Kultur

Sehenswürdigkeit ersten Grades

Autor: 
Von Jutta Hagedorn
Lesezeit 4 Minuten
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23. Juni 2006
Der »Kartoffelmann«, das Drake-Denkmal, das bis 1945 etwa auf Höhe der Ursula-Säule in der Offenburger Innenstadt gestanden hat, ist für Steffi Jüngling Dreh- und Angelpunkt Ihrer Kunstaktion für den Künstlerkreis Offenburg-Mittelbaden.
Offenburg. Steffi Jüngling ist eine junge Künstlerin, die hauptsächlich im Außenbereich arbeitet. Auf Einladung des Kunstvereins Offenburg-Mittelbaden hat sich ihr für die Reihe »Debüt« den Offenburger »Kartoffelmann«, das ehemalige »Drake-Denkmal«, als Inspirationsquelle und -objekt angeboten. Vielleicht war es Zufall, vielleicht »Vorsehung«: Der »Kartoffelmann«, das – so kann man wohl sagen – weltberühmte Drake-Denkmal, 1945 von den Nazis zerstört, forderte sein Recht auf Aufmerksamkeit der Künstlerin. Das Ergebnis ihrer Nachforschungen wird sie im September vorstellen. Doch bereits jetzt werden die Besucher der Innenstadt auf dieses Projekt eingestimmt: In den Blumenkübeln hat Jüngling verschiedene Kartoffelarten gepflanzt. Und irgendwann im Verlauf der kommenden Wochen werden diese Pflanzen ihre kleinen und sehr verschiedenen Blüten zeigen. Viele Fragen Bei ihren Recherchen rund um die Kartoffel hat Jüngling herausgefunden, dass es zwar rund 700 Sorten im europäischen Raum gibt, dass jedes Land seine eigenen Sorten favorisiert, dass es aber in Deutschland genaue Vorschriften gibt, was angebaut werden darf. Das sei zurückzuführen auf die Nazi-Zeit, sagt Jüngling. »Damals ging es weniger um den Geschmack als um die Größe der Kartoffel«. Viele kleine Sorten seien deshalb hierzulande inzwischen unbekannt. »Aber die Artenvielfalt kommt wieder«, weißt die Künstlerin, die sich nach eigenem Bekunden inzwischen langsam zur Kartoffelexpertin mausert. Für ihr Offenburger Projekt interessieren sie allerdings noch ganz andere Aspekte. Zum Beispiel die Frage, warum sich die Offenburger so mit dem Drake-Denkmal identifiziert haben und einige Stimmen sogar einen neuen »Kartoffelmann« forderten. Warum war Drake ausgerechnet hier so populär – schließlich war er ein Seefahrer und Freibeuter, und das im 17. Jahrhundert im Dienst der englischen Königin. Was hat den elsässischen Bildhauer André Friedrich dazu bewogen, einen englischen Seehelden seiner Heimatstadt Straßburg anzubieten? Und was hat die Euphorie der Offenburger Stadtväter begründet, als sie eben jenes Denkmal 1953 von Friedrich übernahmen? Straßburg hatte immerhin dankend abgelehnt. Außerdem, so Jüngling, stehe ja gar nicht unbedingt fest, dass Drake der erste war, der die Kartoffel nach Europa brachte. Jüngling möchte nun kein neues steinernes Monument schaffen, aber so etwas wie ein »Denkmal im Kopf«, wie sie sagt. Amüsantiert habe sie die Begeisterung der Offenburger Bevölkerung. Gedichte, Lieder und sogar ein Theaterstück wurden an den Kartoffelmann gerichtet. In der »Frankfurter Zeitung« vom 19. Juni 1922 wurde er sogar als »Der Heilige von Offenburg« bezeichnet. 1931 wurde ein gewisser Franz Drake aus Offenburg von Geldeintreibern gesucht, weil er Lotterielose nicht bezahlt hatte. Für die Kartoffel Das Drake-Denkmal – in der Offenburger Mundart auch als »Dreck-Denkmal« bekannt –, wurde in Meyers Konversationslexikon von 1871 als »Sehenswürdigkeit ersten Grades« verbucht. Die englische Zeitung »Guardian« muss sich wohl an diesem Artikel orientiert haben, oder aber einer etwas kurios anmutenden Reiseerinnerung aufgesessen sein: In einem Überblick über die Gruppen zur Fußball-Weltmeisterschaft vom 9. Dezember 2005 steht unter »Deutschland, faszinierende Fakten«: »In Offenburg gibt es ein Denkmal für die Kartoffel, das an Sir Francis Drakes Entdeckung erinnert.« Die Antwort auf die Frage, woher man diese Information denn habe, ist der zuständige Redakteur bis heute schuldig geblieben. Michael Friedmann vermutet in seinem »historischen Rundgang«, dass der Kartoffelmann zwischen 1853 und den 1930er-Jahren als »Symbol für Völkerverständigung und der allgemeinen, die Ländergrenzen überschreitenden Wertschätzung der Kartoffel« stand. Auf jeden Fall beschäftigt er Besucher und Einheimische gleichermaßen, nun auch eine Künstlerin. Mehr kann ein Denkmal nun wirklich nicht erwarten. Und so wird es wohl auch weiterhin Briefe an die Stadtverwaltung geben, Anfragen aus der ganzen Welt und vielleicht sogar wieder einen Brief wie den von 1931 an »Herrn Franz Drake, Kartoffellieferant, Offenburg« wegen unbezahlter Lose. Und vielleicht wird es auch wieder Gedichte geben: »Franz Drake war ein großer Held / Und Sieger auf dem Hungerfeld / So daß man ihn wohl nie vergißt / solang' der Mensch Kartoffeln ißt«.

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