Kolumne

Musikalische Bildung im Niemandsland

Autor: 
Jürgen Stark
Lesezeit 4 Minuten
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16. Mai 2014
Jürgen Stark

Jürgen Stark ©Iris Rothe

Wenn an der Schule mal eine Stunde Unterricht ausfällt, dann trifft es meistens das Fach Musik. Wobei es in Deutschland sogar Schulen gibt, an denen seit mehreren Generationen die Schüler ohne jegliche Musik auskommen mussten – Musikerzieher verzweifelt gesucht. Von der unzureichenden Ausbildung der Botschafter für Klänge und Rhythmus für unsere Jüngsten wollen wir gar nicht erst reden. Der engagierte Musiklehrer steht meist mit dem Rücken zur Wand, wenig Möglichkeiten, geringe Ausstattung, wenig Zeit – bleibt den Kids nur die Freizeit und das private Angebot, was dann aber meist nicht gerade wenig Geld kostet.
Musik – teures Hobby für Besserverdiener? Das neue Bundesprogramm »Kultur macht stark« wird über Initiativen wie Pop To Go durch den neuen Bundesverband Popularmusik in die Länder gebracht und will Musikkultur »in die Breite« bringen. In Baden-Württemberg wird über die Popbüros ein ambitioniertes Programm an Jugendheime, Zentren, Treffs und Clubs vermittelt. Im Ortenaukreis geschieht dieses an der Basis durch die Initiative »Grenzenlos – Kreativität ohne Limit« der BRO (Bildungsregion Ortenau). Doch was die Profis dann mit den Kids erleben, wirft Fragen auf und regt an zur Diskussion.
Lokale Basis des Bundesprogramms ist unter anderem die Pegasus-Jugendhilfe mit angrenzender Fachschule in Schutterwald. Künstler und Erzieher staunen dort nicht schlecht über die Kommentare der hier betreuten Kids: »Warum hatten wir niemals solch einen Musikunterricht in der Schule, wir durften nie Instrumente ausprobieren«, oder: »Unser Musiklehrer hat uns den Lebenslauf von Xavier Naidoo auswendig lernen lassen, das war alles.« Musikpädagogik anno 2014. Anlass für eine Befragung bei Initiatoren, Mitstreitern solcher und benachbarter Initiativen:
»Die Schülerzahlen in den Musikschulen sind deshalb rückläufig, weil die Kurse für viele Familien nicht bezahlbar sind. Leider streichen Kommunen wie Willstätt die Talentförderung auf ein Minimum. Musikalische Bildung muss aber für ALLE bezahlbar sein. Wir haben mit den Kindern von Asylanten in Brennpunktschulen im Ortenaukreis im Auftrag des Landratsamtes erfolgreich gearbeitet, das positive Ergebnis konnte man beim Internationalen Fest in Offenburg im letzten Sommer sehen und hören.« (Brigitte Santos-Parisel und Carlo Parisel, Schwarzwald Academy/Soul Academy, Ottenhöfen)
Musizieren fördern
»Frühe und vor allem zeitgemäße musikalische Förderung ist ein überwältigendes Erlebnis. Das aktive Musizieren bedeutet eine gute Ergänzung für den Musikunterricht, was viel mehr gefördert werden müsste. Gemeinsam zu arbeiten, um Ziele zu erreichen, sowie die daraus entstehende Kameradschaft, fördern den Teamgedanken. Gibt man Jugendlichen den Freiraum, sich zu entfalten, ist man immer wieder überrascht, welche tollen Talente da zum Vorschein kommen.« (Marco-Sharif Khan, Lehrbeauftragter und Musiker, Initiator des Jugend-Musik-Werk Baden, Lahr)
»Bei meiner Arbeit für die Bildungsregion Ortenau e.V. schlägt mein Herz auch für Musik. Projekte wie ›Grenzenlos‹ oder unser früheres Projekt ›Battle of the Schoolbands‹ stehen für mich hoch im Kurs. Neben der Begeisterung der Kids trägt die Praxis auch zur Persönlichkeitsbildung bei, das Selbstbewusstsein wird gesteigert, die sprachliche Entwicklung und der Umgang mit der Stimme geschult – gerade auch bei Schülern mit Migrationshintergrund.« (Alexandra Herrmann, Leiterin des regionalen Bildungsbüros der Bildungsregion Ortenau e.V., seit sieben Jahren Teil des weiblichen DJ-Duos Shelectric).
»Durch musikalisch-kreative Angebote wird Gemeinschaft und Individualisierung gefördert, was für Heranwachsende enorm wichtig ist. Unsere bisherigen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit künstlerischen Profis beim "Grenzenlos"-Projekt sind hervorragend, weshalb wir dieses kreative Handwerk nun auch in die Ausbildung unserer Heim- und Jugenderzieher aufnehmen. Wir sollten dringend bei der Vielzahl anwachsender Probleme, wie Gewalt, Drogen, Traumatisierungen und mangelnde Integration von In- und Ausländern auf die Möglichkeiten kultureller Kommunikation setzen. Musik schafft Verständigung und kann helfen und heilen.« (Martin Schneider, Schulleiter der Fachschule Pegasus für Jugend- und Heim­erzieher, Schutterwald)
Enormer Bedarf
»Durch ›Pop To Go‹ finden diejenigen Berücksichtigung, die sich oft aus finanziellen Gründen bislang weder Unterricht noch Instrument leisten konnten.
Popularmusikförderung in der kulturellen Kinder- und Jugendbildung, wie auch in der Breiten- und Nachwuchsförderung, wurden bislang bundesweit kaum berücksichtigt, daraus ergibt sich demzufolge enormer Bedarf. Die ›Pop To Go‹-Bündnisse vor Ort als lokaler Zusammenschluss der Förderer erhalten die Grundlagen, um junge Menschen bei einem wichtigen Abschnitt ihres Lebensweges musikalisch-kreativ zu begleiten.« (Uwe Bobsin, Projektleiter der Pop To Go‹-Regiestelle für den Bundesverband Popularmusik e.V., Rostock)

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