Tanzperformance "Grenzland" in der Reithalle Offenburg

Von Menschen und Verwirrung

Bettina Kühne
Lesezeit 3 Minuten
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10. November 2015

Die Tanzperformance »Grenzland« thematisierte Flucht und Ankommen. ©Ulrich Marx

»Grenzland«: Im Spannungsfeld zwischen persönlichem Stolz und dem Gefühl, alles verloren zu haben, arbeiten sich afrikanische und europäische Tänzer und Musiker an Zerrissenheit und Wut ab. Die Tanzperformance wirkt so verwirrend wie die aktuelle Situation der Flüchtlinge.

Es ist ein Gewirr und Gewimmel: Menschen suchen das für sie passende Kleidungsstück, es herrscht eine Babylonische Sprachverwirrung. Die Tanzperformance »Grenzland« in der Offenburger Reithalle mit fünf Tänzern und zwei Musikern aus Afrika und Europa entließ die Zuschauer am Freitag mit gemischten Gefühlen. Oder, um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: »Ich habe es nicht so richtig verstanden.« Und: »Es war ein bißchen laut.«

Gestrandete Schuhe

»Wer sind all diese Menschen?«, ist eine Frage, die derzeit auch im Alltag beschäftigt. Caroline Stächele hat sie auf der Bühne zu beleuchten versucht. Eine – teilweise – Aufklärung gelang erst beim großen Finale. Da fand ein Großteil der gestrandeten Schuhe am Bühnenrand ihren Besitzer. Und der setzte sich und erzählte. Woher er stammte, wann er nach Deutschland gekommen war und noch einiges mehr, was aufgrund der Landessprachen nicht zu verstehen war.

Aber es wirkt: Die Menschen bekommen ein Gesicht, eine Persönlichkeit. Sie verschwinden nicht mehr in der anonymen Masse. Das wohl glückliche Ende einer Flucht, das Ankommen, das vereinende Schicksal – all das feiern die Akteure beim zweiten Auftritt der Live-Musiker. In ihrem bunten Outfit punkten die Afrikaner schon optisch, als sie mit temperamentvoller Percussion- und Gitarrenmusik eine ausgelassene Party anstiften – auf der Bühne wird getanzt, einfach so.

Elegant und ästhetisch

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Was auf jeden Fall trägt, ist Stächeles Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Da stapft eine Tänzerin am Bühnenrand entlang, schreit wie die anderen auch etwas Unverständliches ins Publikum, wütet, vermischt sich lautmalerisch mit den anderen Akteuren, die nicht viel leiser sind – und just in dem Moment, als man als Zuschauer genug hat, wechselt die Szene. Die Betonung verschiebt sich wieder Richtung Tanz. Dann fließen Körper ineinander, rollen in ästhetischer Weise wie der vom Meer getriebener Sand auf dem Boden entlang.

Die Frau im roten Rock zeigt Eleganz, der Mann mit dem Wuschelhaar Bewegungsfreude, sie weben sich ineinander, der weitere Tänzer ballt sich mit ihnen zusammen, und so bewegt sich die kleine Crew diagonal über die Bühne.

Es ist ein Spiel zwischen drangvoller Enge und Vereinzelung, das in verschiedenen Facetten ausgelotet wird. Und es gibt einen Kleidertausch: Die Grenzen verschwimmen, Persönlichkeiten zerfließen, bleiben zurück, nehmen andere Identitäten an. Für sich bleibt nur eine Afrikanerin, irgendwie auf sich selbst zurückgeworfen.

Reichlich Lob

Am Ende gab es reichlich Applaus, ein Lob, das die Menschen auf der Bühne germe genossen. Im deutschen Alltag sind ihre Erfahrungen da vermutlich durchwachsener. Trotz vieler »Vorhänge« ließ sich Choreografin Stächele allerdings nur einmal kurz blicken. Die Blumen einer Dame blieben im Korb. Schade. Stächele hätte sich durchaus noch einmal können sehen lassen. Aber es besteht ja noch Gelegenheit.

Info

Termin

Weitere Aufführung: Sonntag, 15. November, 19 Uhr, Reithalle Offenburg. Karten: Bürgerbüro Offenburg, Tel. 0781/822800, Geschäftsstellen der Mittelbadischen Presse, Tel. 0800/911811711.

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