Kehl

Kabarett als Wortchirurgie

Autor: 
Simona Ciubotaru
Lesezeit 3 Minuten
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19. Oktober 2021
Jess Jochimsen gibt in seinem Programm humorvolle Antworten auf schwierige Fragen. 

Jess Jochimsen gibt in seinem Programm humorvolle Antworten auf schwierige Fragen.  ©Simona Ciubotaru

Jess Jochimsen beschäftigte sich in Kehl mit der Lage der Nation. Auch der Künstler genoss die Liveshow im Kulturhaus und vor allem den Beifall des Publikums.

Das Kulturbüro lud vor 19 Monaten den Freiburger Kabarettisten Jess Jochimsen nach Kehl ein. Coronabedingt wurde seine Show immer wieder verschoben. Am Sonntag kam er endlich und vergnügte das Publikum im Kulturhaus mit seinem brillanten Humor, mit lustigen Liedern und aberwitzigen Dias.
Er betritt die Bühne und der Applaus donnert schon: Jess Jochimsen ist seit langem eine feste Größe auf den deutschsprachigen Kleinkunstbühnen - er sei der Beste seiner Generation, munkelt man sogar. Studiert hatte er Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie, seit 1995 tourt er als freiberuflicher Showman und arbeitet für Hörfunk, Fernseh und andere Medien. Das vielfach preisgekrönte Multitalent ist zudem auch Fotograf, spielt mehrere Instrumente, komponiert, schreibt Bücher.
Ah, wie gut das ihm täte, endlich Bühne, Liveauftritt, Applaus! Also möge man, bitte, das wiederholen! Und tatsächlich: er geht von der Bühne, erscheint dann wieder – Taraaa! - und das Publikum lacht schon vergnügt und applaudiert noch mehr.
Seine neueste Show „Meine Gedanken möchte ich manchmal nicht haben“ ist im Zuge der Coronakrise entstanden und beschäftigt sich mit der „Lage der Nation“, über die der Kabarettist eigentlich kein festes Bild habe, wie er am Anfang der Show „zugibt“. Der Lockdown sei ihm wie ein böser Traum vorgekommen: die Absage von Veranstaltungen, geschlossene Säle, Agonie, Panik, Schlaflosigkeit. Sein erster Auftritt habe dann in einem Autokino stattgefunden, auf einem Parkplatz. Das Gelächter wurde durch Autohupen ersetzt – das sei eine „demütigende Lebenserfahrung“ für ihn gewesen. Jochimsen erzählt das aber auf eine Art, die wieder zur Belustigung der Zuschauer führt. Trotzdem lachen – eine ideale Therapiealternative?

Keine Gesprächskultur

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Dass die Coronazeit Spuren in den Menschen und im Umgang untereinander hinterlassen hat, stehe außer Frage. Und auch, dass die alte Normalität nicht wiederkehren wird, so Jochimsen. Wo blieben die Gelassenheit, die Vernunft, die Solidarität? Man habe gar keine Gesprächskultur mehr – wer hat in den letzten 19 Monaten überhaupt ein tiefsinniges Gespräch noch geführt, ohne das Wort Corona zu benützen? „Bist Du geimpft?“ sei das neue „Hallo, wie geht es Dir?“ geworden.
Die Zahlen würden unseren Alltag dominieren, sagt der Kabarettist. Aber gerade dabei würde Mathematik und ein klares Denken helfen. Die Umkehroperation und die mathematische Logik würden gegen die Angstmacherei wirken. Aus dem Gedanken heraus entwickelt Jochimsen eine Reihe von Fragen, die die gewöhnlichen Denkmuster sprengen und sehr humorvolle Antworten erhalten.
Zahlreiche Themen folgen rapide aufeinander, Jochimsen betreibt dabei präzise Wortchirurgie – seine Worte schneiden Muster aus der Realität heraus, wie aus einem Gemälde, wirken scharf wie Skalpelle, ironisch, provokativ bitterböse, aber immer mit Tiefgang. Selbstverständlich geht es um Politik, auch um den Umgang mit gebildeten Ausländern, die hierzulande nicht selten Drecksarbeiten machen, um Flüchtlinge, Kritik an der Diskriminierung der Armen, die Wahlen.
Denkspagate
Der Blickwinkel des Künstlers ist dabei immer intelligent, ungewöhnlich. Situationskomik, Sprachkomik, lustige Lieder und aberwitzige Dias – ein Konglomerat mit klaren Konturen, sehr dicht, nichts wurde außer Acht gelassen und ist stets von subtilem Humor durchdrungen. Jochimsens Diskurs strapaziert die Lachmuskulatur des Publikums und zwingt gleichzeitig zu Denkspagaten.

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