Kolumne

Wie Häuptling Winnetou an einer Überdosis Zeitgeist stirbt

Jürgen Stark
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30. Dezember 2016
Jürgen Stark.

Jürgen Stark. ©Iris Rothe

Winnetou ist tot. Er war Deutschlands erster Popstar. Winnetou, der vom sächsischen Schriftsteller Karl May erfundene edle Wilde aus dem unedlen wilden Westen. Jetzt ermordeten ihn die Drehbuchschreiber und das Regieteam von RTL mit einer Überdosis Zeitgeist. In dem RTL-Weihnachts-Dreiteiler »Winnetou« wird der Zuschauer Zeuge einer exklusiven Hinrichtung von allem, was den Autor und sein lebendiges Werk immer auszeichnete. 
Winnetou und sein weißer Blutsbruder Old Shatterhand führten uns im Nachkriegsdeutschland aus der Dunkelheit ins Licht. Die legendären Verfilmungen mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als dessen hartem Bruder mit der Schmetterhand wirkten ohne politischen Zeigefinger zu Zeiten des kalten Krieges enorm. 

Humanistisches Ideal

Während Deutschland unter den Verstrickungen der NS-Barbarei und des Holocaust litt, ritt Winnetou mit seinem Kumpan Old Shatterhand vereint in Schönheit und humanistischem Ideal über die Leinwände der Vorstadtkinos. Eine Rothaut, eine ethnische Minderheit, ein von weissen Eroberern fast völlig vernichtetes Urvolk, jetzt an unserer Seite – per Bravo-Starschnitt in jedem Kinderzimmer! Karl May zelebrierte schlau die Schönheiten der Kulturen – übrigens auch des gesamten Orients – und transformierte alles in glaubwürdig handelnde Akteure mit zeitlos authentisch wirkenden Dialogen, die noch heute die Brände diverser Kriege löschen könnten.
Aber, was zur Hölle, macht RTL aus diesem genialen Stoff?! Einen politisch korrekten Lehrfilm über das große Nichts der knalldummen Gegenwart. Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand wirkt mindestens drei Nummern zu klein. Er quasselt wie ein überforderter Sozialarbeiter, der sich stets mehrfach dafür entschuldigt so einfach ins Land der Apachen eingedrungen zu sein, ohne vorher anzuklopfen. Er gibt Winnetou Boxunterricht (!), was in etwa aussieht wie ein Namenstanz von Waldorfschülern. Und er warnt den wilden Indianer und Jäger allen Ernstes vor seinem scharfen Messer, denn in diesem antiseptischen RTL-Klima soll sich ja schließlich keiner weh tun. 

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Unendliche Längen

Der kosovo-albanische Nik Xhelilaj bemüht sich um einen ernsten Blick, während die Kamera unendliche Längen in diesem tiefen Tal der längst Toten serviert. Gefühlte fünf Minuten blicken wir auf einen aufgespießten Hasen überm Grillfeuer der kroatischen Prärie. Dann knallt es gedankenschwer in diese wüste Leere. Old Möhring quasselt was von seinem Herzen, dass irgendwie kein Apache sein kann, auch wenn er irgendwie will. Winne-Nik raunt mit feuchten Augen dem Horizont in den Außenstudios entgegen: »Du Friedensvertrag! Zwischen dein Herz und dein Kopf!« 
Sicherlich spricht man heute in Duisburg-Marxloh so. Aber bei Karl May waren die roten Wilden keine stotternden Rapper und hatten noch echte Würde, selbst bei nicht fehlerfreiem Akzent. Den Machern dieser völlig verkorksten Trilogie möchte man zurufen: »Du nix Niveau! Zwischen dein Hirn und dein Hintern!«

Jürgen Stark ist Autor und Musiker sowie Dozent an der Europäischen Medien- und Event-Akademie Baden-Baden.

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