Ausstellung in der Fondation Beyeler

Jahrhundertkünstler Auguste Rodin trifft Dadaist Hans Arp

Autor: 
Hans-Dieter Fronz
Lesezeit 4 Minuten
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09. Januar 2021
Auguste Rodins Skulptur „Der Denker“ wurde aus Bronze gefertigt.

(Bild 1/2) Auguste Rodins Skulptur „Der Denker“ wurde aus Bronze gefertigt. ©MAH, Genève, Photo Flora Bevilacqua

Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zeigt in einer umfangreichen Skulpturenschau die Affinitäten und die Unterschiede zwischen dem Jahrhundertbildhauer und dem Dadaisten. Beide haben den Torso zum gültigen Kunstwerk erhoben.

Ein größerer Gegensatz scheint kaum denkbar: Hier Auguste Rodin (1840-1917), der Jahrhundertbildhauer und Begründer der modernen Skulptur, der den ganzen Ballast der Tradition, von der er sich in seinen Werken doch selbstbewusst löste, stets noch  auf seinen Schultern trug: als Material, an dem es sich abzuarbeiten galt. Für den Schönheit immer die zentrale Kategorie der Kunst geblieben war, auch wenn sie in seinen Skulpturen stark mit Ausdruck aufgeladen erscheint. Der den Bezug zu den antiken Mythen aufrechterhielt, wenngleich er als Künstler-Schöpfer glaubte, nach  Belieben mit ihnen schalten zu dürfen. Und der bei aller Beseeltheit seiner Figu-rendarstellungen etwas vom heroischen Pathos der vormodernen Skulptur wahrte: Man denke nur an die pathetische Geste der „Bürger von Calais“.
Hier also Rodin – und dort Hans Arp (1886-1966), der Schriftsteller-Künstler, Dadaist und  Bürgerschreck, der das Moment des Zufalls in die Plastik einbrachte. Dem hehre  Geistigkeit, wie sie frühere Zeiten noch hochhielten, nichts mehr bedeutete, und  der sich von der Gegenständlichkeit und Figürlichkeit in die Abstraktion verabschiedet hatte. Ungeniert brachte er den Humor in die Plastik ein. Zu alledem war Arp – im Unterschied zu Rodin, in dessen plastischer Kunst ein dramatisches Moment  lebendig ist – als Bildhauer eine mehr lyrische Natur.

110 Werke zu sehen

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Nichts also könnte abwegiger erscheinen als das Bemühen, just diese beide  Künstler zueinander in Beziehung zu setzen, sowie Raphael Bouvier es tut, der  Kurator der neuen Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. „Rodin – Arp“ ist eine Kooperation mit dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck in  Remagen und in Zusammenarbeit mit dem Musée Rodin in Paris entstanden. Ausgestellt sind rund 110 Werke, neben Skulpturen auch Zeichnungen und Collagen beider Künstler sowie eine Reihe Arp’scher Reliefs. Die Präsentation ist eine der bislang umfangreichsten Skulpturenausstellungen der Fondation.
Unbeschadet des bisher Gesagten gibt es freilich gute Argumente für die Ausstellung. Das wird gleich an ihrem Beginn deutlich. „Hommagen und  Affinitäten“ sind die beiden ersten Säle überschrieben. Sie versammeln Werke Arps, die er explizit zu Rodin in Beziehung setzte. So erweisen zwei „Automatische Skulpturen (Rodin gewidmet)“ in Granit und Gips von 1938 dem gut zwei Jahrzehnte zuvor verstorbenen Kollegen bereits im Titel Reverenz.
Bouvier stellt ihnen eine Skulptur Rodins zur Seite, zu der die Arp’schen auffällige Ähnlichkeiten aufweisen: „Die Kauernde“. So wirken die beiden  Bildwerke Arps wie ins Abstrakte gespielte Varianten der Bronze Rodins. Von dem Franzosen und von seiner Marmorskulptur „Paolo und Francesca in den Wolken“ dürfte auch schon Arps 1918, im Jahr nach Rodins Tod entstandenes Relief mit  dem Titel „Paolo und Francesca“ inspiriert sein. Die beiden Liebenden aus Dantes Göttlicher Komödie hat Rodin auch in dem berühmten und ikonischen Werk „Der  Kuss“ verewigt. In Riehen ist es in drei Abgüssen präsent, darunter eine große Außenskulptur im Park des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst.

Gegenüberstellung der Großskulpturen 

Am Beginn des Parcours erhellen zwei gleichsam konfrontativ einander gegenübergestellte Großskulpturen fundamentale Unterschiede zwischen beiden Künstlern. Rodins „Denker“ in einer überlebensgroßen Fassung aus der Kunsthalle Bielefeld tritt Arps „Ptolemäus“ gegenüber. Trotz des Namens im Titel ist Arps Skulptur nicht figürlich, auch nicht gegenständlich. Der Titel des nahezu geometrisch-abstrakten Werks verweist auf das Ptolemäische Weltbild kosmischer Harmonie, mit der unbewegten Erde im Zentrum. Arps Skulptur arbeitet mit Hohlräumen; sie schließt Leere ein. Demgegenüber hat Rodins „Denker“ keine  weltanschauliche Implikation. Bis in den athletisch zerklüfteten Rücken hinein  ist die Skulptur reine figürliche Konkretion.
Gleichwohl kann die Ausstellung neben den bereits genannten auch auf eine ganze Reihe weiterer Momente von Verwandtschaft und Affinität zwischen beiden  Künstlern verweisen. So auf motivische Bezüge wie den Schlaf, den menschlichen  Schatten oder die (schöpferische wie zerstörerische) menschliche Hand. Zudem auf  gedankliche und thematische Parallelen wie die Idee von Wachstum, Verwandlung und Verfall. Gleichermaßen wichtig sind für Rodin wie für Arp Prozessualität und Experiment. Und beide arbeiten mit dem Zufall als künstlerischem Prinzip und erheben den Torso zum gültigen Kunstwerk.

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