Kultur

Ein Sakralraum als Objekt der Kunst

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 3 Minuten
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26. Mai 2003
Mit der Umwidmung der einstigen Altdorfer Synagoge in eine Kunsthalle hat das Künstlerpaar Isolde Wawrin und Yushiyuki Kakedo einen Raum für neue Kunst erschaffen, der seinesgleichen sucht.
Altdorf-Ettenheim. Sehr selten nur wird mit solcher programmatischen Konsequenz - wie es das Künstlerehepaar Isolde Wawrin und Yushiyuki Kakedo tun - vorgestellt, was wirklich zeitgenössisch ist und ernsthaft neue Wege beschreitet, die nicht den modischen Trends und ihrer Märkte unterliegen. Entsprechend schwer ist die ganz neue Kunst zu vermitteln, die der sich mehr oder weniger an bereits vertrauten Mustern orientierende Betrachter nicht ohne weiteres annimmt. Im Falle der Installationen der Düsseldorfer Künstlerin Marianne Pohl zeigt sich ein weiteres Problem: ihre Kunst ist nur für die Zeit ihrer Anwesenheit in einem von ihr gestalteten Raum greifbar vorhanden und existiert danach nur noch als Foto - Dokumentation. Marianne Pohl verkauft nichts, es sei denn, ein Museum bestellt eine Arbeit. Und dennoch wurde das Gesamtwerk der überaus häufig mit Kunstpreisen ausgezeichneten Künstlerin bereits einer großen deutschen Museumseinrichtung übergeben. In Altdorf findet der Ausstellungsbesucher den leeren rechteckigen Raum der Kunsthalle mit den zwölf tragenden achteckigen Säulen, die Bestandteile seiner Architektur sind. Einziges Objekt im Raum ist ein siebenarmiger Leuchter am Boden der zentralen Rückwand des Raums. Ausgehend von den Säulen und deren Besonderheit von Kapitellen, die an ihrem Fußende angebracht sind, projiziert Marianne Pohl einzelne Säulenmaße auf die Bodenfläche. Objektartig erscheinen lediglich die in Karton geschnittenen Aufklappungen der Kapitell-Seiten, die nun, ähnlich einer Blüte, dem Boden zu entwachsen scheinen, in deren Mitte sich die stängelartigen Säulen befinden. Real und irreal Die Maße und Proportionen der Säule finden sich als Linien in der Ebene wieder, die die gesamte Fläche des einstigen jüdischen Sakralraums überziehen und sich dort parallel und durchkreuzt begegnen. Wer versucht, in dem dort entstehenden Strukturbild die Geometrie des Raumes zu rekonstruieren, sieht sich jedoch bald in der Not, gewisse weiße Linien und Punkte zu deuten. Hier kreuzt sich das Reale mit dem Irrealen, das Gewuss-te mit dem Rätsel, die jedoch beide einer Struktur unterliegen. Der feste Bau und der klare Raum erscheinen verwandelt durch die scheinbare Rückverwandlung des Dreidimensionalen in die Fläche, in eine Atmosphäre der Phantasie und der Utopie. Es setzt ein Nachdenken ein über den Ort und seine Geschichte, die zu einem Interesse an der Mystik der Zahlen führen kann, bis hin zum Bild des Lebensbaums in der orientalischen Kabbalistik mit ihrer Spekalution über vier Sphären oder die weibliche Zuordnung der Zahl Vier, die in diesen Geometrien enthalten ist. Doch wird hier ganz buchstäblich nirgendwo der Boden des Wirklichen verlassen, denn diese Kunst erwächst aus der Ermittlung realer Verhältnisse. ½ Marianne Pohl - Die Pfeiler der Synagoge in der Kunsthalle Altdorf, Eugen-Lacroix-Straße 2; Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag von 14-18 Uhr oder nach Vereinbarung: Tel: 07822 448642; zu sehen bis 22. Juni.

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