Kultur

»Freiheit ist eine mächtige Kraft«

Autor: 
Bernd Grether
Lesezeit 5 Minuten
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13. September 2010
Foto: Ulrich Marx - Im von einer Säule dominierten historischen Salmensaal diskutierte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit Schülern aus

Foto: Ulrich Marx - Im von einer Säule dominierten historischen Salmensaal diskutierte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit Schülern aus

»Freiheit ist etwas furchtbar Ansteckendes, eine mächtige Kraft.« Diese Erkenntnis aus den Jahrzehnten seiner politischen Tätigkeit gab Wolfgang Schäuble, Offenburger Bundestagsabgeordneter und Bundesfinanzminister, den Besuchern der Offenburger Salmengespräche am Samstag mit auf den Weg.
Offenburg. Traditionell finden diese Gespräche über jeweils eine der 13 »Forderungen des Volkes in Baden« am Vorabend des Freiheitsfestes statt. Dass der Thüringer Minister Christoph Matschie kurzfristig die Teilnahme abgesagt hatte, war schade. Wolfgang Schäuble und die ihn befragenden Schüler vom Spalatin-Gymnasium Altenburg und vom »Schiller« in Offenburg gestalteten im völlig ausgebuchten »Salmen« aber auch ohne ihn eine unterhaltsame und anregende Lehrstunde in Geschichte und Politik. »Ich muss mich zusammenreißen, ich könnte stundenlang erzählen«, bekannte Schäuble gleich zu Beginn und stellte das Verhältnis von Freiheit und Einheit in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Diese Forderung von 1847 habe auch in den Jahren der deutschen Teilung Bestand gehabt und sei überhaupt eine treibende Kraft in Europa gewesen, so auch in Ungarn und Prag und besonders Polen: »Wir Deutschen schulden den Polen unheimlich viel.« Zur Freiheit gehört Mut Der ab 1984 für die Verhandlungen mit der DDR-Führung zuständige Politiker erinnerte auch an die positive Rolle Gorbatschows und George Bushs sen. und die Bedenken der europäischen Mächte gegen ein großes Deutschland. Diese sei dann doch, für viele überraschend, sehr schnell gekommen, dann unterstützt durch alle europäischen Regierungen. 20 Jahre danach sei die errungene Freiheit schon selbstverständlich. Schäuble mahnte die deutsche Verantwortung für Europa insgesamt und beispielsweise Griechenland an: »Es darf nicht jeder nur an sich denken.« Zur Freiheit gehöre aber auch Mut, wie ihn kürzlich die Kanzlerin bewiesen habe, und: Freiheit brauche demokratische Regeln, damit sie funktioniere. Zu Beginn hatte OB Edith Schreiner die Gäste aus Altenburg, Olsztyn und der Ortenau begrüßt, sichtlich erfreut, dass die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte so viel Interesse wecken konnte. Sie betonte die anhaltende Bedeutung der 1847 in Offenburg formulierten Forderungen. »Salmen« als Symbol 1990 habe man das geschafft, was 1848 noch nicht gelang, nämlich eine Einheit in Frieden und Freiheit. Schreiner erinnerte auch an die Bedeutung des »Salmen« als Symbol für die Brüche in der deutschen Geschichte. Im neu konzipierten Freiheitsfest wolle man Erinnerungskultur und Erlebnis verbinden. 2011, gab die OB bekannt, werde die 7. Forderung im Mittelpunkt stehen, die nach Abschaffung der stehenden Heere und der Schaffung eines Volksheeres. »Man sollte nicht meinen, dass über 160 Jahre seither vergangen sind«, spielte das Stadtoberhaupt auf die aktuelle Diskussion an. Die schöne Idee der Veranstaltungsplaner, Schüler aus Ost und West sozusagen übers Kreuz Politiker befragen zu lassen, konnte wegen der Absage Matschies nicht ganz realisiert werden. Dank mutiger Fragen der Schülerinnen und Schüler und den geduldigen und einfühlsamen Antworten Schäubles kamen dennoch spannende 90 Minuten Geschichtsunterricht zustande, die gerade ausreichten, fünf Altenburger und vier Offenburger Schüler zu Wort kommen zu lassen. Zum frühen Beginn der Offenburger Städtepartnerschaft mit Altenburg erläuterte Schäuble die Bedeutung der Reiseerleichterungen, die der Westen für seine wirtschaftliche Unterstützung durchsetzte, trotz ideologischer Bedenken. Der Hauptort seines Wahlkreises sei dann immerhin für die siebte Partnerschaft vor der Wende auserkoren worden. Eine weitere Frage der Altenburger Schüler bezog sich auf den Staatsbesuch Erich Honeckers. Hier zeigte sich Schäuble ganz als Realpolitiker: »Wenn der Erich nach Bonn reisen durfte, konnte er auch die Reisefreiheiten für seine Bürger nicht mehr zurückschrauben.« Bei Kanzler Helmut Kohl und anderen Politikern war sein Plan aber durchaus umstritten. Aber »so ist die Politik«, erklärte Schäuble humorvoll. Politik werde von Menschen gemacht und man habe sich auch trotz aller Unterschiede in den politischen Vorstellungen durchaus auf menschlicher Ebene anständig begegnen können. »Es war ein Wunder« Schäubles pragmatische Haltung brachte ihm in der eigenen Fraktion den Vorwurf ein, »der Ossi« zu sein. Trotzdem setzte er sich erfolgreich für Berlin als Hauptstadt ein. Die Menschen im deutschen Westen hätten erst lernen müssen, auf den Osten einzugehen, räumte Schäuble ein, betonte aber trotzdem die große solidarische Anstrengung seit 1989. »In einer Demokratie darf man, sollte aber nicht immer schimpfen«, reagierte er auf manchmal überzogene Kritik. Und, so sein Credo: »Am Ende entscheidet die Mehrheit.« So sei es auch bei der Wiedervereinigung gewesen: Die große Mehrheit habe die deutsche Einheit gewollt. Und mit dem Text der »Westhymne« könne man doch leben. Schäuble betonte, man habe auch große Angst gehabt, dass Blut fließen könnte. Die friedliche Wiedervereinigung sei letztlich ein »Wunder« gewesen, »es ging nur mit Gottes Hilfe.« Dass die Regierung Kohl damals die Folgekosten der deutschen Einheit unterschätzt und schöngeredet habe, gab Schäuble zu. Solche »schweren Fehler« machten die Politiker immer wieder, auch heute, wenn sie unhaltbare Steuersenkungen versprächen. Langer Beifall »Wir Älteren müssen erzählen, aber die Jüngeren müssen entscheiden, wie’s weitergehen soll«, forderte der Minister seine jungen Gesprächspartner zu politischem Engagement auf: »Genießen Sie Freiheit und Einheit und machen Sie was draus!« Langer Beifall für eine rundum gelungene Veranstaltung, für die sich Kulturchef Moser und Altenburgs Bürgermeister Wolf bei allen Beteiligten bedankten. Die im Vorfeld der Salmengespräche eröffnete Ausstellung aus der Partnerstadt wird weiterhin in der Stadtbibliothek zu sehen sein.

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