"Vom Himmel hoch..."

Weihnachtslieder und ihre Geschichten

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 5 Minuten
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23. Dezember 2017

"O Tannenbaum....". ©Jutta Hagedorn

Morgen ist Heilig Abend, und dann erschallen sie wieder, die Weihnachtslieder – ob profan oder geistlich. Und man singt sie gerne. Doch welche Geschichten sie haben, ist oft nicht bekannt.

Welches Weihnachtslied nun das bekannteste und beliebteste ist, darüber lässt sich vielleicht streiten. »O Tannenbaum« gehört auf jeden Fall dazu. Manch einer wundert sich über die »Blätter« – wo man doch »Nadeln« vermuten würde. Doch die Nadeln der Tannen sind nun mal ihre Blätter. 
Interessanter ist eher das Wort »grün«. In der Urfassung hieß es nämlich »treu« – und verweist auf den ursprünglichen Adressaten: die untreue Geliebte. Das war jedenfalls die Idee von August Zarnack (1777-1827). Der Lehrer und Direktor eines Waisenhauses veröffentlicht seine Liebesklage 1820 in seiner Liedersammlung. 

Süßer die Glocken...

Vier Jahre später entdeckte die der Leipziger Lehrer Ernst Anschütz (1780-1861), veröffentlichte sie in seinem Schulgesangbuch, kindgerecht umgedichtet. Aus dem Abgesang an die Liebe wird eine Hommage an den Weihnachtsbaum. Es ist Anschütz, der so zum ersten Mal eine Beziehung zwischen Weihnachtsbaum und Weihnachtsfest herstellt. Denn just in dieser Zeit hält der geschmückte Baum Einzug in die Wohnzimmer. 

»Süßer die Glocken nie klingen« ist ebenfalls recht beliebt. Auch hier hatte der Sprecher oder Sänger nicht Weihnachten im Sinn, sondern die Turmglocke, die den Feierabend einläutet: »Seht, wie die Sonne dort sinket.../Glöckchen zur Ruhe uns winket...« Der Theologe Friedrich Wilhelm Kitzinger hat die Melodie und die Idee der Glocke übernommen – doch für Weihnachten umgeschrieben. Bei »Kling, Glöckchen klingelingeling« geht es dagegen um das Glöckchen, das die Kinder an Heilig Abend endlich erlöst und zur Bescherung ruft. Gedichtet wurde es von Karl Enslin, einem Frankfurter Lehrer. Er lässt dankenswerterweise offen, wer hier die Geschenke bringt: Christkind, Weihnachtsmann oder Nikolaus.

Wer zuständig ist, macht dann der Pfarrer Wilhelm Hey klar: Das Christuskind. Hey, Hofprediger in Gotha und später Superintendent, hatte ein Herz für Kinder und schrieb Geschichten für sie. Mitte des 19. Jahrhunderts ging es den meisten Menschen wirtschaftlich schlecht, gelitten haben die Kinder. Ihnen wollte Hey Trost spenden: »Alle Jahre wieder kommt das Christuskind«, zu jedem – egal welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts, welcher sozialen Stellung. Das Gedicht bekam von Friedrich Silchen eine passende unkomplizierte Melodie.

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Der Weihnachtsmann

Von Robert Schumann erhielt der Nikolaus eine Melodie. 1848 komponierte er Klavierstücke für Kinder und wollte die Sammlung »Weihnachtsalbum« nennen. Marketing-technisch nicht schlau, meinte sein Verleger und nannte sie »Album für die Jugend«. Eines der Stücke ist Knecht Ruprecht gewidmet, der am Vorabend des 6. Dezember mit dem Nikolaus die Kinder besucht. 

Mit dem 19. Jahrhundert wurde die Figur des Nikolaus aber weltlich, der Weihnachtsmann hielt Einzug und übernahm beider Aufgaben. Verdrängen konnte er den Nikolaus bekanntermaßen nicht. Hoffmann von Fallersleben schrieb ihm dann ein Lied:  »Morgen kommt der Weihnachtsmann – kommt mit seinen Gaben«.
Aber auch manch geistliches Lied hat einen sehr profanen Ursprung. Martin Luthers »Vom Himmel hoch« zum Beispiel. Zu seiner Zeit waren Sängerwettstreite  beliebt, die gleichzeitig Brautwerbung waren. Eines dieser Lieder begann so: »Ich komme aus fremden Landen her/ ich bring euch viel der neuen Mär«. Luther machte daraus 1534: »Vom Himmel hoch, da komm ich her«. Das Lied hat viele Komponisten zu eigenen Werken inspiriert wie Bach oder Max Reger. 

Reger hat auch »Macht hoch die Tür« modernisiert. Entstanden ist es 1623 – und ebenfalls nicht als Weihnachtslied, sondern zur Einweihung einer evangelischen Kirche in Königsberg. Der Pfarrer Georg Weissel bediente sich der Luther-Übersetzung des Psalms 24. 
Aus dem 16. Jahrhundert stammt »Es ist ein Ros entsprungen«, beruhend auf einer Prophezeiung Jesajas. 1599 kam es ins Speyrer Gesangbuch. Da der Fokus auf Maria lag, wurde es – trotz der eingängigen Melodie – von den Protestanten abgelehnt. Michael Praetorius machte es für die mit einem kleinen Trick attraktiv: Die Rose stand jetzt nicht mehr für Maria, sondern wie das Blümelein für Jesus. Das Lied geriet in Vergessenheit und erlebte erst im 20. Jahrhundert seine Renaissance. Die Melodie hat die Jahrhunderte überdauert. Sie war einfach zu gut. Die dritte Strophe kam erst um 19. Jahrhundert hinzu von einem Pastor Friedrich Leynitz.

O du fröhliche...

Die Geschichte von »Tochter Zion« ist eher lustig: Georg Friedrich Händel schrieb nämlich 1747 ein Oratorium zu Ehren des Herzogs von Cumberland, eine Huldigung des siegreichen Kriegsherrn. Friedrich Heinrich Ranke, ein deutscher Philosoph und Theologe,  widmete es einfach um und machte aus dem Kriegsherrn Cumberland den König Israels. Der Rest passte.
Zum Schluss noch »O du fröhliche« – ebenfalls der Inbegriff des Weihnachtsliedes.  Was es aber – wen wundert’s –gar nicht war. Ein geistliches Lied schon, doch eher ein Feiertagslied. 
Die erste Strophe besang Ostern, die zweite Pfingsten und erst die dritte Weihnachten. So hatte das jedenfalls der Pastor Johannes Daniel Falk 1816 geplant. Die Melodie stammt aus Sizilien, nachzulesen in Johann Friedrich Herders »Stimmen der Völker in ihren Liedern«. Zum Weihnachtslied wurde »O du fröhliche« durch Heinrich Holzschuher, Heimleiter von Falks Waisenhaus in Weimar. 

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