Ausstellung

Alexander Rodtschenko war stets auf der Suche nach Neuem

Autor: 
Hans-Dieter Fronz
Lesezeit 4 Minuten
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11. August 2017
Zwei ganz unterschiedliche Werke von Alexander Rodtschenko: oben die Raumkonstruktion »Construction spatiale suspendue, cercle n°8 (1920– 1921), rechts die Fotografie »Portrait de ma mère« (1924).

Zwei ganz unterschiedliche Werke von Alexander Rodtschenko: oben die Raumkonstruktion »Construction spatiale suspendue, cercle n°8 (1920– 1921), rechts die Fotografie »Portrait de ma mère« (1924). ©Adagp, Paris 2017

Das Puschkin-Museum in Moskau besitzt die umfangreichste Sammlung von Werken des russischen Künstlers und Designers Alexander Rodtschenkos. Colmars Unterlindenmuseum in bietet mit rund 100 Werken einen Querschnitt.

In seinen frühen Manifesten zur abstrakten Malerei bezog sich Alexander Rodtschenko (1891-1956) gern auf Kolumbus, Edison und Charlie Chaplin. Und das nicht von ungefähr. Denn so wie seine Vorbilder auf ihren Gebieten Neuland betraten, schloss der russische Maler, Bildhauer und Fotograf selbst neue Räume für die Kunst auf.
Innovation war Rodtschenkos Anspruch. »Jedes meiner Werke ist eine neue Erfahrung, die sich nicht ums Vergangene schert; ich setze mir stets neue Ziele«, schrieb er einmal. Neues zu entdecken war geradezu die Maxime seiner Kunst. Neben seinen Landsleuten Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin gilt Rodtschenko heute als wichtige Figur der russischen Avantgarde und eine der großen Persönlichkeiten der modernen Kunst. Eng ist sein Name mit den revolutionären Umwälzungen in Russland während und nach dem Ersten Weltkrieg verbunden. 
100 Jahre nach der Oktoberrevolution von 1917 zeigt jetzt das Unterlindenmuseum in Colmar in der Ausstellung »Rodtschenko. Sammlung Puschkin« rund 100 Werke aus der Sammlung des Staatlichen Museums für Bildende Kunst A. S. in Moskau: neben Bildern und Grafiken, Skulpturen und Fotografien auch Design-
Entwürfe für Geschirr oder Entwürfe für Buchcover sowie Produktreklame.
Dank Hunderten von Werken, die 1991 durch Schenkung der Nachfahren in den Besitz des Ausstellungshauses gelangten, darf das Puschkin-Museum die weltweit größte Rodtschenko-Sammlung sein eigen nennen. Zur Eröffnung der Schau in Colmar äußerte Direktorin Marina Lochak die Hoffnung, dass dies der Anfang einer engen Zusammenarbeit beider Museen sei.

1925 erstmals in Paris

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Rodtschenkos Beziehungen zu Frankreich datieren viel früher. 1925 gestaltete der Künstler den russischen Pavillon bei der Internationalen Ausstellung für Kunstgewerbe und Industriedesign in Paris mit. Mit einem Koffer eigener Werke und der Hoffnung, eine Galerie für eine Ausstellung zu finden, war Rodtschenko an die Seine gereist. Die Hoffnung erfüllte sich nicht, doch immerhin reiste der Künstler mit einer Silbermedaille für eine Arbeit im Gepäck wieder nach Hause.
Die Ausstellung in Colmar beleuchtet Rodtschenkos Schaffen in all seinen Facetten. Malerei markiert den Beginn. Analog zu anderen Kunstgattungen analysiert Rodtschenko, ausgehend von Malewitschs und Tatlins abstraktem Vokabular, die Elemente und Materialien der Malerei, um sie sodann neu zu kombinieren. Figürliche und gegenständliche Malerei lehnte er ab. 
Dennoch floss in seine analytischen Abstraktionen bisweilen unvermerkt Reales ein. So entstand 1920, in der Zeit seiner Beschäftigung mit Astronomie, eine Komposition mit farbigen Punkten auf schwarzem Grund, die spontan an einen nächtlichen Sternenhimmel denken lässt.
Die Ausstellung bietet auch Beispiele von Rodtschenkos grafischer Kunst; die Linie ist ihre Hauptakteurin. Auch einige der Raumkonstruktionen mit ihrer luftigen Geometrie aus Kreisen, Ovalen und Geraden werden geboten. Zwischen 1918 und 1923 sind sie in drei Serien zu jeweils sechs Werken entstanden. 
Früh wurde die Collage zu einem Parameter seiner Bildkunst. Wie das konstruktivistische Prinzip findet sie Anwendung noch in Rodtschenkos zukunftsweisenden Architekturentwürfen. Auch in Design-kreationen wie Möbel, Kleidung, Buchumschlägen oder Keramik. Wie die Gebrauchskunst sind die ausgestellten Reklameentwürfe des Künstlers – etwa für Tafelöl, Confiserie oder für Filme wie Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« –im Kontext der revolutionären Ideale einer gerechten modernen Gesellschaft zu sehen.

Einer der großen Fotografen

Ganz nebenbei ist Rodtschenko einer der großen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Ob er seine Mutter ablichtet oder die Ehefrau Warwara Stepanowa, den Freund und Dichter Majakowski, einen blasenden Trompeter oder Architektur: Stets haben die Aufnahmen eine besondere Note, fallen sie auf durch ungewöhnliche Perspektiven oder formalen Einfallsreichtum – getreu Rodtschenkos Streben nach Originalität und Innovation.
»Rodtschenko – Sammlung Puschkin«, Unterlindenmuseum, 1 Rue des Unterlinden, Colmar. Bis 2. Oktober, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Dienstag geschlossen. Führungen in Deutsch am 13., 20. und 27. August, 17. September, 1. Oktober, jeweils 11 Uhr, Reservierung unter • 0033/3/89 20 22 79 oder E-Mail: reservations@musee-unterlinden.com

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