Baden-Württembergische Übersetzertage in Kehl eröffnet

Kritiker Denis Scheck vermisst den Dialekt in der Literatur

Autor: 
Oscar Sala
Lesezeit 4 Minuten
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22. November 2019
Denis Scheck sorgte für eine unterhaltsame Eröffnung der Übersetzertage.

(Bild 1/2) Denis Scheck sorgte für eine unterhaltsame Eröffnung der Übersetzertage. ©Oscar Sala

Die Baden-Württembergischen Übersetzertage wollen vom 20. bis 28. November mit mehr als 30 Veranstaltungen die Kunst des Übersetzens auf spannende und unterhaltsame Art vermitteln. Literaturkritiker Denis Scheck eröffnete die zwölfte Ausgabe am Mittwochabend im Kehler Kulturhaus.

 Er wird von vielen Leserinnen und Lesern geliebt, von nicht wenigen Autoren und Verlegern dagegen gefürchtet. Denis Scheck ist der Mann, der die Bestseller in der ARD-Literatursendung „Druckfrisch“ in die Papiertonne schmeißt. In der Tat geht Scheck mit Büchern, die seinen Ansprüchen nicht genügen, nicht zimperlich um. Dafür achtet der medien­wirksame Literaturkenner die Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer der Weltliteratur  umso höher – „Helden“, die oftmals regelrechte sprachliche Wunder vollbringen. Grund genug für die Veranstalter der 12. Baden-Württembergischen Übersetzertage den renommierten Kritiker, Journalisten und Übersetzer nach Kehl zu holen.  

Wenn der stets mit Slips und Anstecktuch tadellos gekleidete Scheck kommt, dann wird es nicht langweilig: Unter dem Titel „Vom literarischen Übersetzen und dem Aturen-Papagei“ hatte der Gastredner im vollbesetzen Saal des Kulturhauses gleich zu Beginn jede Menge Kritisches zu vermerken: „In keiner Branche in Deutschland wird der Weltuntergang so kultiviert wie im deutschen Literaturbetrieb … ich kann dieses Lamento nicht mehr hören“. 

Flaches Einheitsdeutsch

Doch nach der Anfangstirade nimmt der Vortrag eine Wende. „Der Aturenpapagei der Gegenwart heißt der Dialekt“, bemerkt Scheck, der die Mutlosigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur beklagt, nicht aus dem Reichtum ihrer vielen Sprachen zu schöpfen. Jedes Mal, wenn er die Frankfurter Buchmesse besuche, müsse er an das Gedicht „Leider nicht auf dieser Messe“ von Robert Gernhardt denken. Hier werde in einem Deutsch geschrieben, dass die Herkunft des Autors verrät, so Scheck. In einem Großteil der deutschen Gegenwartsliteratur werde allerdings „ein flaches Einheitsdeutsch gesprochen, die vom Dialekt geprägte deutschsprachige Sprachwirklichkeit wird hingegen systematisch ausgeblendet“. 

Dies habe sehr viel mit der Angst zu tun, provinziell zu wirken, glaubt Scheck. Aber: „Nichts ist in meinen Augen so provinziell wie die Angst der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vor dem Dialekt“. Für den schwäbischen Kritiker, der selbst zwischen Dialekten aufgewachsen ist, ein Unding. Schecks Kindheit war „ein Wirrwarr von Geschrei und Geflüster, ein Wispern, Brummen und Summen…. ein Füllhorn an Stimmen mit dialektalen Einfärbungen und Klängen“. 

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Die Augsburger Puppenkiste habe sich durch dialektalen Reichtum ausgezeichnet, „der die sprachliche Lebenswirklichkeit des Landes, in dem ich aufgewachsen bin, perfekt abbildete“. Scheck erinnerte sich an den Seelöwen aus „Urmel aus dem Eis“, der eigentlich kein Seelöwe sei, sondern ein See-Elefant, ein „Seele-Fant“. Ein Wesen mit viel Seele und ostpreussischem Akzent: „Nur wör die Äinsamkäit kännt, / Wöiss was ich läide!“

Dieser Seele-Fant erinnerte ihn wiederum an eine Lyrikerin ungarischer Herkunft, die er während einer Lesung getroffen habe, die im bestem „Marika-Rökk-Hoch-das-Bäin-Deutsch“ meinte: „Immär, wenn ich rühre in Kochtopf, ich schreibe Lyrick!“. Aber auch all die anderen Sprachen, wie Jiddisch, Bayrisch und Hessisch, das nahe Elsässisch, hätten ihn geprägt.

Hans Moser und Theo Lingen

„Alte Frauen in langen Röcken“ wie bei Günter Grass würden seine Kindheit bevölkern, meinte der Literaturkritiker. Märchen und Geschichten, Geschichten aus der alten Heimat, „Geschichten von verlorenen Kriegen, verlorenem Besitz und verlorenen Menschen“. Aus Radio und Fernsehen waren noch ganz andere Sprachen zu hören: die Wienerischen Dienstmann-Suaden von Hans Moser oder das näselnde Hochdeutsch des Theo Lingen. 

Wie einem deutschen Dichter seine Muttersprache in den Ohren klinge, das habe Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht „Heimkunft. An die Verwandten“ beschrieben, erinnerte Scheck. Diese Sprache sei für unseren Ohren zunächst fremd, doch sie entfalte schnell ihren Zauber. 

Passend zum Thema ging die Auftaktveranstaltung der Übersetzertage mit „Grenzgänger“ zu Ende, einem Song der World Hip-Hop Band Zweierpasch, die den Abend auf Französisch und Deutsch musikalisch umrahmte. 

Stichwort

Grußworte

„Die Übersetzertage werden uns unseren französischen Nachbarn näher bringen, aber auch die Kultur von Menschen aus anderen Nationen vermitteln, die bei uns in unserer bunten Stadt leben“, betonte der Kehler Oberbürgermeister Toni Vetrano bei der Eröffnung der 12. Baden-Württembergischen Übersetzertage im Kulturhaus. 
Andreas Schüle (Referatsleiter für den Bereich Literaturförderung beim Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg) überbrachte die Grüße des Landes und stellte fest: „Es gibt kaum eine Stadt in Baden Württemberg, in der die Veranstaltung eines Festivals für Übersetzerinnen und Übersetzer so nahe liegt wie in Kehl. Hier in Kehl, der Brücke zu Frankreich, erleben Sie jeden Tag wie wichtig es ist, eine fremde Sprache gut zu verstehen – und eben nicht nur die Sprache, sondern die Mentalität und Kultur des Nachbarn“.
„Beim Übersetzen geht es wahrlich nicht nur um Vokabeln… Der vieldeutige Sinn von Wörtern muss erfasst und gedeutet werden, eine große Kenntnis des Ausgangslandes ist Voraussetzung – Wissen, das man nicht bei Google findet“, betonte Bärbel Flad, die Vizepräsidentin des Freundeskreises zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen. Bei der Veranstaltung gehe es vor allem darum, die Arbeit der Übersetzer aufzuwerten. 

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