Homers "Ilias" neu übersetzt

Wer war Homer - und schrieb er ein Anti-Kriegs-Epos?

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 3 Minuten
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18. Dezember 2017
Homer, wie er meist dargestellt wird: Als blinder Greis.

Homer, wie er meist dargestellt wird: Als blinder Greis. ©Sebastian Fischer/dpa

Ein Buch der Superlative, ein Epos, das als Fundament der abendländischen Erzählkunst gilt, ist neu übersetzt worden: Homers »Ilias«. Obwohl sprachlich modernisiert, habe er sich Homer gegenüber verpflichtet gefühlt, so Übersetzer Kurt Steinmann.

Manche Dichter  – und ihre Werke – sind einfach zu gut um wahr zu sein. Weswegen dann auch diskutiert wird, ob sie wirklich die Urheber gewesen sein können. Beispiel: William Shakespeare. War dieser Handschuhmacher aus Stratford-upon-Avon der Shakespeare des »Hamlet« oder war es Marlowe?

So geht es auch Homer, dessen Lebensumstände noch rätselhafter sind. Herkunft, Geburtsdatum – schleierhaft. Er soll aus einer griechischen Kolonie im Westen Kleinasiens stammen, er könnte um 800, eher um 600 v. Chr. gelebt haben, zumindest dann, wenn er der Autor der Ilias ist, von der man inzwischen ziemlich sicher zu wissen meint, dass sie um 600 v. Chr. entstand. 

Mann oder Kollektiv?

Sein Name? Völlig griechisch untypisch. Er könnte bedeuten »der Nichtsehende« – immerhin wird Homer als blinder Greis dargestellt. Wobei Blindheit zum Klischee guter Geschichtenerzähler gehörte.  War es der Mensch Homer, der als Urvater der europäischen Dichtkunst gilt oder war es ein Kollektiv? Eigentlich egal, denn mit der Ilias und der Odysee beginnt die europäische Kultur und Geistesgeschichte. 

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Heldengeschichten wurden mündlich weitergegeben, erzählt in Hexametern. Die ermöglichen einen gleichmäßigen Fluss – aber auch ein wortgetreues Memorieren über Generationen hinweg. Steinmann hat sich in seiner modernen neuen Version an diesen Hexameter-Rhythmus gehalten. Aus Verpflichtung gegenüber Homer und weil Hexameter den Epen »Glanz und Rhythmus« geben.

Einer der Verdienste Homers ist die schriftliche Fixierung des Kriegsgeschehens um Troja, wobei er mit Sicherheit nicht »den« Trojanischen Krieg beschrieben hat. Denn der fand der Legende nach um 1200 v. Chr. statt. Steinmann ist überzeugt, dass in Homers Erzählung mehrere Kriege um Troja zu »dem« Ilias-Krieg verschmolzen. Denn Homer habe gar keinen »Kriegsroman« schreiben wollen. Stattdessen zeige er Krieg als »sinnlose Katastrophe«. Was allerdings erst im 24. Buch richtig klar werde. Nämlich, als der vor Zorn rasende Archill am Ende Priamos erlaubt, seinen Sohn zu bestatten. Archills Zorn münde in eine humane »Geste des Erbarmens, der Versöhnung und der Mäßigung«, sagt Steinmann in einem Interview.  Am Schluss triumphiere die humane Geste, die »geradezu als Ausgangspunkt unserer abendländischen Ethik betrachtet werden« könnte, meint der Übersetzer. Die 15 000 Verse seien im übrigen durchsetzt von Szenen von Menschlichkeit. 

Detailreich und farbig

Ein weiterer Grund, warum die Ilias immer noch so anziehend ist für Leser und neue Übersetzungen interessant macht, sind die detailreichen Beschreibungen von Kleidung wie Riten, die Homer gar nicht mehr habe kennen können. In Kombination mit der lautmalenden, starken und klaren Sprache sind die Epen nicht nur immer wieder anziehend. Es könnte auch die These vom »Anti-Kriegs-Roman« stützen, wenn Homer das Schlachtfeld beschreibt, auf dem »das Rückenmark aus den Wirbelknochen spritzt«. 

Die erste deutsche Übersetzung stammt von Johannes Baptista Rexius von 1584, Gottfried August Bürger oder Hölderlin haben sich an der Ilias versucht. Die bis heute am häufigsten gelesene und gedruckte Version ist von Johann Heinrich Voß von 1793, die nun von Steinmann modernisiert wurde.

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