Plötzlicher Tod im früheren Tonstudio

Erinnerungen an den Can-Bassisten Holger Czukay

Autor: 
Jürgen Stark
Lesezeit 4 Minuten
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08. September 2017
Die Band Can im Jahr 1971 mit Irmin Schmidt (von links), Jaki Liebezeit, Michael Karoli, Ulli Gerlach, Holger Czukay und vorne Damo Suzuki.

Die Band Can im Jahr 1971 mit Irmin Schmidt (von links), Jaki Liebezeit, Michael Karoli, Ulli Gerlach, Holger Czukay und vorne Damo Suzuki. ©Jacques Breuer/dpa

Der Kult kam aus Köln und erreichte uns im Wohnzimmer. Es war jene Zeit, als es noch echte Straßenfeger im Fernsehen gab. So wurden wir Zeugen eines großen Wunders. Die dreiteilige Krimiserie »Das Messer« von Francis Durbridge begann am 30. November 1971 und aus Deutschen Fernsehzuschauern wurden über Nacht ermittelnde Kriminalkommissare. 
Über dieser unterhaltsamen Suche nach dem fiesen Mörder waberte aber Folge für Folge eine seltsam entrückt klingende Titelmelodie namens »Spoon«. Sphärische Monotonie, dezent angerockte Melodik mit singender Geisterstimme, die zu jeder Beerdigung passen würde, geleitet von einem Hauptriff. Eine Überraschung. Da war also inhaltlich doch noch Platz zwischen den Platzhirschen Hazy Osterwald, Max Greger und James Last gewesen – aber was war das denn?
Wie ein Ufo war die Kölner Gruppe Can in der besten Sendezeit gelandet und führte uns inmitten der anglo-amerikanisch dominierten Musikszene auf Augenhöhe mit den Tonangebern jener Tage. Die »Spoon«-Single schlug in den deutschen Charts wie der Blitz ein. Sie kletterte im Dezember 1971 auf den 8. Platz und verkaufte sich über 200 000 Mal. 
Wir waren wieder wer! Denn in Zeiten des »Krautrocks« präsentierte sich nun deutsche Avantgarde als mutig und absolut eigenständig. 
Der Kern von Can waren Keyboarder Irmin Schmidt und Bassist Holger Czukay. Beide hatten beim nicht minder legendären Genius Karlheinz Stockhausen an der Kölner Musikhochschule Komposition studiert. Sie konnten was und trugen erheblich dazu bei, dass unsereins sich nicht mehr ducken mußte, wenn beispielsweise von Andy Warhols »Factory« oder The Velvet Underground die Rede war. 
Holger Czukay blieb bis 1977 bei den immer großartiger werdenden Can, die Filmmusiken und sonstige Schall-
ereignisse ohne Limit produzierten. Dazu diente auch deren Tonstudio in einem ehemaligen Vorortkino in Köln-Weilersweist. Dieses steht heute originalgetreu wieder errichtet als lebendiges Denkmal aus analogen Zeiten des progressiven Rock im Gronauer Rock’ n’ Popmuseum.

Traum von Kommune

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DJ Hans Nieswandt, Mitglied des Kölner House-Projekts Whirlpool Productions, bekam darin eine Gänsehaut: »Ein abgewetzter Holzfußboden, bequeme Sofas, gedämpftes Licht unter hohen Decken, ein Raum ohne Zeit, ein Raum um zusammenzukommen, um Musik zu machen. Weil es schön ist.« Ein Traum von Kommune, Transzendenz und Weltgehirn. 
Doch davor kamen die Niederungen. Czukay giftete und spottete gern: »Die Deutschen greifen doch nach jedem durchgekauten Kaugummi der Amis, heben den auf, kauen ihn selber durch und finden, dass er gut schmeckt!« So verschafft man sich Respekt, auch bei Amis und Engländern. Den kreativen Sound-Tüftler Czukay hatten Größen wie David Sylvian, Brian Eno, Jah Wobble, Annie Lennox und schließlich auch Peter Gabriel liebend gern an ihrer Seite. Denn der Mann aus Köln galt als permanenter Avantgardist, der Zeit immer voraus. 

Angebot an den Freitstaat Bayern

Und er ätzte weiter. So diente er sich der bayerischen Landesregierung an, um dem Freistaat eine neue Hymne zu schreiben: »Ich schrieb dem Ministerium, dass ein Bergvolk wie Bayern doch auch mal eine neue Hymne bräuchte und ich hierbei gern behilflich wäre. Die lehnten mit einem Brief dankend ab. Ich antwortete, mir sei leider ein Irrtum unterlaufen, es hätte statt Bergvolk doch Zwergvolk heißen sollen.« 
Der unruhige Eigenständler hatte Provokation im Blut und lebte diese musikalisch gekonnt aus. Bis ans Ende seiner Tage. Der am 24. März 1938 in Danzig als Holger Schering Geborene wurde jetzt an seinem wichtigsten Tatort, in den ehemaligen Can-Studioräumlichkeiten in Köln-Weilerswist, die er noch bewohnt hatte, tot aufgefunden. Er ging an dem Ort, von dem er als einer ihrer wichtigsten Impulsgeber für die deutsche Musikszene der Nachkriegszeit gekommen war. 

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