Wortspiel 2016

Karl-Heinz Ott stellt neuen Roman »Auferstehung« vor

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 6 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. April 2016
Karl-Heinz Ott hat einen Roman mit Überraschungseffekt geschrieben.

Karl-Heinz Ott hat einen Roman mit Überraschungseffekt geschrieben. ©Peter Hassiepen

Im Rahmen der Offenburger Literaturtage »Wortspiel« stellen wir Autoren und ihre Bücher vor. Karl-Heinz Ott ist in der Ortenau kein Unbekannter, 2012 stellte er »Wintzenried« vor. In diesem Jahr ist er mit dem großartigen und bizarren Roman »Auferstehung« zu Gast.

Eine so skurrile Geschichte kann doch eigentlich nur das echte Leben schreiben – ohne Ihnen die Fantasie absprechen zu wollen.
Karl-Heinz Ott: Die Figuren in meinem Roman gibt es auf die eine oder andere Weise im Leben zuhauf, wenn auch nicht eins zu eins. Ich habe mich an einem kleinen Panorama von Post-68ern versucht, das natürlich nicht das gesamte Spektrum umfasst, aber vom Alternativen über den Adorniten bis zum marxistischen Maulhelden und zur avantgardistischen Kunststudentin, die den tradierten Kunstbegriff auflösen will, einiges abdeckt. Von großem Erfolg gekrönt sind diese Leute alle nicht, zumindest nicht im bürgerlichen Sinn. Das Leben um sie herum hat sich im Lauf der Jahrzehnte gewaltig verändert, manche blieben dabei auf der Strecke. 

So witzig und kurios die Geschichte ist, so ernst ist sie auch: Entmündigungsversuche, das Beschimpfen der Haushälterin als »ungarische Hure«, die Geldgier, die fast schon kriminelle Energie. Haben Sie bewusst übertrieben – oder ist das traurige Realität?
Ott: Wenn es um Erbschaftsfragen geht, kann man nur schwer übertreiben. Da schreibt das Leben spannendere Geschichten als die Literatur. Wer von entsprechenden Familienzerwürfnissen noch nie etwas gehört hat, muss nur mit einem Notar oder Rechtsanwalt plaudern, um eine Ahnung von solchen Katastrophen zu kriegen. 

Wenn ich den Roman nun richtig verstanden habe, geht es um ganz grundlegende soziale Probleme: die Frage nach der Würde im Alter und das Recht auf Selbstbestimmung, der Umgang mit pflegebedürftigen Menschen (der an Parkinson erkrankte Vater), aber auch die soziale Situation einer bestimmten Generation. Warum waren/sind das für Sie Themen? Sie sind Jahrgang 1957.
Ott: Es sind meine Themen, weil ich in den 70er-Jahren aufs Gymnasium gegangen bin und zur sogenannten Erbengeneration gehöre, die sich dadurch auszeichnet, dass man den Eltern eins auf die Mütze gegeben hat, weil sie bei den Nazis nicht im Widerstand waren und nach dem Krieg nur ans Schaffen und Häuslebauen gedacht haben. Diese Kritik konnten die Kinder sich aber umso leichter leisten, als sie in der heimlichen Hoffnung lebten, dass für sie selbst genügend übrigbleibt, auch wenn sie den Kapitalismus abschaffen und nie bürgerlich leben wollten. Was den Vater angeht, so hat sich bei ihm aufgrund der Medikamente, die er wegen seiner Parkinsonkrankheit braucht, im Alter ein bis dahin nie gekannter Sexualtrieb entwickelt, was die gleichen Kinder ganz entsetzlich finden, die in ihrer Jugend die sexuelle Befreiung gepredigt haben.

Sie lassen kein gutes Haar an den Protagonisten. Hätte da nicht wenigstens ein Normalo in der Runde sein können?
Ott: Meine Figuren haben sich im Lauf ihrer Geschichte unfreiwillig zu Gestalten entwickelt, die wegen ihrer früheren Ideale etwas zunehmend Groteskes besitzen. Aber ich zeichne sie nicht lieblos, wie ich finde. Sie haben ihre Marotten und Macken, und manche halten auch noch stoisch an ihren alten Weltbildern fest, aber was wären sie ohne all das? Mit totalen Normalos – aber wo gibt es die überhaupt? – lässt sich kein Roman füllen. 

Warum ist eigentlich ausgerechnet die Tochter die Einzige, die einigermaßen erfolgreich ist – oder zumindest ihr Auskommen hat. Wobei sie schrecklich unsympathisch ist.
Ott: Ist sie nur unsympathisch? Immerhin sorgt sie als Einzige dafür, dass der Laden halbwegs zusammengehalten wird, während ihre Brüder nur ihre eigenen Wege gehen. Von früh an musste sie sich gegen diese Buben und Männer durchsetzen, und das hat sie geschafft. Statt weltanschauliche Phrasen von sich zu geben, wollte sie Erfolg haben. 

- Anzeige -

Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass Sie einen Heidenspaß hatten, diese Kinder zu skizzieren und zappeln zu lassen bezüglich des Testamentes.
Ott: Die Wirklichkeit liefert in diesem Fall so viel Stoff, dass man nicht lange auf Einfälle warten muss. Und weil ich früh wusste, wie der Roman endet, konnte ich auch relativ locker die Fäden spannen. 

Auch das keine unbekannte Situation: die Kinder akzeptieren nicht, dass der Vater sich eine neue Freundin gesucht hat. Die Art, wie sie reden, ist schon unterste Schublade. Warum gönnt man den alten Menschen diesen zweiten Frühling so selten? Der Vater sagt an einer Stelle: »Jetzt bin ich dran«. Klingt irgendwie traurig.
Ott: Die Kinder würden ihm durchaus einen zweiten Frühling gönnen, wenn damit nicht das Erbe in Gefahr wäre. So einfach ist das. Es geht nicht um Moral, sondern um Eigennutz. 

Die andere nicht ganz unbekannte Situation: Das Warten aufs Erbe, damit man sich sanieren kann. Wollten Sie dieser Generation einen Spiegel vorhalten? Aber sind die Eltern nicht selber schuld, dass sich die Kinder auf sie und ihr Geld verlassen? Ich habe oft genug zu hören bekommen: dir soll es mal besser gehen  …
Ott: Es spricht ja nicht gegen die Eltern, dass sie ihren Kindern ein besseres Leben wünschten. Wer wie sie noch die Nazizeit und den Krieg miterlebt hat, konnte ja nicht ernsthaft an etwas anderes denken als ans Aufbauen. Die Wohlstandskinder konnten es sich leisten, als Hippies, Alternative und Marxisten den Kapitalismus zu verdammen. Die Kinder der 68er wiederum fanden den Lebensstil ihrer Eltern nicht selten schwer erträglich und fanden es schick, Karriere zu machen und ins Fitnessstudio zu gehen. 

Als der Anwalt kommt, erfahren die Kinder nichts Genaues über das Testament, doch die Sache sieht nicht gut aus. Und dann gibt es noch eine große Überraschung, die wir nicht verraten wollen. 
Ott: Man muss wissen, dass die Tochter Linda vor langer Zeit mit diesem Anwalt liiert war, er sie aber auf schäbige Weise wegen einer anderen sitzen ließ. Und nun denken die Kinder, er sei Linda noch etwas schuldig, dass man mit ihm zusammen notfalls das Testament vernichtet. Doch der Anwalt erklärt ihnen, dass allein der Notar befugt ist, das Testament zu eröffnen. Und dann passiert in der Tat noch etwas nahezu Übernatürliches.

Zur Person: Karl-Heinz Ott
Karl-Heinz Ott ist Schriftsteller und Übersetzer, 1957 in Ehringen geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft, schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Bühnenbearbeitungen. 2011 erschien sein Roman »Wintzenried« über den Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Für »Endlich Stille« (2005) erhielt er unter anderem den Alemannischen Literaturpreis. Zuletzt wurde er mit dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) und dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014) ausgezeichnet.

Lesung
Karl-Heinz Ott, Auferstehung, Hanser-Verlag 2016, 22,90 Euro.
Lesung: Donnerstag, 14. April, 20 Uhr, Buchhandlung Roth, Hauptstraße Offenburg. Karten: Buchhandlung Roth, Abendkasse. 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Dietrich Mack.
vor 8 Stunden
Kulturkolumne
Ob unsere Politiker Abul Hassan Ali Ebn Bekar kennen? Erwähnt haben sie ihn nicht, als sie vor einiger Zeit verkündeten, dass am 1. März die Friseursalons wieder öffnen dürfen. Dabei ist der „Barbier von Bagdad“ ein Mann mit vielen Talenten und weine Zier seines Berufsstandes.
Marla Glen.
vor 8 Stunden
Album „Unexpected“ mit großer Stilvielfalt
Marla Glen, die Sängerin mit der herben Blues- und Soulstimme, hat mit ihrem aktuellen Album „Unexpected“ einen beeindruckenden Neustart hingelegt. Gerne würde sie auch einmal am Oberrhein auf einer Bühne stehen.    
24.02.2021
Offenburger Schüler proben Oper
Das Opernprojekt „Diggin‘ Opera II“ des Festspielhauses Baden-Baden mit dem Oken-Gymnasium Offenburg geht in die letzte Runde. Wenn alles klappt, ist am 25. April Premiere. Dahinter steckt ein musikalisches Experiment.
23.02.2021
"Haus-Festspiel" im Festspielhaus Baden-Baden
Das Festspielhaus Baden-Baden meldete sich erfolgreich mit einem „Haus-Festspiel“ zurück.  Geboten wurden hochkarätige Konzerte an vier Abenden auf der Bühne des Opernhauses.
Autorin Renate Tebbel.
22.02.2021
Roman „Die grüne Schatulle“ von Renate Tebbel
Nach ihrer Biografie der Gengenbacher SPD-Politikerin Marta Schanzenbach hat die Autorin Renate Tebbel mit „Die grüne Schatulle“ einen bewegenden Familienroman vorgelegt. Im Mittelpunkt steht das Leben ihrer Großmutter, die sie im Buch Clärchen nennt.          
20.02.2021
Museen gehen digitale Wege
Da die Forderungen nach Öffnung der Museen ungehört verhallen, bieten die Museen inzwischen digitale Vermittlungen und Führungen an. Mit großer Resonanz.
20.02.2021
Neue CD-Einspielung der Pianistin Anna Adamik
Die Stücke von Ludwig van Beethoven, die die Pianistin Anna Adamik im Sommer in Offenburg während der Kreuzgang-Konzerte vorgestellt hatte, hat sie nun auf CD eingespielt. 
Andreas Dilles.
18.02.2021
Interview mit dem Musiker Andreas Dilles
Als Musiker, Chorleiter und Musiklehrer erlebt Andreas Dilles den Stillstand des kulturellen Lebens und die Folgen für die Kulturschaffenden hautnah mit. Er kritisiert, dass die Politik nur den medizinischen Aspekt der Pandemie sehen würde.   
Jürgen Stark.
18.02.2021
Kulturkolumne
Fernsehen ist das neue Hintergrundrauschen des Lebens. In Zeiten der imaginären 35er-Inzidenz-Fußfessel, dem Angenageltsein an die eigenen vier Wände, bekommen klassische Hausmedien wie TV und Radio eine gänzlich neue Bedeutung. 
15.02.2021
Benedikt Stampa und die Lage im Festspielhaus
Benedikt Stampa ist überzeugt, dass das Festspielhaus Baden-Baden die Pfingstfestspiele feiern kann. Es tut ihm aber leid um die Projekte, die nicht verwirklicht wurden. Um die Maschinerie hochzufahren, brauche es vier Wochen, sagt er im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse.
14.02.2021
Joachim Gottschalk über Band- und Studioarbeit in Zeiten des Lockdowns
Kein Konzert mit „Jimmy’s Soul Attack“, kein Auftritt mit der „Blues World“ während des Lockdowns, doch Bandleader Joachim Gottschalk sieht nach vorne. Projekte hat er zuhauf.
Sopranistin Olga Peretyatko.
12.02.2021
Konzerte aus dem Festspielhaus Baden-Baden
Lieder von Robert Schumann und Peter Tschaikowsky, Sonate von Cesar Franck und  Streichquartett von Maurice Ravel: Vom 17. bis 20. Februar sind Konzerte auf der Baden-Badener Festspielhausbühne im kostenfreien Livestream zu erleben.  

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Die Ausbildungen zum Mechatroniker, Elektroniker oder auch Zerspanungstechniker sind bei Kratzer gefragt.
    vor 20 Stunden
    Kratzer bietet Hightech-Lösungen für die Industrie
    Das global agierende Familienunternehmen Kratzer GmbH & Co. KG aus Offenburg entwickelt und fertigt Präzisionsbauteile und  -baugruppen aus einer Vielfalt von Werkstoffen. Es liefert weltweit individuelle und hochkomplexe Hightech-Lösungen an wichtige Branchen: an die Analyse- und...
  • Die Palura Gebäudeservice GmbH ist Ihr Partner, wenn es professionell sauber sein soll.
    22.02.2021
    Der Reinigungsexperte aus Appenweier
    Wenn’s sauber werden soll, ist die Palura Gebäudeservice GmbH der ideale Partner: Ganz egal, ob es sich ums Großreinemachen in Geschäftshäusern, in Industriehallen oder Bus und Bahn dreht. Der Profi aus Appenweier hat das Know-how, die Manpower und das Equipment.
  • 19.02.2021
    Seit 80 Jahren erfolgreich am Markt: J. Schneider Elektrotechnik GmbH weiter auf Erfolgskurs
    Seit 80 Jahren arbeitet und expandiert die Offenburger Firma J. Schneider Elektrotechnik GmbH erfolgreich am nationalen und internationalen Markt. Das Unternehmen sorgt dafür, dass Maschinen und Anlagen funktionsfähig arbeiten – mit Strom und Spannung. Dafür werden gut ausgebildete Fachkräfte...
  • Die azemos vermögensmanagement gmbh ist im repräsentativen Gebäude des BIZZ in Offenburg untergebracht.
    19.02.2021
    Das Einmaleins der Geldanlage: Wissen, Transparenz, Authentizität und vor allem Vertrauen
    Pandemiebedingte, nun seit einem Jahr anhaltende Unsicherheiten auf den Arbeits- und Finanzmärkten, Negativzinsen, exorbitant steigende Immobilienpreise in exorbitant guten Lagen – Vermögen oder Vermögenswerte  zu bewahren und zu mehren in diesen Zeiten - eine schwere Aufgabe, die ohne Experten...