30 Jahre Concertino Offenburg

Als das Klavier über die Bühne rollte...

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 5 Minuten
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14. Februar 2015

(Bild 1/2) ©Ulrich Marx

30 Jahre Concertino Offenburg – das wird am 8. März mit einem Konzert gefeiert. Dieter Baran, das Herz des Concertinos, plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen.

Offenburg. Lieben Sie Brahms? Mögen Sie Musik, die »nicht auf allen Kulturkanälen« läuft? Nun, dann sind Sie richtig beim Concertino Offenburg und beim Konzert am 8. März in der Offenburger Waldorfschule. 30 Jahre wird das Orchester alt, das Dieter Baran, selber Musiker beim SWR-Rundfunkorchester Freiburg-Baden-Baden, »als lose zusammengestelltes Orchester für ein Chorprojekt« gegründet hatte.
Seitdem ist er dem Konzept treu geblieben das da heißt: Überraschungen, moderne Musik, Rhythmik, Stücke, die keiner kennt im Kontrast zu Traditionellem. »Die Leute sollen sich fragen: was bringt der diesmal?«, sagt Baran lachend im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse. »Sie sollen Stücke bekommen, die sie nicht kennen und auch nicht einschätzen können.« Wie Kurt Weills 2. Sinfonie. »Diese Sinfonie kannte wirklich niemand – nicht mal Professoren«, sagt Baran schmunzelnd.
Das Concertino Offenburg ist in erster Linie ein Amateur-Streichorchester, durch Profis unterstützt. Zusammenarbeit von Profis und Amateuren – für Baran »eine große Aufgabe«. Es sei toll mitzuerleben, wie sich die Amateure entwickelten, »ihre Begeisterung und ihr Brennen«. Er habe durch seine eigene Orchesterarbeit viel gelernt, und es mache ihm Freude das weiterzugeben. Gelingen könne das aber nur mit kontinuierlicher Arbeit, weswegen das Concertino eben kein Projektorchester sei. Man trifft sich wöchentlich.
35 Streicher sind der Stamm, und er freue sich, dass inzwischen auch Musiker aus dem Umland mitspielten – »eine große Bereicherung« – und dass zum Stammpublikum auch Zuhörer von außerhalb kämen. Die Bläser des Orchesters waren bislang Kollegen vom SWR-Rundfunkorchester. Durch die Zusammenlegung mit dem Stuttgarter Orchester fallen diese Unterstützer nun weg, was Baran bedauert, da sie »sehr,  sehr gute Musiker« seien.
In die Bresche gesprungen ist die Musikhochschule Trossingen. So könne er Nachwuchsarbeit unterstützen und gleichzeitig seine Bläsersektion sichern. »Ich bin sehr gespannt«, sagt der gebürtige Berliner mit Glitzern in den Augen. Zumal die Trossinger Professoren und Studenten begeistert gemeinsam die Stücke fürs Konzert proben. Baran selber dirigiert übrigens selbst noch nebenbei seit 40 Jahren ein Blasorchester.
Bei der Frage nach den Finanzen bewölkt sich die Stirn des ansonsten fröhlichen Baran. Die Landesförderung sei zum 1. Januar ersatzlos gestrichen – »das ist unfassbar«, sagt Baran. Den Verlust hofft man nun mit einem Förderverein aufzufangen. Eine solide Stütze sei dagegen das Kulturbüro Offenburg. Traditonell werde kein Eintrittsgeld verlangt, sondern um ein »Austrittsgeld« gebeten. Und daran werde das Orchester trotz der neuen Situation und der notwendigen Ausgaben auch festhalten.
Abgesehen von den Bläsern und Gastsolisten sind das die Gebühren für die Noten an die Verlage. Die meisten Kompositionen, die man spiele, seien ja noch nicht frei. Oder die Honorare für die Komponisten, die Baran regelmäßige beauftragt. Gerade schreibe ein Amerikaner ein Stück für das Concertino. »Manchmal haben  wir allein für das Leihmaterial Kosten von bis zu 1000 Euro. Der Weill-Sinfonie etwa kostet 350 Euro.«
Doch im Vordergrund steht für Baran die Musik. »Musik ist ein Bestandteil meines Lebens, die ich mit Herzblut betreibe. Musik ist eine Sprache, die überall gleich ist. Wenn man mit Musikern aus allen Erdteilen zusammenarbeitet, versteht man auch deren Kulturen besser«, sagt er. Und ganz wichtig: »Musik ist friedenstiftend. Das wohl bekannteste Beispiel ist das West-Eastern Divan Orchestra Daniel Barenboims, das sich aus jungen Musikern aus Israel, den palästinensischen Autonomiegebieten, Libanon, Ägypten, Syrien, Jordanien und Spanien zusammensetzt« – gegründet 1999.
30 Jahre Orchesterarbeit bedeuten auch Highlights, Pech und Pannen. Baran erinnert sich gerne an das Sonderkonzert »150 Jahre Badische Revolution« 1997 mit einer Uraufführung von Gerhard Zeumer »...und meine heißen Tränen fließen« nach Texten von Heinrich Heine. Oder an das zum 70. Jahrestag der Reichspo-
gromnacht 2008 mit Werken von Komponisten, die von den Nazis ermordet worden waren.  Oder ganz aktuell das Themenwochenende »100 Jahre nach Ausbruch des 1. Weltkriegs« im März 2014 mit Schülern der Waldorfschule.
Immer noch schmunzeln muss Baran, wenn er an den Gast-Trompeter aus Berlin denkt, der zuerst in einem Stau feststeckte, dann kam – spielte – und abrauschte: »Er erreichte die Geburt seines Kindes wohl so gerade noch.« Ein »sicher sehr lustiges Bild« gab die Pianistin an ihrem rollenden Klavier bei einem Konzert in Kehl ab. Man hatte vergessen, die Rollen zu befestigen. »Der Flügel machte sich etwas selbstständig, die Solistin rückte mit ihrem Klavierhocker immer hinterher, während wir weiterspielen mussten«, sagt er schmunzelnd.
Rückblickend, sagt Baran, würde er nichts anders machen. »Ich wollte immer die Zusammenführung von Profi-Musikern mit Amateuren fördern.« Wermutstropfen sei lediglich die »kulturfeindliche Politik«: Dass es an Schulen teils nur noch halbe Musikdebutate gebe, dass Landesförderungen von heute auf morgen gestrichen, dass Orchester »fusioniert«  werden. »Wo sollen die jungen Musiker spielen?« Man müsse den Verantwortlichen klar machen, dass sich klassische Kultur »einfach nicht von sich aus trägt«. Und es verstöre ihn, dass darüber nicht offen gesprochen werde und niemand die Folgen dieser Haltung sehe.
Concertino Offenburg: Johannes Brahms, Konzert für Violine, Violoncello und Orchester, Kurt Weill, 2. Sinfonie für Orchester; Sonntag, 8. März, 19 Uhr, Waldorfschule Offenburg; Solisten: Maria-Luise Leihenseder-Ewald, Violoncello, und SWR-Konzertmeisterin Ines Then-Bergh, Violine. Karten: Eintritt frei, Spenden beim Ausgang.

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