Kulturkolumne

Berlinale und Oscarverleihung: Wie die Kleider Leute machen

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
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08. März 2018
Dietrich Mack

Dietrich Mack ©privat

In der Schule mussten wir die Erzählung »Kleider machen Leute« von Gottfried Keller lesen. Pflichtlektüre. Die Novelle kam nicht gut an. Der arme Schneidergeselle, der wegen seiner Klamotten mit einem polnischen Grafen verwechselt wird, eine Notlüge gebraucht, von der Tochter eines Amtmanns geliebt und zu einem reichen »Tuchherrn« gemacht wird – ziemlich spießig, staubig, pures Biedermeier. Davon träumten wir nicht, ließen uns nicht korrumpieren von der Moral, dass eine Notlüge zum Erfolg führen und eine gute Partie nicht schaden kann. Unser Geist wehte im Weltall und hatte nichts verstanden.

Die Sterne und Sternchen der Filmbranche, die gerade ihr Schaulaufen in Berlin und Hollywood absolviert haben, werden diese Erzählung nicht kennen, obwohl sie mit Heinz Rühmann verfilmt wurde. Aber jeder kennt das Motto »Kleider machen Leute«. Sehr viele, die Frauen mehr als die Männer, leben danach, nicht nur in der Filmbranche. Dort ist das Motto frauenpolitisch aufgeheizt.

Bei der Berlinale schien der Dresscode wichtiger zu sein als der Wettbewerb. Nur hartgesottene Cineasten diskutierten über die Filme, aber jeder kannte und sprach über »Nobody‘s Doll«. Es war eine kämpferische Losung, ausgegeben von der Schauspielerin Anna Brüggemann. Man mied alles »Puppenhafte«, sah viel Schwarzes und Bequemes, flache Snaekers und Hosen statt High Heels und dekolletierte Abendkleider. 

Glanzverlust im Alltagsgrau

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Diese Unauffälligkeit erzeugte höhere Aufmerksamkeit als die Abendkleider, die glücklicherweise nicht ganz verbannt waren. Der Preis der textilen Demokratisierung ist hoch: Glanzverlust. Wir Männer haben bisher das Alltagsgrau beherrscht. Das reicht.

Im Wettbewerb waren vier deutsche Filme, einer von einer Frau. Doch sie gingen leer aus. Den Goldenen Bären gewann der sperrige, provokante Film »Touch me not« der Rumänin Adina Pintilie. Dieser Knaller passte vor allem gesellschaftpolitisch.

Erstaunlicherweise ging es in Hollywood gelassener zu. Der Dresscode wirkte nicht provokant, sondern elegant. Man sprach nicht über Puppenkleider, sondern über gut verteilte Oscar-Gewinner und vor allem über Frances McDormand, die als Hauptdarstellerin den Oscar erhielt und eine selbstbewusste, kämpferische Rede für die Rechte der Frauen und Außenseiter vor und hinter der Kamera hielt.

Für Specialeffects erhielt Gerd Nefzer einen Oscar, was die oberste Bundeskulturbeamtin Monika Grütters zu der Stilblüte animierte: »Er ist ein wichtiges Ausrufezeichen für den Filmstandort Deutschland«, will sagen: Wir sind Oscar. Leider nicht die deutsch-kenianische Crew des schönen Kurzfilms  »Watu Wote – All Of Us«. Alles schien zu passen: ein politisches Thema, sogar mit Happy End, eine Regisseurin, Frauen vor und hinter der Kamera. Meryl Strepp riet den Frauen: Zieht an, was ihr wollt; und nehmt kein Blatt vor den Mund. 

Um sicher zu gehen, hatte man sich von den Labels Herr von Eden, Estomo, Thorsten Lewin, Kavier Gauche einkleiden lassen (ich gestehe meine Unkenntnis dieser Hoffnungsdesigner). Doch die ganz große Bühne blieb der Crew und ihren Kleidern verwehrt. Wirklich schade.
Ob Kleider Frauen machen, ist umstritten. Dass Frauen Kleider machen, nicht. Im Kostümdesign gewinnen sie regelmäßig Oscars.

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