Kolumne

Rechtschreibreform: Das faule Ei der Bildungspolitiker

Autor: 
Jürgen Stark
Lesezeit 3 Minuten
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01. Dezember 2015

Jürgen Stark ©Iris Rothe

Gut gemeint und voll daneben. Eigentlich sollte die Sprache im Land von Heine, Hölderlin und Herder ein heiliges Gut sein. Terra incognita gewissermaßen, ein für unsensible Obrigkeit und simplifizierende Politbürokraten vollkommen ungeeignetes Terrain. Doch die Allmachtsphantasien vom Primat der Politik verführen offenbar immer wieder zu einem Reformeifer, der mitunter mehr Schaden als Nutzen verursacht.
So auch am 30. November 1995 bei der 274. Kultusministerkonferenz in Mainz. Unter dem Vorsitz der damaligen Präsidentin der Kultusministerkonferenz, der Hamburger SPD-Senatorin Rosemarie Raab, wurde ein fataler »Beschluss zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung« auf den Weg gebracht. Gegen diese Neuregelung der deutschen Rechtschreibung waren Sprachwissenschaftler, Rechtschreibkritiker und auch große Leitmedien Sturm gelaufen. Vergeblich.
Was hatte man da auch für ein faules Ei ausgebrütet. Die Delfine und die Fantasie verloren ihr »ph« und die ständige Schreibhürde beim »dass« und dem Relativpronomen »das« konnte auch durch die Entsorgung des »ß« nicht behoben werden. Was sich weitgehend sinnfrei Berufspolitiker ausdachten, führte nachweislich zu noch mehr Chaos und blankem Entsetzen bei den Sprachprofis, die nun das Elend nur noch beobachten, aber nicht mehr verhindern konnten.
Die wohl bitterste Bilanz kommt von Heike Schmoll, Bildungsexpertin und politische Korrespondentin in Berlin: »Ausgerechnet die Kultusminister haben Schülern gegenüber mit langfristigem Erfolg den Eindruck vermittelt, Orthografie sei weniger wichtig, Zeichensetzung weitgehend dem eigenen Stilempfinden überlassen. Inzwischen werden sie die Geister nicht mehr los und müssen feststellen, dass Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht einmal die kulturellen Standardtechniken beherrschen.« So isses.
Auf Facebook kann man heute bestaunen, was die Obrigkeit ihren Untertanen für ein Sprachverständnis vermittelt hat. Zeichensetzung mit dem Salzstreuer, Schreibweisen à la Lautschrift, Gossenjargon bei Kommentaren und den im Netz weit verbreiteten Pöbeleien. Voll krass, ey!
Für bildungsferne Schichten war die Reform ohnehin so sinnvoll wie eine dreisprachige Ikea-Anleitung zum Aufbau eines Regals. Nix capito. Hans Zehetmair (CSU) stellte sich und der verantwortlichen politischen Klasse schon vor Jahren ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: »Ich muss mir vorwerfen, dass ich als Kultusminister nicht frühzeitig die Reform in geordnete Bahnen gelenkt habe. Sprache ist nicht statisch, sondern ein lebendiger Prozess, ob man Friseur mir ö oder mit eu schreibt, wen soll das aufregen?«Zu spät. Durch die Wucht der Einwanderung wird die deutsche Sprache jetzt ohnehin die Reform der Straße zu spüren bekommen. Punkt und Komma können dann wohl in Rente gehen. Hauptsache, es bleibt noch Zeit für einen Kuss – mit Doppel-S.

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Jürgen Stark ist Autor, Musiker und Dozent und lebt in Ortenberg. Er schreibt regelmäßig Kulturkolumnen für die Mittelbadische Presse und gründete das Institut für kulturelle Kommunikation an der Hochschule Offenburg.

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