Kunstmesse Straßburg

Impressionen von der ST-ART

Autor: 
Tilmann Krieg
Lesezeit 4 Minuten
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18. November 2017

Aufbruch: Werke der Stiftung Bernar Venet von 1969 und 1971 ©Tilmann Krieg

Die Kunstmesse ST-ART in Straßburg hat begonnen. Tilmann Krieg begab sich auf einen Rundgang.

 Straßburg verändert sich rasant. Bauboom allerorten, zwischen Europaparlament und den Betonneubauten wirken die Messehallen auf dem Wacken einigermaßen schäbig. Um in der Sprache der Kunst zu bleiben: Ein gutes Bild verlangt einen passenden Rahmen, um seine Wirkung zu entfalten. Diese Investition ist leider noch nicht realisiert. Auch im Inneren drückt die abgearbeitete Industriearchitektur des vorigen Jahrhunderts schwer auf die Kunst, wenngleich die rundbogige Deckenkonstruktion an die Hallen der ART Karlsruhe erinnert. Wo aber dort die Höhe sich in Licht und Leichtigkeit auflöst, scheinen hier tonnenschwere, dunkle Stahlträger auf dem frischen Erscheinungsbild der Galeriestände zu lasten.

Die künstlerische Direktion der Kunstmesse hat sich Mühe gegeben, das Niveau der Aussteller zu verbessern. Im wissenschaftlichen Beirat finden sich Kapazitäten wie Jean-Luc Monterosso, Direktor des Maison Européene de la Photographie, Paris, und Olivier Kaeppelin, Direktor der Fondation Maeght. Fachkundige Juroren suchen Galerien und Künstler aus, entscheiden, wer teilnehmen darf. Die strengere Selektion hat dem Gesamtbild der Messe sichtbar gut getan.

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Bernar Venet
Beim Einlass sieht man sich einem künstlerischen Statement gegenüber von großem Gewicht und superber Qualität: Den Organisatoren ist der Coup gelungen, die Stiftung des Künstlers Bernar Venet als Ehrengast einzuladen. Ein gigantischer, ausgeschnittener Filzteppich von Robert Morris wird flankiert, links von einer Plexiglasbox voller Abfall und Essensresten »La Poubelle de Bernar Venet«, gesammelt und verarbeitet von seinem Künstlerfreund Arman. Rechts steht zerknautscht ein Block Altmetallpressung – unverkennbar César. Entstanden 1969 und 1971 – DIE große Zeit der modernen Kunst, als es ihr noch gelang, Furore zu machen, zu provozieren und zu bewegen. Aufbruch, Modernität, Experiment, Popularität – nicht nur, aber auch als Pop-Art.

Das also fängt gut an – doch was haben aktuelle Künstler zu sagen, womit werden sie begeistern, provozieren oder verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen? Kunst ist spannend, muss spannend bleiben und etwas riskieren. Kunst, die nichts wagt, bewirkt nichts, Kunst, die nichts sagt, ist nichts. Man darf hier ruhig streng sein, eine Kunstmesse ist eine professionelle Veranstaltung, eine Leistungsschau berufsmäßiger Galeristen und Künstler. 
Und: Ja, es gibt sie auch hier, die schrille Kunst, großspurige Gesten minderer Qualität, eher ins Kunsthandwerk abgleitende Modelliererei von albernen Fabelwesen für den Kamin. Es gibt auch hier Künstler, die eine Masche für sich entdeckt haben und sie in gnadenloser Repetition rauf- und runterorgeln – schließlich verlangt ja der Kunstmarkt, dass man einen Künstler schon von weitem am Stil erkennt. Und es gibt die Epigonen, die die Ausdrucksweise eines Kollegen cool finden und abkupfern, ohne Ansätze eigener Originalität.

Blick aufs Detail
Auf dieser ST-ART aber ist es deutlich besser geworden und es lohnt sich ein Blick aufs Detail, um sublime Kunst zu finden: Sehr schöne Grafiken von Jannis Kounellis und Louise Bourgeois bei der Straßburger Galeristin Bamberger oder die zarten Arbeiten von Young Hee Hong bei Cascade Artspace, die mit unendlicher Eleganz und Feinheit fast die Grenzen des Wesenhaften überschreiten. Sehenswert auch die Arbeiten von Jana Rusch bei der Kölner Galerie Sasse oder die zeichnerische Malerin Mina Mond, die mit illustrativem Fleiß über Wagner und Lohengrin spintisiert. 
Überhaupt: Arbeiten der Träumer und Spintisierer haben dem Rezensenten am besten gefallen, etwa die von Laura Nillini in der Galerie Victor Sfez, die die Partituren ihres Mannes, eines bekannten Komponisten, auf transparentes Papier übersetzt und so übereinander montiert, dass die Synchronität der Instrumente grafisch sichtbar wird.
Die ST-ART hat also einen guten Schritt nach vorn getan. Zu wünschen ist, dass sie bald auch Räume hat, die dem eigenen Anspruch gerecht werden.

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