Kultur-Kolumne

Alle Jahre wieder: Romantik und Schneegestöber

02. Dezember 2017
&copy Iris Rothe

Vom Feldberg über das Hohe Horn bis runter in die Rheinauen singen jetzt alle pünktlich zum ersten Advent mit Bing Crosby: »I’m dreaming of a white Christmas«. Kein silbernes Lametta und keine goldenen Christbaumkugeln können uns helfen, wenn die Hügel grün und die Straßen grau am Abend schimmern. Bing Crosby schob deshalb damals gleich in Zeile zwei nach: »Just like the ones I used to know«. Ja, wir erinnern uns, auf glatten schneeweißen Gehwegen mit Last-Minute-Geschenken unterm Arm, bedroht von Schneebällen jugendlicher Rabauken, die sich köstlich am klebrigen weißen Puder erfreuten. 

Das ist die Weihnachtszeit! 

Schon seit Jahren erscheint uns Weihnachten doch eher wie ein schnöder Event im weißen Wattebausch, umzingelt von Preisschildern im Kaufhaus und besungen von Pop- und Superstars, die uns im  Pulk unter dem Chornamen Band Aid fragen: »Do They Know It’s Christmas?« Ja, Danke, Mit-Sänger Bono von U2, wir haben kurz vorm Fest nun auch erfahren, wo dein Konto wohnt. Ein Chorknabe bist du nicht, wie die Steuerfahnder aus aller Welt nun dank der geleakten »Paradise Papers« erfahren haben. 
Schnöder Mammon lenkt auch völlig vom Ursprung und seiner feinen Spiritualität ab. 

Wenn unsereins denkt, die Mutter aller Weihnachtslieder sei unser »Sti – hi – lle Nacht, hei – li – ge Nacht«, dann irren wir. Denn der gute alte Gassenhauer ist zwar schon satte 200 Jahre alt, damit aber im Bereich der Gattung Weihnachtslieder ein eher noch junger Hüpfer. 
Es war tiefstes Mittelalter, als beim Schein der Kerzen den Kirchgängern und kirchlichen Predigern ein Licht aufging. Es entstanden Lieder für die Abläufe und Zeremonien des hochheiligen christlichen Festes, Lieder für den Gottesdienst und einen sakralen Moment der Menschheitsgeschichte. Das Christkind ward geboren, Hallelujah, ein Moment der Freude, der Andacht, der Besinnung. 

Vom Himmel hoch...
Unsere Zeitrechnung geht immerhin auf dieses Ereignis zurück, da kann man schon mal ein paar Lieder darüber machen. Doch auf Latein? Freude über die Geburt Jesu Christi in einer volksfernen Sprache? Wieder sind wir im Reformations-Jahr. 

Luther war es, der erstmals Weihnachtslieder ins Deutsche übersetzte – und selbst noch einen festlichen Megahit obendrauf setzte. Er schrieb »Vom Himmel hoch, da komm’ ich her«. 
Respekt, auch dieser Song hat mächtig überwintert. Experten, die jetzt Fakten über Märchenbücher stellen, weisen darauf hin, dass es noch 300 Jahre dauern sollte, bis sich nach Luther Weihnachten zu einem Fest der Familien wandelte und die Adventszeit zum Fest der Vorfreude. Das Jesuskind wurde zunehmend zum Partygast, nun kam auch noch der immergrüne Tannenbaum hinzu. Neben dem Christkind wurde also fortan auch noch der Wald besungen: »O Tannenbaum«. 
Das war noch ausbaufähig, wie moderne Kinderlieder belegen: »In der Weihnachtsbäckerei...«.  Sozialgeschichten à la »Weihnacht auf hoher See« oder die Weihnacht in Zeiten des Krieges illustrieren die Erinnerungen an die Festtage im Laufe der Geschichte, im Verlauf unseres Lebens. Wo warst du an Heiligabend 1989, als die Berliner Mauer fiel? 
Diese Frage ist den Menschen in Puerto Rico relativ egal, denn die singen zu dieser Zeit immer »Feliz Navidad«, was in ihrem Land komponiert wurde – frei übersetzt heißt das auf deutsch: Frohe Weihnachten!

Autor:
Jürgen Stark

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