Kultur

Punkrock ist nicht tot: Bad Religion in Straßburg

Max Orlich
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
25. Juni 2013
"Sanity is a full-time job": Dr. Punkrock Greg Graffin beim Konzert in der Straßburger Laîterie.

(Bild 1/4) "Sanity is a full-time job": Dr. Punkrock Greg Graffin beim Konzert in der Straßburger Laîterie. ©Max Orlich

33 Jahre Bandgeschichte, 30 Songs auf der Setliste, fünf Herren im besten Alter auf der Bühne: Die kalifornische Punk-Band Bad Religion begeistert am Montagabend das mit der Band gealterte Publikum in der Straßburger Laîterie. Auch ohne Urgestein Greg Hetson an der Gitarre können die Musiker um Sänger Greg Graffin mit straightem Punkrock überzeugen. Dass Graffins Gesang und seine Texte eine Klasse für sich sind, hat sich auch im 33. Jahr der Bandgeschichte nicht geändert.

Straßburg. „Surf-Music never dies“ hatte sich der Support-Act Demon Vendetta auf seine überdimensionale Totenkopf-Flagge geschrieben. Doch nicht die druckvolle, tarantino-taugliche instrumentale Surfmusik des französischen Trios bleibt am Ende des Abends in der fast ausverkauften Straßburger Laîterie in Erinnerung, sondern das weiland von Art Brut besungene Gefühl „Punkrock ist nicht tot“ – zumindest, wenn er von Bad Religion stammt.

Die 30 Songs auf der Setliste reichen bei der kalifornischen Punkrock-Legende für knapp eineinhalb Stunden Konzert. Kompakt. Präzise. Auf den Punkt. So kennen die Fans die Band seit 1980 – wenn man mal von den zwei etwas lauwarm-langatmigen Platten um die Jahrtausendwende absieht. Doch deren Songs bekommt man live sowieso schon lange nicht mehr zu hören. Aber auch ohne diese Ausrutscher ist die Playlist ein gelungene Mischung aus rohen Klassikern und Songs der letzten Alben. Auch drei Jahre nach der Tour zum 30. Bandjubiläum ist eine Bad Religion Show ein beeindruckender Rückblick auf das Schaffen einer Band, die seit dem Einstieg von Drummer Brooks Wackerman 2001 wieder zu alten Qualitäten zurück gefunden hat.

Wackerman, der inzwischen vierte Schlagzeuger der Band, modernisierte den Sound des Quintetts grundlegend, ist flexibler und druckvoller als Vorgänger Bobby Schayer. Und dieser Touch Pennywise tat den alten Herren von Bad Religion definitiv gut, holte er sie doch aus ihrer musikalischen Lethargie der Jahrtausendwende und brachte das Tempo und die Wut der frühen Jahre zurück.

Doch nicht der Drummer steht in Straßburg im Zentrum, sondern Sänger und Mastermind Greg Graffin. Der Punkrock-Prediger und wohl schlauste Texter im Punkrock liefert vom Opener „Past is dead“ bis zur letzten Zugabe „Dept of false hope“ eine tadellose Show. Sparsam, unaufgeregt, mit einem Repertoire von drei, vielleicht vier markanten Posen wühlt er sich durch messerscharf beobachtete Texte, vorgetragen im graffin-typischen Stakkato. Wohl selten gibt es in knapp zweiminütigen Punksongs wie „Suffer“ oder „No Control“ so viel geballte Sozialkritik zu hören. So ganz kann Graffin seinen Doktortitel in Evolutionsbiologie eben auch beim Texten nicht vergessen.

- Anzeige -

Aufgefangen werden Graffins Strophen von ausufernden Melodielinien, wenn die Band in Richtung Refrain aufbricht und Gitarrist Brian Baker und Bassist Jay Bentley mit den inzwischen auch bei Live-Konzerten perfekt sitzenden Background-Chören einsteigen. Das Publikum in Straßburg leistet seinen Beitrag und ist bei den legendären „Oozing Aahs“, aber auch beim Rest der Lyrics stimmgewaltig zur Stelle. Die Stimmung springt auch auf die Herren auf der Bühne über.

Bassist Bentley ist sowieso immer für eine kleine Show- oder Lachnummer zu haben, steuert druckvoll den rauhen Gesang im Outro von „American Jesus“ bei und liefert mit seinem unauffälligen Bass-Spiel das Sound-Fundament. Doch auch der sonst eher ruhige Brian Baker an der Solo-Gitarre hatte in der Laîterie sichtlich Spaß: Schmunzelnd spielt er sich durch seine präzisen Soli, baut zur Freude von Graffin immer mal wieder eine nette Variation ein oder schiebt zusammen mit Drummer Wackerman beim Klassiker „Fuck Armageddon“ einen kleinen Jam-Zwischenteil ein. Ein Punk-Gitarrist, der mehr zu bieten hat, als die sprichwörtlichen drei Akkorde und damit weit mehr ist, als nur ein Ersatz für den 1993 ausgestiegenen Brett Gurewitz. Der ist zwar seit 2001 als Songschreiber wieder mit an Bord, das Touren spart er sich aber und kümmert sich lieber um sein Epitaph-Label.

Noch einer war beim Konzert in Straßburg nicht dabei: Rhythmusgitarrist Greg Hetson. Fehlte er beim Konzert Ende April im Stuttgarter Longhorn noch ersatzlos, wurde er in der Laîterie ohne Kommentar seitens der Band durch Mike Dimkich von „The Cult“ ersetzt. Der lieferte eine solide, wenn auch unauffällige Show am Rand der Bühne und meist auch am Rand der Gruppe. Hetsons Energie und Show fehlte jedoch spürbar. Offiziell ist er noch Mitglied der Band, hat aber derzeit nach Angaben von Bassist Bentley mit persönlichen Problemen zu kämpfen.

„Confusion is a fundamental state of mind“, hieße das wohl in Graffins Texten.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Künstler Lothar Seruset steht im Innenhof des Rathauses neben einer seiner Skulpturen: ein Mann, der mit einem Haus auf dem Arm mitten in einem Fluss steht, in dem es vor Fischen wimmelt.
16.05.2024
Lahr
Der Bildhauer Lothar Seruset bespielt die Lahrer Reihe „Kunst in die Stadt!“ drinnen und draußen. Sein filigranstes Kunstwerk wurde in der ersten Nacht nach der Ausstellungseröffnung zerstört.
Das Frühjahrskonzert des collegium musicum stand im Zeichen der Harfe, virtuos gespielt von der Solistin Kisten Ecke. ⇒Foto: Stephan Hund
16.05.2024
Oberkirch
Viel Beifall erhielt das Collegium Musicum für sein anspruchsvolles Frühjahrskonzert. Harfensolistin Kirsten Ecke unterstrich mit ihrem virtuosen Spiel den Zauber der Musik.
Dietrich Mack
16.05.2024
Kultur
Der Fußball als sportliches und gesamtgesellschaftliches Ereignis beschäftigt den Kolumnisten. Auch die Trainersuche des FC Bayern. Wer daran verzweifelt, den tröstet er mit Worten des Propheten Jesaja.
Hommage an die Musikikone Dr. John: Matthis Pascaud und Hugh Coltman mit ihrer Band beim intimen Konzert in der Reithalle.
15.05.2024
Offenburg
Gitarrist Matthis Pascaud und Sänger Hugh Coltman boten im Foyer der Reithalle vor kleinem Publikum eine überzeugende Hommage an die Musikerikone Dr. John.
Jazzsuite von Schostakowitsch und Tango von Piazzolla: Das Ensemble "sonic.art" zeigte sich vielseitig
15.05.2024
Achern - Fautenbach
Die letzten beiden Konzerte der Fautenbacher Reihe gab das "sonic.art" Saxophonquartett mit weithin unbekannten Werken. Besuch und Beifall waren dennoch eindrucksvoll.
Wladimir Kaminer unterhält mit Geschichten mit aberwitzigen Wendungen. ⇒Foto: Jürgen Haberer
12.05.2024
Lahrer Literaturtage
Bestsellerautor Wladimir Kaminer ist ein gerngesehener Dauergast bei den Lahrer Literaturtagen „Orte für Worte“. Auch die Lesung aus seinem aktuellen Buch endete mit einer "Russendisko".
12.05.2024
Kultur
Wie Sprache die Identität mitprägt, wie sie sich den Verhältnissen anpasst und wie weit die schönen Maiverse der Dichterinnen und Dichter in diesen Tagen von der Realität entfernt sind - das beschäftigt den Kolumnisten.
Das Gastspiel von Christian Ehring war der krönende Abschluss der Acherner „gong“-Kultursaison. 
07.05.2024
Achern - Großweier
Kabarettist Christian Ehring spottete in seinem Programm „Stand jetzt“, über Politiker, Gesundheitsapostel, seine esoterischen Nachbarn und machte Werbung für die Tageszeitung.
Alle Spielarten der Komödie setzte das Ensemble des Filmtheaters Kölns bei der Inszenierung von „Drei Männer im Schnee“ ein.
07.05.2024
Offenburg
Die Offenburger Theatersaison klang mit Erich Kästners Komödie „Drei Männer im Schnee“ aus. Das Filmtheater Köln regte mit seinem unterhaltsamen Spiel auch zum Nachdenken an.
Töne mit Gesang: Altsaxophonistin Hanna Koob stand im Mittelpunkt der "Zeitenwende", rechts Dirigent Rolf Schilli.
07.05.2024
Offenburg
Mit der Uraufführung von Leonard Küßners „Zeitenwende“ sowie Werken von Dvorák und Mendelssohn-Bartholdy gab die Philharmonie am Forum ein bemerkenswertes Konzert.
Die Schwestern Julia (links) und Claudia Müller haben die Jury des Oberrheinischen Kunstpreises 2024 überzeugt. Im Hintergrund Axel Lotz, Vorsitzender des Förderkreises Kunst und Kultur.
06.05.2024
Oberrheinischer Kunstpreis 2024
In einer Feierstunde in Offenburg wurde den Schwestern Julia und Claudia Müller der Oberrheinische Kunstpreis 2024 verliehen und ihr Interesse an gesellschaftspolitischen Themen gewürdigt.
Töne mit Gesang: Altsaxophonistin Hanna Koob stand im Mittelpunkt der "Zeitenwende", rechts Dirigent Rolf Schilli.
06.05.2024
Offenburg
Mit der Uraufführung von Leonard Küßners „Zeitenwende“ sowie Werken von Dvorák und Mendelssohn-Bartholdy gab die Philharmonie am Forum ein bemerkenswertes Konzert. Wofür das Publikum noch Standing Ovations spendete.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Das Geheimnis des Erfolgs ist der große Zusammenhalt der Familie. Jeder bringt sich mit seinen Erfahrungen und Talenten ein (von links): Erika und Erhard, Brigitte und Hubert Benz sowie Anja Vetter und Alexander Benz mit ihrem kleinen Lukas. 
    29.04.2024
    Top-Life Gesundheitszentrum: Alle Altersgruppen willkommen!
    Das Top-Life Gesundheitszentrum in Berghaupten feiert in diesem Jahr ein außergewöhnliches Firmen-Jubiläum. Es basiert auf dem Alter aller sieben Familienmitglieder, die zum Erfolg des Unternehmens beitragen.
  • Physiotherapeutin Luise Wolf schätzt die Zusammenarbeit und innovativen Ansätze bei ihrem Arbeitgeber. 
    22.04.2024
    Top-Life Berghaupten: Hier steht der Mensch im Mittelpunkt
    Das Gesundheitszentrum Top-Life in Berghaupten bietet ein Komplettpaket rund um Gesunderhaltung, Rehabilitation, Prävention und Wellness. Physiotherapeutin Luise Wolf ist Teil des motivierten Teams und gibt im Interview Einblick in ihre abwechslungsreiche Arbeit.
  • Alles andere als ein Glücksspiel: die Geldanlage in Aktien. Den Beweis dafür tritt azemos in Offenburg seit mehr als 20 Jahren erfolgreich an.
    17.04.2024
    Mit den azemos-Anlagestrategien auf der sicheren Seite
    Die azemos Vermögensmanagement GmbH in Offenburg gewährt einen Einblick in die Arbeit der Analysten und die seit mehr als 20 Jahren erfolgreichen Anlagestrategien für Privat- sowie Geschäftskunden.
  • Auch das Handwerk zeigt bei der Berufsinfomesse (BIM), was es alles kann. Hier wird beispielsweise präsentiert, wie Pflaster fachmännisch verlegt wird. 
    13.04.2024
    432 Aussteller informieren bei der Berufsinfomesse Offenburg
    Die 23. Berufsinfomesse in der Messe Offenburg-Ortenau wird ein Event der Superlative. Am 19. und 20. April präsentieren 432 Aussteller Schulabsolventen und Fortbildungswilligen einen Querschnitt durch die Ortenauer Berufswelt. Rund 24.000 Besucher werden erwartet.