Tim Otto Roth

Was Physik und Kunst gemeinsam haben

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
23. Juli 2015
Tim Otto Roth arbeitet eng mit wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen zusammen.

Tim Otto Roth arbeitet eng mit wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen zusammen. ©Peter Heck

Tim Otto Roth hat mit seiner Installation »Heaven’s Carousel« in Karlsruhe für Aufsehen gesorgt. Bei den Besuchern kommt sie gut an, sagt der Künstler im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse und erzählt, wie es zu diesem spektakulären Werk kam.

»Ich bin ein künstlerischer Spätzünder«, gesteht Tim Otto Roth im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse und schmunzelt. Der gebürtige Oppenauer, der am Bahnhof seiner Heimatstadt sein Atelier hat, studierte nämlich zunächst einmal Philosophie und Politik. Etwas Künstlerisches hätte ihm schon gefallen, aber an Bildende Kunst habe er gar nicht gedacht, erzählt er. Später schrieb er sich an der Kunsthochschule in Kassel ein. Promoviert hat er dann auch noch. Eines seiner Themen: Die Theorie der visuellen Kommunikation. Und da kommt man ihm schon ziemlich gut auf die Spur.

Tim Otto Roth strahlt Begeisterung aus für das, was er tut und denkt. Und derzeit ist er richtig glücklich mit dem Erfolg seines »Heaven’s Carousel«, das er auf Einladung der Stadt und im Rahmen der »Globale« des ZKM zum 300. Geburtstag von Karlsruhe zeigt.

Haben ihm die Philosophie und die Politik geholfen? »Ich bin ein sehr politischer Mensch und auch politisch aktiv«, sagt Roth, »Polit-Kunst« mache er allerdings nicht. Die Philosophie habe ihn gelehrt, präzise Fragen zu stellen und sich ein präzises methodisches Repertoire zuzulegen: »Kunst ist immer theoretisch.«

Mit seiner Kunst möchte er etwas anstoßen, Resonanzen erzeugen. Das ist nun doppeldeutig. Bei »Heaven’s Carousel« kann man das sehen. Denn Roth ist von der Physik inspiriert. Weswegen er die Abkopplung der Naturwissenschaften von der Kunst gar nicht versteht und Brücken baut zwischen den Disziplinen. Immerhin, meint er, untersuche doch die Physik viele Phänomene der Kunst wie Licht, Farbe – oder Raum.

Raum ist sein Stichwort. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeiten. Der Raum, und wie er sich darstellt, wie man ihn erfassen kann. Man könnte auch sagen, das Körperliche, das aus dem Flächigen entsteht. Technik, (Astro-)Physik, Mathematik, Molekular- und Neurobiologie – nichts ist Roth zu exotisch. Hier findet er seine Inspiration. Das alles sieht er als »ästhetische Herausforderung« für die Künste. Gute Ingenieurskunst schaffe Synthesen, bringe doch etwas Neues hervor, bemerkt er. Der bedient er sich und hasst es, in Rechtfertigungszwang zu geraten, wenn er Technologien mit künstlerischen Mitteln in einen neuen Kontext stellt.

Angeregt wurde Tim Roth durch die Fotografie. Von Man Ray unter anderem, der sich von der Naturwissenschaft ab- und dem Pop zugewandt habe. Das Kino ist für Roth »die große Kunst des 20. Jahrhunderts« – werde aber als Kunst abgelehnt. Weil sie Maschinenkunst sei und kollaborativ dazu. Ähnliches gelte für Video und Fotografie, dabei habe sich in Deutschland die »Konzeptfotografie« entwickelt. Wichtig sei aber trotz allem eine »emotionale Andockmöglichkeit«, das Sinnliche, das Ästhetische.

- Anzeige -

Die häufige Frage an Künstler »Was soll das denn?« habe er selten gehört, aber das liege vielleicht an der Ästhetik seiner Werke und daran, dass der Betrachter Dinge durch seine Erfahrung bearbeite und reflektiere. Roth fordert daher auch eine »Schule des Sehens und Hörens« und meint, dass wir heute »einen reflektorischen Umgang mit der medialisierten Welt« brauchen.

Und die Finanzierung? Niemand stellt sich sein »Heaven’s Carousel« in den Vorgarten. Das vielleicht nicht, meint der Künstler schmunzelnd, aber er sei durchaus schon dabei, kleine Versionen zu entwickeln. Mäzenatentum stellt für Roth kein Problem dar, zumal er sich zumindest derzeit als »Staatskünstler« betrachtet. Er werde vom Staat finanziert – sprich von staatlichen Forschungseinrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft, der TU Dresden oder dem KIT Karlsruhe, der ESA und Nasa oder anderen Einrichtungen in den USA. Kunst sei schließlich auch eine Form von Experimentierlabor, meint er.  Zusammen mit Esa und Nasa hat er bereits ein Hubble-Projekt erarbeitet.

»From a distant past« hieß es und beschrieb »Farben der entferntesten Objekte im Universum«.Es ging um Astro-Physik und ästhetische Dimensionen, um das Spektrum Farbe und die Kunst der exakten Beschreibung von Farbe. Seit zehn Jahren mache er solche Projekte, habe dafür auch unter anderen den Preis des ZKM erhalten. Sein »Heaven’s Carousel« wurde vor Karlsruhe in Baltimore und an der New Yorker Wallstreet gezeigt. »Spektakulär« sei das gewesen. Er habe mit künstlerischen Mitteln auf den Paradigmenwechsel auf der Hubble-Konferenz in Rom reagiert: Der Erkenntnis, dass das Universum schneller auseinanderfliegt als angenommen.

»Heaven’s Carousel« habe eine »psychedelische Wirkung«, freut sich Roth. Für die Installation nutzte er in einer »additiven Synthese« Sinustöne, also die einfachste Tonform – »keine Klänge«, betont er. Die Töne werden im Raum kreiert und über 36 Lautsprecher hörbar gemacht, so dass sie sich bei der Bewegung im Raum immer wieder neu mischen: »Ein außergewöhnliches Sinnenerlebnis«.

Bei einer Aktion »Kunst am Bau« in Dresden habe er sie wieder genutzt – allerdings fixiert. Die Idee mit den Lautsprechern hat Roth bereits 2012 beim »Klangroom« im ZKM entwickelt. »Die versteht jeder«, sagt Roth über seine Installation. Man höre und sehe, erlebe je nach Position die Effekte unmittelbar, auch wenn es gegen »westlich etablierte Skalen« gehe, gegen Harmonievorstellungen.

Roth geht es um die Sensibilisierung für Kunst im weitesten Sinne. Was Flexibilität von den klassischen Kulturinstitutionen verlange. Das ZKM etwa breche solche überkommenen Strukturen auf. Nach etlichen Veröffentlichungen hat Roth nun auch seine erste Monografie fertig: die Kulturgeschichte der Schattenbilder.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Die italienischen Regisseure Paolo (r) und Vittorio Taviani (2012).
Locarno
vor 9 Stunden
Das Filmfestival im schweizerischen Locarno würdigt in seiner 71. Ausgabe das Lebenswerk der italienischen Regisseure Paolo und Vittorio Taviani.
Oper zum Saisonende
vor 11 Stunden
Mit Tschaikowskys »Eugen Onegin« beendete die Opéra du Rhin Straßburg ihre Saison 2017/18. Es war ein großartiger Abend.
Matyas Amaya hat es geschafft: Er ist in Moskau angekommen.
Moskau
vor 13 Stunden
Der Mann hat sich ganz schön abgestrampelt: 80 000 Kilometer hat der Argentinier Matyas Amaya auf dem Fahrrad zurückgelegt, um bei der Fußball-WM in Moskau dabei zu sein.
Winston Duke (l-r), Chadwick Boseman und Michael B. Jordan wurden für «Black Panther» ausgezeichnet.
Los Angeles
vor 16 Stunden
Reichlich schwarze Gewinner, ein schwuler Kuss, eine lesbische Preisträgerin: Mit dem immer noch nachklingenden Erfolg des Superheldenfilms «Black Panther» haben die MTV Movie & TV Awards ein Zeichen für Vielfalt unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und sexuellen Vorlieben gesetzt.
Literaturfest im Kinzigtal
vor 22 Stunden
Der Hausacher Leselenz 2018 steht unter dem Motto »Sprachränder/Rändersprachen«. Am 27. Juni geht es los.
Kultursommer mit der Badische Landesbühne
18.06.2018
Die Badische Landesbühne Bruchsaal hat den Kultursommer Gengenbach mit einem turbulenten Intrigenspiel um wahre Liebe, Macht und Begierde fortgesetzt. In der Stadthalle am Nollen wurde die später von Mozart adaptierte Komödie »Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit« gezeigt.    
Interview
18.06.2018
Noch gut eine Woche, dann beginnt der diesjährige Hausacher Leselenz. Das Literaturfest erneuert sich ständig selbst – ab diesem Jahr gibt es das politische Buch. Jose F. A. Oliver verrät im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse, was er sonst noch so plant.
Mohamed Mostafa, ägyptischer Restaurator, im Konservierungslabor des Großen Ägyptischen Museums in Giseh.
Kairo
18.06.2018
Der Ausblick von der wichtigsten Baustelle Ägyptens könnte schlechter sein. Über der vor Hitze flirrenden Sahara erhebt sich das Weltwunder Stufe für Stufe.
Steven Spielberg bei der Premiere von «Jurassic World: Das gefallene Königreich» in Los Angeles.
Baden-Baden
18.06.2018
Das neue Dinosaurier-Abenteuer «Jurassic World: Das gefallene Königreich» hat unangefochten Platz eins der deutschen Kinocharts behauptet.
Die Mexikaner besiegten die DFB-Elf zum WM-Auftakt mit 1:0.
Berlin
18.06.2018
Schwaches Spiel - starke Quote: 25,97 Millionen Zuschauer verfolgten am Sonntagnachmittag ab 17 Uhr im ZDF die 0:1-Auftaktpleite der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko.
Plácido Domingo Anfang Juni in Berlin bei der Vorstellung der Produktion.
Berlin
18.06.2018
Staraufgebot für ein Königsmörder-Paar: Mit Anna Netrebko und Plácido Domingo in den Titelrollen hat die Berliner Staatsoper Unter den Linden am Sonntag mit Giuseppe Verdis «Macbeth» einen rauschenden Erfolg gefeiert.
Der verstorbene Dirigent Enoch zu Guttenberg.
Adieu unter Freunden
18.06.2018
Ein großer Mann voll großer Leidenschaften – zum Tode von Enoch zu Guttenberg ein persönlicher Nachruf.