Kultur regional

Kolumne

Wenn Kunstfiguren Karriere machen
29. Dezember 2012
Popkultur 2013: Die virtuellen Stars für das Leben im Netz kommen direkt aus dem Computer

Man braucht viele Augen und Ohren, will man in diesen Zeiten der üppig wachsenden Konvergenz noch alles mitbekommen. Alles gehört zu allem, Entertainment gibt es zu Hause, bei Festivals und in der örtlichen Musikhalle. Kommerzielle Internetdienste aber nutzen längst die große Verwirrung bei den Marken und Begrifflichkeiten, um neue Unterhaltungssupermärkte für die Bewohner der Laptops zu installieren.

Unter »Trendish – der Klick zum Trend« kommt einem zum Beispiel derzeit ein Sammelsurium an Angeboten entgegen, was auch den Trend für 2013 erkennen lässt: »Mode, Fashion, Kosmetik, Design, Internet, Mobil, Möbel, Haushalt, Musik, Video, Technik, Wissenschaft.« Fehlt nur noch Gartenbau und Viehzucht.

Wenn Musik in solchen Aufzählungen nur noch ein Thema unter vielen ist, dann hat sie ganz klar an Bedeutung verloren. Das sagt aber mehr über den Internet-Rummelplatz und den verwirrten Konsumenten als über die Klasse der noch lebenden und aktiven Künstler. Der moderne Mensch nimmt derzeit offenbar alles an und mit, was er kriegen kann. Er verbringt ganze Wochenenden auf Facebook – wodurch eine neue Einheit der Mutanten in den virtuellen Sphären entsteht, die Couch-Potatoes der Gegenwart schließen sich an das www-Weltgehirn an.

Was bedeutet das für Kunst und Kultur? Hinterm Horizont geht’s weiter! Casting-Sendungen werden wohl bald nur noch Anachronismus sein, denn jetzt kommen die Stars direkt aus dem Computer, Dieter Bohlens Suche nach Supermenschen wird sich weiter abnutzen.

Hatsune Miko nennt sich eine Kunstfigur, die von Crypton Future Media und der Yamaha Corporation für den japanischen Markt geschaffen wurde. Im typischen Manga-Comicstyle kommt uns eine 16-Jährige mit langen blauen Zöpfen entgegen. Der Name dieses unwirklichen Popmädels ist ein deutlicher Hinweis darauf, wohin einige in der Entertainmentbranche hinwollen: Er enthält die Begriffe Ton und Zukunft aus dem Japanischen.

Spielzeug aus Japan

Hatsune Miko ist wohl der wirklich erste Pop-Avatar aller Zeiten, mit virtuellem Gesang, wie ein Game einsetzbar in Arenen und Stadien. Der riesige Erfolg dieses popkulturellen Spielzeugs in Japan lässt weiteres erwarten. Die Europäer und Amerikaner werden sich dieses neue Marktvergnügen sicherlich nicht entgehen lassen – auch wenn »die Japaner immer ein bisschen mehr offen für solch esoterischen Einsatz von Technologie sind«, wie der auf Visualisierungen spezialisierte Wissenschaftler Randall Hand meint.

Bis auf das Cover des britischen Musik- und Modemagazins »CLASH« brachte es Hatsune Miku mit einem schönem Porträtfoto. Bei der obligatorischen Fragestellung der Redaktion schimmert eine leichte Besorgnis durch: »The Future of Music?… The Synthetic Pop Phenomenon«.

Auf Facebook und in anderen Internetforen der Moderne sind wir längst alle nicht mehr ganz echt. Im Netz kann sich jeder monströs aufblasen, Fantasie-Identiäten entwickeln, sich Pseudonyme zulegen und in andere Charaktere schlüpfen.

Wenn eine Kunstfigur aus Bits und Bytes aus den Rechnern ins Entertainment hüpft und, wie in Japan derzeit der Fall, als Megastar gefeiert wird, dann bricht wohl bald eine neue Zeitrechnung an. Virtuelle Stars wären für die Kreativindustrie ein fragwürdiger Segen, sie bräuchten den »Künstlern« gar nichts mehr an Gagen zu zahlen und könnten sich dumm und dämlich verdienen.

Der Rock’n’Roll muss dringend noch mal neu erfunden werden…

Autor:
Jürgen Stark