte am Sonntag im Kehler Kulturhaus auf ebenso entlarvende wie vergnügliche Weise die Auswüchse der grassierenden Selbstoptimierung auf. 

Inka Meyer nimmt in ihrem Programm „Der Teufel trägt Parka“ witzig und eloquent, aber mit harten Fakten, harscher Gesellschaftskritik und einer manchmal recht deutlichen Sprache Modediktat und Schönheitswahn ins Visier. So zielt sie auf die allgegenwärtigen Fellränder an Kapuzenparkas, die nicht selten – entgegen anderslautender Beteuerungen – aus Echtpelz bestehen. Ein Drittel der Fellexporte aus chinesischen Tierfarmen gehen nach Deutschland, obwohl hierzulande eigentlich keiner Pelz tragen möchte. „Machen Sie die Feuerprobe“, rät Inka Meyer dem Publikum. „Wenn es stinkt, dann zünden Sie den Laden gleich mit an.“

Was tun die Menschen nicht alles, um Ideale zu erfüllen und Dresscodes zu entsprechen. Da sind die „Heels Angels“, die stöckelschuhtragenden Frauen, die bei einem Hallux Valgus eher den Orthopäden wechseln würden als das peinigende Schuhwerk, oder die coolen Rapper, deren Hosen zwingend auf Höhe der Kniekehle hängen müssen. „Wenn Vattern früher so in die Stube kam, war das Lokuspapier alle“, konstatiert Inka Meyer knapp. 

Eigene Rezepte

Typisch deutsch sei dagegen, dass man Paare nicht mehr am Ehering, sondern am Jack-Wolfskin-Jacken-Partnerlook erkennt. Und zum Heimatland von Ötzi hat sie ihre eigene Theorie: Er kann nur ein Deutscher gewesen sein. „Die Deutschen sind das einzige Volk, das in Sandalen ins Hochgebirge geht.“ Nach dem gängigen Schönheitsideal und dem Body Mass Index („ab einem BMI von 40 können Sie als Hüpfburg arbeiten“) sind die Hälfte aller Deutschen „gravitativ benachteiligt“. 

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Für die Industrie ein im wahrsten Sinne des Wortes dickes Geschäft, hält sie doch wirkungsloses Superfood, einengende „Wellness-Wear“ und allerlei Abnehmhilfen für teures Geld bereit, von der Starkbier-Diät („da fehlen mir nachher nicht nur drei Kilo, sondern auch drei Tage“) bis zum Aronia-Tee der Hildegard von Bingen, auch wenn der amerikanische Kontinent, von dem diese Beere stammt, zu Lebzeiten der heilkundigen Ordensfrau noch gar nicht entdeckt worden war.Inka Meyer hat ihre eigenen Rezepte. 

So empfiehlt sie, nackig baden zu gehen, um das Problem mit der Bikinifigur zu umgehen. Oder man gibt seinem Partner den Laufpass, haben doch findige Forscher herausgefunden, dass eine Trennung schlanker macht. 
Für die im Fränkischen geborene Kabarettistin mit friesischem Migrationshintergrund nur logisch: „Der Single guckt in den Kühlschrank und geht ins Bett. Der Ehepartner guckt ins Bett und geht an den Kühlschrank.“ 

Intelligent, frech und unbekümmert mixt sie unbequeme Wahrheiten und steile Thesen mit Wortwitz und Klamauk, zitiert Kant, aus der Bibel und aus Werbeanzeigen der Hochglanzmagazine und zeigt dabei Abgründiges und Absurdes auf – wie die Werbung für Schönheitsampullen, mit denen die Haut geliftet, gesmootht und geboostet werden soll: „Das macht mir Angst. Das klingt, als wolle man ein Moped frisieren.“ Gefördert werde das Unwohlsein am eigenen Körper durch die Allgegenwart retuschierter Bilder von makellosen Idealwesen ohne Falten und Orangenhaut.

Letztendlich hält Inka Meyer mit ihrem Programm ein starkes Plädoyer für die Natürlichkeit und ein Älterwerden in Würde: „Natürlich ist es schlimm, auf die 50 zuzugehen. Noch schlimmer ist es aber, wenn man aus der falschen Richtung kommt.“

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