20. Hausacher Leselenz

Europa und die Welt begegneten sich in der Poesie

Autor: 
Claudia Ramsteiner und Ursula Groß
Lesezeit 5 Minuten
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11. Juli 2017

Ein Fest der Dichter: Ranjit Hoskote... ©Claudia Ramsteiner

Mit einer »langen Nacht der Poesie« feierte der Hausacher Leselenz am Samstag seinen 20. Geburtstag. Dichter aus vier Kontintenten lasen über vier Stunden auf drei Bühnen der Hausacher Innenstadt. Bereits am Nachmittag hieß es »Europa begegnet sich in der Poesie«.

»Vor zehn Jahren auf der Burg und jetzt im Narrenschiff«, kommentierte Ranjit Hoskoté seine Lesung am Samstagabend im Narrenkeller der Hausacher Narrenzunft. Der weitest gereiste Gast des Hausacher Leselenzes Ranjit Hoskoté aus Bombay (Indien) war einer von neun Dichtern, die auf drei Bühnen die große Welt der Lyrik in die kleine Literaturmetropole Hausach projizierten.

Dabei hatte diese »Lange Nacht der Poesie« noch mehr mit der Hausacher Narretei gemein als nur einen der Veranstaltungsorte. José F. A. Oliver, ebenso leidenschaftlicher Literaturvermittler wie Fasnachter, holt sich die Ideen für seine Formate immer wieder auch aus der traditionellen Fasnacht. 

Nach der »künstlerischen Elfemess«, mit der die vier hochkarätigen Ausstellungen eröffnet worden waren, nun eine Art Dichter-Schnurren: Die Gruppen mit drei Dichtern, jeweils mit Moderatoren und den »deutschen Stimmen« der fremdsprachigen Poeten, zogen innerhalb vier Stunden von Bühne zu Bühne – vom Narrenkeller in den historischen Keller in die Stadthalle. 
Das Publikum in Hausach hatte nun die Möglichkeit, an einem Ort alle neun Dichterinnen und Dichter hintereinander zu erleben – oder, wer es weniger vielfältig und lieber intensiver haben wollte, konnte auch mit einer Gruppe mitziehen und sich die Gedichte mehrmals in anderem Umfeld anhören.

Zu den »großen Namen«, die dieses Poesiefest bereicherten, gehörte auch Joachim Sartorius. »Es gibt hier keine alten Dichter. Nur verschiedene Generationen junger Dichter«, beschrieb er die Akteure und »mit einer Verbeugung zu José« las er aus einem Gedicht über ein Poesiefestival in Dubai, bei dem er seinen Hausacher Kollegen Oliver kennengelernt hatte.

Starke Bilder
Die starken Bilder beeindruckten beim weitest gereisten Gast Ranjit Hoskoté, Sekretär des indischen PEN-Clubs und ein führender Kunstkurator seines Landes. »Er war mit dem Vogelgesang vermählt. Er grub Leuchttürme aus bei Nacht. Er zählte die Silben des Tages vor den Abenden«. 

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Zählt man nicht nur die Kilometer vom Wirkungsort nach Hausach, sondern die Lebenskilometer, war vermutlich Ilija Trojanow der weitest gereiste Gast. Man kennt seine Bestseller in deutscher Sprache – Gedichte aber schreibt er auf Englisch, der Sprache, mit der er in seiner Jugend in Kenia aufgewachsen ist, in der er die Kinderreime gelernt hat. Übersetzt hat seinen jüngsten Gedichtband »verwurzelt in Stein« José F. A. Oliver. 
Der fungierte deshalb am Samstag auch als »deutsche Stimme« Trojanows. Und da im Gedichtband beide Versionen nebeneinander stehen, kann man hier auch die große Leistung eines Lyrik-Übersetzers einmal würdigen.

Gedichte wie Musik
Zu den Weitgereisten zu diesem Lyrikfest gehörten auch Girgis Shoukry aus Kairo, eine der wichtigen jungen Stimmen aus Arabien mit seinen persönlichen, emotionalen, aber auch politisch-kritischen Gedichten aus dem neuen Band »Ein Apfel, der weiß, dass er nichts weiß«. Und Rocio Ceron aus Mexiko, deren spanisch gelesene Gedichte so viel Musik beinhalten, dass man notfalls auch auf die Übersetzung verzichten könnte. Und Dennis Maloney aus den USA: »Ein gutes Gedicht sollte nach Tee riechen, nach Erde, nach frisch gespaltenem Holz«. Und Christoph Danne, Tzveta Sofronieva, Marina Skalova.
So gesehen haben die rund 150 Besucher ein Lyrikfest für alle Sinne erlebt. Das hatte bereits am Nachmittag begonnen. Junge europäische Autoren stellten mit Schauspielern die Vielfalt ihrer Werke einem hochinteressierten Publikum vor. 

»Europa begegnet sich in der Poesie« hatte Kurator José F. A. Oliver das Leselenz-Thema angekündigt. Wie schön dieses Randgebiet des Schreibens von nahezu hundert Gästen in der Mediathek angenommen wurde, zeigte deren großer Beifall. Das in der Literaturszene oft  karstige Feld der Lyrik brachten die fünf jungen Dichter mit Mut und Kraft zum Erblühen. 
Was den Charme der Veranstaltung zudem ausmachte, war die eigenwillige Kombination der Vortragsgestaltung. Schriftsteller und Schauspieler fanden sich zum Gespann. Denn alle Gedichte wurden zuerst in der Muttersprache vorgetragen. Das nun geriet zu Momenten eines tiefen Einfühlens in den Rhythmus der litauischen, slowenischen, niederländischen oder arabischen Sprache. 

Universelles Denken
Entlang dem Festival-Motto »Metropolen« hatte Autorin Ramuné Brundzaité aus Litauen das nächtliche Vilnuis literarisch erkundet.  Dass die Namen der italienischen Städte weiblich seien, formulierte Valentina Colonna aus. Eine Art Grenzgang zwischen den Wirklichkeiten schuf die Niederländerin Elsa Moors. Semier Insayif wanderte mit Wortgesang »dem Fluchtweg der Sprache« entlang. Während der Slowene Jure Jakob vollkommen schnörkellos, doch umso  intensiver, Leere, Sehnsucht, Weite und dem Atem der Erde folgte. 
Wortschöpfungen, Stilrichtungen  und Themen zeigten trotz der Titelvorgabe die unverstellte Individualität der Dichterinnen und Dichter. Sie alle trugen einen Teil  ihrer inneren Heimat wie auch ein universelles Denken auf ihre Lesart vor. 

Wie alle Leselenz-Thementage hatten die Veranstalter das Publikum mit zahlreichen Informationen vorbereitet. Da gab es eine kostenlose Gedichte-Box, das »Persepolis-Book«, sowie sachkundige Moderatoren und Übersetzer. Gelebte Sprache beeindruckte die Zuhörer und hinterließ Hoffnung. Auf die Kraft der guten und schönen Worte, auf eine Sprache der Kunst, die über Grenzen zueinander findet. 
Auch das war ein wunderschön arrangierter Teil des inzwischen weit über den Schwarzwald hinaus bekannt gewordenen 20. Hausacher Leselenz. 

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