Retrospektive in Lahr

Erinnerung an Wilhelm Wickertsheimer

Autor: 
Jürgen Haberer
Lesezeit 3 Minuten
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18. Oktober 2016

Ausstellungsmacher Eckehard Ficht, Wickertsheimers Enkel Eckart Wäldin und Walter Vetter (Tafeln des »Wickertsheimer Wegs« und Kalender zur Ausstellung; v.l.). ©Jürgen Haberer

Der Anfang September in Lahr eingeweihte »Wickertsheimer Weg« hat die Erinnerung an einen fast vergessenen Malerpoeten des frühen 20. Jahrhunderts wachgerufen. Im zeit.areal ist nun eine Retrospektive mit rund 120 Bildern von Wilhelm Wickertsheimer (1886 bis 1968) zu sehen. 

 In seiner Heimatstadt ist die Erinnerung an den »Lohrer Molersmann« immer lebendig geblieben. Der Schüler von Hans Thoma, der in den 1920er-Jahren der Ausstellungsgemeinschaft »Die Schwarzwälder« um Herrmann Dischler und Curt Liebig angehörte, ist nach seinem Tod im Jahr 1968 aber spürbar aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. 

Wilhelm Wickertsheimer hat sich nie wirklich der Moderne geöffnet, obwohl er durchaus auch abstrakt gemalt hat. Er war Naturfreund und Romantiker mit Leib und Seele, einer, der in seinen Bildern vor allem die Landschaft des Schwarzwaldes, die Winkel der Dörfer eingefangen hat. Er ist mit Staffelei und Pinsel hinausgezogen, hat zwischen den Höhenzügen des mittleren Schwarzwaldes und dem Bodensee eine längst unwiederbringlich verlorene Idylle eingefangen. 

Unbekannte Winkel

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Wickertsheimer zählt zu den bedeutenden Landschaftsmalern am Oberrhein. Sein künstlerisches Oeuvre ist aber vielleicht auch deswegen weitgehend in Vergessenheit geraten, weil sein Sohn Willi Wickertsheimer die Schätze seines Vaters auf den Speichern in Lahr gehortet hat. Einige der rund 800 Bilder haben den Dornröschenschlaf dort nicht überstanden, den Rest haben die Enkel gesichert. Die Retrospektive im Lahrer zeit.areal zeigt viele Glanzlichter der und zum großen Teil noch nie ausgestellten Bilder des Nachlasses.

Nicht zu sehen sind Aquarelle, die im Ersten Weltkrieg, während der Schlacht an der Somme im Schützengraben entstanden. Auch seine eher zaghafte Spurensuche in Sachen Abstraktion wird ausgespart. Die Ausstellung konzentriert sich ganz auf seine Landschaften und Stadtansichten, die längst auch zu Zeitdokumenten geworden sind. Der Ausstellungsbesucher kann unzählige Winkel entdecken, die es so schon lange nicht mehr gibt. Er streift durch die Gassen von Lahr, wandert durch die Täler und über die Höhen der Umgebung in Richtung Hochschwarzwald und Bodensee, kehrt am Ende des Ausstellungsrundgangs über Burgheim nach Lahr zurück. 

Obwohl Wilhelm Wickertsheimer überwiegend in Öl auf Karton gemalt hat, überzeugen seine Impressionen mit einer immer wieder greifbaren Intensität. Er hat besondere Stimmungen eingefangen, die Kraft der Natur und das Licht. Seinen städtischen und dörflichen Szenen haftet eine romanische Aura an, die den Betrachter in den Bann zieht. Menschen sind auf seinen Bildern nur selten zu sehen. Sie dienen allenfalls der Illustration einer dörflichen Szene. 
Besonders beeindruckend sind die wunderbar leuchtenden Winterlandschaften im Hochschwarzwald, die vor allem in den 1920er-Jahren entstandenen Impressionen vom Bodensee, in denen sich immer wieder eine fast greifbare Weite manifestiert. 

Dazwischen geht der Blick über reife Kornfelder, idyllische Täler und bewaldete Hügellandschaften, eine Spurensuche in Hinterhöfen und an längst zugeschütteten Gewerbekanälen, das Panorama der Gebäudeensembles rund um die Kirchtürme von Dörfern und Weilern. 
 

Info

Termini

Wilhelm Wickertsheimer, zeit.areal Lahr.
Vernissage: Morgen, 19 Uhr; bis 15. Januar.  
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 8 - 17 Uhr; 22. und 23. Oktober zusätzlich 14 - 18 Uhr. 

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