Acherner Kulturreihe "Gong"

Kabarettist Alfons und die Weisheiten von Grandmère Erica

Autor: 
Wolfgang Winter
Lesezeit 3 Minuten
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20. Oktober 2020
„Jetzt noch deutscherer“ präsentierte sich Kabarettist Alfons in seinem neuen Programm.

„Jetzt noch deutscherer“ präsentierte sich Kabarettist Alfons in seinem neuen Programm. ©Daniela Busam

In seinem neuen Programm „Jetzt noch deutscherer“, das Kabarettist Alfons am Freitag in zwei Vorstellungen der Acherner Kulturreihe „Gong“ in der Schloßfeldhalle Großweier präsentierte, wurde die deutsch-französische Geschichte greifbar gemacht. 

Kabarettisten, die ihre Lebensgeschichte für die Bühne ausschlachten sind im Genre keine Seltenheit. Für einen Lacher wird da ohne mit der Wimper zu zucken der engste Familienkreis ans Messer geliefert. Alfons, der rasende TV-Reporter mit Puschelmikro und orangener Trainingsjacke ist da aus einem anderen Holz geschnitzt. In seinem neuen Programm „Jetzt noch deutscherer“, das Alfons am Freitag in zwei ausverkauften Vorstellungen der Acherner Kulturreihe „Gong“ in der Schloßfeldhalle Großweier präsentierte, wurde die deutsch-französische Geschichte von der NS-Zeit bis zur Gegenwart in seiner Vita greifbar gemacht. 
Der Anfang der dramatischen Reise begann heiter und unbeschwert. Alfons erzählte von einem Brief, in dem ihm Olaf Scholz, damals noch Hamburgs Stadtoberhaupt, vorschlug, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. „Wie kannst Du nur“, wetterten Jean-François und Jérôme, die  Busenfreunde des in Paris geborenen Spaßmachers.

Andere Mentalität

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 Schließlich sei die Mentalität der beiden Nationen viel zu unterschiedlich. Statt zum Beispiel, wie die Gelbwesten der Grande Nation, nach Lust und Laune zu protestieren, müsse man in Deutschland dem Ordnungsamt mitteilen, morgen ab 14 Uhr wütend zu sein, witzelte Alfons. Und überhaupt: „Deutsche sind diszipliniert, pünktlich und effizient, Franzosen normal“. 
Alfons lässt das Für und Wider Revue passieren bis ihm scheinbar spontan seine Großmutter einfällt. Grandmère Erica habe ihn bereits als Baby in den Bann geschlagen und zum Lachen gebracht. Seine unbeschwerte Kindheit und Jugend wird von Alfons zum Leben erweckt. Im französischen Fernsehen seien damals Filme gelaufen, die Deutsche als Holzköpfe, als „Boches“ vorführten. Sie wurden als uniformierte, Stahlhelm tragende Nazis gezeigt, die auf ihren schweren Motorrädern den Autos der Résistance hinterher jagten und dabei mit schöner Regelmäßigkeit im Bach landeten. 
Es gab aber auch eine Gemeinsamkeit mit den Deutschen, erzählte Alfons. Die Jugendlichen von „Hiewe“ und „Driewe“ amüsierten sich gleichermaßen über die französischen Yps-Hefte und die Urzeitkrebs-Aktionen des Blattes. Als Alfons seinen Urgroßvater, den Chemiker André Wahl erwähnt, nimmt die mit dokumentarischen Fotos belegte Geschichte eine dramatische Wende. 

Urgroßvater im KZ

Der Professor für Industriechemie an der Fakultät für Naturwissenschaften von Nancy, ein erfolgreicher Entdecker, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Grandmère Erica folgte ihm freiwillig im Viehwagon. Die Hölle des KZ hat der Urgroßvater nicht lange überlebt. Wie Erica in Auschwitz davon erfuhr, erzählt Alfons in einem einzigen, schmerzlich unter die Haut fahrenden Satz. 
Er verweilt aber nicht bei diesem schrecklichen Bild, berichtet lieber vom glücklichen Ausgang. Dass Alfons von Olaf Scholz die Einbürgerungsurkunde bekam und wie sich die Großmutter retten konnte. Sie habe sich sogar mit einem in Auschwitz tätigen Aufseher versöhnt. 
Grandmère gab ihrem geliebten „petit tête“, wie sie ihren Enkel nannte, eine Reihe von Weisheiten mit auf den Weg. Allein um sie zu hören, lohnte eine Eintrittskarte zu lösen. Und für „Göttingen“, dem Frieden und Freundschaft stiftenden Chanson der französischen Sängerin Barbara, das Alfons am Ende  seines Programms beherzt anstimmte. Eine junge Pianistin begleitete kongenial. Die Besucher applaudierten begeistert.

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