"Metropolis"-Projekt in der Kirche

Tilmann Krieg: "Visuelle Symphonie" aus Farben und Bildern

Autor: 
Oscar Sala
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
02. November 2015

Eindrucksvolle Lichtspiele zeigte der Fotograf Tillmann Krieg in der Kirche St. Nepomuk in Kehl – das Publikum war fasziniert. ©Oscar Sala

Poesie des Lichts: Die Kirche St. Nepomuk in Kehl wird jeden Abend um 19 Uhr zum lebendigen Lichtraum. Am Sonntag war Premiere dieses ungewöhnlichen audio-visuellen Projektes »Metropolis« des Fotografen Tilmann Krieg.

Bilder überlagern sich und überfluten das Deckengewölbe, streichen über die  Ecken des Altars, gehen auseinander, sammeln sich wieder – der Kirchenraum atmet, lebt. Unter dem Titel »Metropolis« war am Sonntagabend in der Kehler St. Johannes Nepomuk-Kirche das ambitionierte Kunst-Projekt von Tilmann Krieg erstmals zu sehen. Die audio-visuelle Installation hatte er eigens für das katholische Gotteshaus  konzipiert und in Beziehung zum Kirchenraum eingerichtet.

Komposition aus Farben, Bildern, Filmen

Mit seiner außergewöhnlichen »visuellen Symphonie« schaffte es der Kehler Fotograf, den grauen November in einen Monat des Lichts zu verwandeln: Während draußen der Kirchenturm in der Abenddämmerung versank, erlebten die Besucher im großen Kirchenraum für etwa eine Stunde eine Komposition aus Farben, Bildern und Filmen. Derweil Wände und Gewölbe von Fotoaufnahmen in verschiedenen Farbtönen getaucht wurden, zog eine Perkussion-Performance des Karlsruher Künstlers Michael Vierling sowie klassische Musikzitate und andere Soundcollagen die Besucher in ihren Bann.

Die audio-visuelle Inszenierung ließ eine ganz eigene Dynamik entstehen, Krieg löste mit seinen Fotoarrangements die Konturen der Architektur auf und gab dem Betrachter damit Raum für freie Assoziationen und eigene subjektive Interpretationen.

Sinn für Räume

- Anzeige -

Der Künstler selbst verfolgte das Geschehen von der Empore aus, wo er mithilfe von Rechnern und Beamern das ätherische Kunstwerk dirigierte; dabei bewies Krieg einen ausgeprägten Sinn für Räume und Stimmungen. Mit dem Projekt-Titel »Metropolis« will der Künstler auf den Zusammenklang verschiedener Elemente, auf das sinfonische Zusammenspiel verschiedener Klangkörper hinweisen.

Die visuellen Elemente, die zusammen aufgeführt werden,  sind mit Klangpartien unterlegt und verstärken damit den optischen Eindruck. Ganz wie in einem Konzertwerk, hat der Fotograf seine Arbeit in Sätze unterteilt: Chaos, Wüste, Schöpfung, Arbeit, Stolz, Krieg, Spiritualität, Übergang, Reflektion, Gesichter und Ewigkeit. Breiten Raum nehmen Großstadtszenerien und Architektur ein, die »die Verlorenheit des Individuums in den überbordenden Anforderungen urbaner Kreisläufe und globaler Desorientierung unserer Zeit« evozieren sollen, so Krieg.

"Keine Einzelschicksale"

Seine Bilder sind in vielen Kulturen auch außerhalb Europas entstanden: China, Brasilien, Korea, USA, Äthiopien, Australien. Meist sind die Figuren allerdings nur verschwommen, schattenhafte Umrisse. Das ist vom Künstler so intendiert: »Diese flüchtige Erscheinung menschlicher Konturen erzählt keine Einzelschicksale, sondern etwas über das Wesen unserer Existenz an sich«.

Erst im vorletzten Satz »Faces« bricht Krieg mit diesem Prinzip – aus den gesichtslosen Schemen werden erkennbare Charaktere mit individuellem Ausdruck.
Gegen Ende umspült ein blauer Ozean den Raum, lässt alles in einem ätherischen Licht eintauchen, der letzte Satz entfernt sich dann wieder in die Weite des Kosmos – in die Ewigkeit.  Die zahlreichen Premiere-Gäste quittierten die kaleidoskopische Bilderflut mit rauschendem Beifall.

Info

Termine

Aufführungen: November täglich 19-20.15 Uhr, außer montags und 14. November.

Finissage: Sonntag, 28. November, 19 Uhr, mit Thomas Strauß (Orgel) und Daniel Schay (Percussion).

Eintritt frei, Spenden willkommen.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Musizierten in wunderbarer Harmonie: Mezzosopranistin Ambroisine Bré (von links), Pianist David Bismuth und Violinistin Geneviève Laurenceau.
Gengenbacher Kultursommer
vor 1 Stunde
Mit einer Gastvorstellung des »Festival de Musique« aus der Partnerstadt Obernai wurde der Gengenbacher Kultursommer am Samstagabend in der Stadthalle um einen hochkarätigen Beitrag bereichert.  
Monika Röschmann (links) und Margot Müller trugen vor dem überlebensgroßen Porträt von Rudolf Vallendor heitere Geschichten des Mundartdichters vor.
100. Geburtstag des Heimatschriftstellers und Mundartdichters gefeiert
vor 1 Stunde
Eine großartige Hommage erinnerte am Freitagabend im Offenburger Salmen an den Heimatschriftsteller und Mundartdichter Rudolf Vallendor (1918-2014). Er wäre am 6. Juli 100 Jahre alt geworden.
Komiker, Musiker, Autor, Zeichner: Otto Waalkes ist als Künstler ein Tausendsassa.
Interview zum 70. Geburtstag
vor 23 Stunden
Otto Waalkes feiert an diesem Sonntag seinen 70. Geburtstag. Mit seinem Humor hat er seit mehr als 50 Jahren Generationen von Menschen geprägt. Neben der Comedy ist Otto auch als Maler und Musiker erfolgreich. Im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse erzählt er von seinen Leidenschaften – und...
Guido Kucznierz und ­mit Werken in der aktuellen Doppelausstellung im Museum für aktuelle Kunst Sammlung Hurrle.
Ausstellung im Museum für aktuelle Kunst in Durbach
21.07.2018
In der Reihe »Profile in der Kunst am Oberrhein« zeigt Kunstmäzen Rüdiger Hurrle eine Doppelausstellung mit Arbeiten von Guido Kucznierz und Voré. Beide Künstler bewegen sich im Spannungsfeld zwischen zeichnerischer Geste und plastischem Ausdruck.  
Die Skulptur «Anamorphous-Octopus» von Allison Wickey hängt an dem Kran eines Spezialschiffes und wird versenkt.
Pensacola
20.07.2018
Üblicherweise besuchen Kunstfreunde Museen und Galerien an Land und im Trockenen - in den USA können sie künftig aber auch eine Taucherausrüstung anlegen und Skulpturen in 18 Metern Tiefe unter Wasser betrachten.
Anhänger des Vereins Berliner Historische Mitte demonstrieren auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude.
Berlin
20.07.2018
Eine Berliner Bürgerinitiative will mit einer Dauer-Demonstration vor dem Reichstag erreichen, dass das Einheits- und Freiheitsdenkmal dort errichtet wird - und nicht wie geplant vor dem Berliner Schloss.
Der italienische Komponist Ennio Morricone in seiner Wohnung.
Rom
19.07.2018
Der Lift zur Legende rattert in den obersten Stock. Die Tür öffnet sich, alte Möbel mit Büchern, Gefäßen, Erinnerungsstücken stehen im Eingang. Ennio Morricone öffnet die Wohnungstür.
«Mit Schirm, Charme und Melone»: Der smarte John Steed (Patrick Macnee) und die schlagkräftige Emma Peel (Diana Rigg).
London
19.07.2018
Nach einem Vierteljahrhundert Pause ist sie wieder an den Broadway zurückgekehrt, als Professor Higgins Mutter in dem Musical «My Fair Lady». Damals - 1994 - erhielt sie einen Tony Award für die Titelrolle in Euripides Medea; auch dieses Jahr wurde sie wieder nominiert.
Billy Joel hat sein 100. Konzert im Madison Square Garden gespielt.
New York
19.07.2018
Seit 25 Jahren hat Billy Joel kein neues Popalbum mehr veröffentlicht, doch das ist an diesem denkwürdigen Mittwochabend vollkommen egal.
Damien Chazelle hat ein Biopic über Neil Armstrong gedreht.
Venedig
19.07.2018
Das Weltraumdrama «First Man - Aufbruch zum Mond» von Regisseur Damien Chazelle eröffnet am 29. August die 75. Internationalen Filmfestspiele Venedig. Das berichteten das Magazin «Variety» und der «Hollywood Reporter».
Dietrich Mack.
Kulturkolumne
19.07.2018
Dem irischen Dichter Bernard Shaw verdanken wir nicht nur berühmte Theaterstücke wie »Helden« und »Pygmalion«, sondern auch brillante Musikkritiken. Wie gnadenlos die Bühne sein kann und welche Risiken für Künstler im Alter entstehen, verrät er in unserer Kulturkolumne.
Das Bühenbild zur Oper «Carmen» auf der Seebühne in Bregenz.
Bregenz
18.07.2018
Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am Mittwoch die 73. Bregenzer Festspiele eröffnet. Vor rund 2000 Gästen erinnerte das Staatsoberhaupt an die unbedingte Freiheit der Kunst und die Rolle der Bürger.