Sommerfestspiele im Festspielhaus Baden-Baden

Andreas Schager begeisterte als Siegmund

Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. Juli 2016

Valery Gergiev dirigierte das Mariinsky-Orchester mit dem Violinvirtuosen Pinchas Zukerman. ©Michael Gregonowits

Eigentlich sollten die Sommerfestspiele in Baden-Baden mit Wagners »Walküre« und dem Tenor Jonas Kaufmann beginnen. Die Walküre gab es – Kaufmann war krank – Ersatz Andreas Schager überzeugte als Siegmund.
 

Intendanten und Trainer haben ein gemeinsames Feindbild: die Bänder ihrer Stars. Mal sind es die Stimmbänder der Tenöre, mal die Kniebänder der Fußballer, die gegen die permanente Belastung protestieren. Keine Pausen zur Erholung. Hamsterrad. So passte es, dass nach dem Ausfall prominenter Fußballer auch der Superstar der Sommerfestspiele in Baden-Baden, Jonas Kaufmann, absagen musste. Nicht zum ersten Mal. 

Dirigenten sind robuster, und Valery Gergiev ist besonders robust. In vier Tagen dirigierte er »Die Walküre« zweimal konzertant, dazu zwei Sinfonien, zwei Klavier- und zwei Violinkonzerte. Ein Mammutprogamm. 

Andreas Schager: Ein Geheimtpp

Sieglinde (vorzüglich: Eva-Maria Westbroek) musste flexibel sein. Siegmund wechselte tarnkappenmäßig dreimal: Kaufmann kam nicht, Stuart Skelton, als Tristan in guter Erinnerung, sang am Donnerstag bravourös, reiste ab; für ihn sprang am Sonntag Andreas Schager ein und gewann. Schager hat eine erstaunliche Karriere vom Operetten- zum Wagnertenor gemacht. Tiefe Provinz, dann Geheimtipp, jetzt auf dem Weg zu den ganz großen Bühnen. Parsifal in Bayreuth wartet. 

Richtiger Heldentenor

- Anzeige -

Schager hat nicht die elegante Leichtigkeit von Kaufmann, nicht Skeltons baritonale Wärme, er ist ein richtiger Heldentenor, strahlend und kraftvoll in den Höhen etwa bei den Wälse-Rufen. Zu Recht umjubelt. Auch die anderen Partien waren gut besetzt; anrührend René Pape als Wotan und Evelyn Herlitzius als Brünnhilde; man verstand sofort das tiefe Drama dieser Vater-Tochter-Beziehung. 

Wagner liegt Gergiev, beide überwältigen gern, ob im Wälsungenblut, Walkürenritt oder Feuerzauber; aber die Musik blieb gut strukturiert und transparent in den vielen Piano-Stellen. 

Gergiev, Freire, Zukerman und Grimaud

In den Konzerten gab es zwei Programmänderungen, eine sorgte für lauten Unmut. Beethoven tauscht man nicht einfach aus. Keine Zeit, um das angekündigte 5. Klavierkonzert zu proben? Dafür gab es das 2. Klavierkonzert von Brahms, das Gergiev und Nelson Freire bereits in Petersburg gespielt hatten. Freire ist ein Grandseigneur, er protzt nicht mit brillanter Technik, sondern gestaltet dieses hochkomplexe, technisch sehr schwierige Werk mit tiefer Ernsthaftigkeit. Das war eindrucksvoll. 
Dann kam Beethovens berühmtes Violinkonzert. Den Blick tief in der Partitur, nur bei den obsessiven Pauken lebhaft, dirigiert Gergiev dieses lyrische Stück ohne innere Spannung. Für die sorgt Pinchas Zukerman – auch er ein Grandseigneur der Klassikszene – in den vielen Pianissimi-Schattierungen und in der innigen Zwiesprache mit den vorzüglichen Holzbläsern des Mariinsky-Orchesters. 

Die 5. Sinfonie liegt Gergiev mehr: große Dynamik, zügige Tempi. Das Schicksal klopft beharrlich und laut, und im Finale gibt es besseren Lärm als mit sechs Pauken (frei nach Beethoven), doch das Haus fiel nicht ein, wie einst Goethe  befürchtet hatte. Dann schon eher bei der krachenden Lohengrin-Zugabe. 

Das zweite Konzert war praller Brahms: Violin- und 1. Klavierkonzert und nach der Pause die 1. statt der 3. Sinfonie. Das konnte man verschmerzen. Gergiev scheint Brahms mehr zu lieben als Beethoven, doch die Stars waren wieder die beiden Solisten. Erwartungsgemäß Hélène Grimaud. Sie spielt Brahms wie sie aussieht; mit spröder Schönheit und schlanker Energie. Nikolaj Znaider ist hierzulande eher unbekannt. Mit seinen 40 Jahren durchdringt er das Violinkonzert wie ein alter Meister, verliert sich nicht in Details, macht die Struktur dieses komplexen, riesigen Konzertes hörbar. Das war eine schöne Überraschung. 
Gergiev, seit 2015 auch Chef der Münchner Philharmoniker, baut sein deutsches Repertoire aus. Ob ihm das so gelingt wie mit Wagner? 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Dietrich Mack.
02.02.2023
Kulturkolumne
Stars, die sich rar machen, füllen problemlos die Säle. Davon können andere Künstler nur träumen. Würde eine Verknappung des kulturellen Angebots, mehr Publikum in Konzerte und Theatervorstellungen locken?
Wolfgang Müller in seiner Ausstellung „Leicht errötend“.
27.01.2023
Oberkirch
Rainer Braxmaier stellt in der Oberkircher Reihe „1plus“ den Maler und Zeichner Wolfgang Müller vor. Die Vernissage ist heute um 11 Uhr in der Städtischen Galerie.
Rund zwei Jahre arbeitete ­Renate Reckziegel an ihrem Buch.
27.01.2023
Offenburg
Wer während des Nationalsozialismus vom willkürlich festgelegten Weltbild abwich, der konnte schnell zum Opfer werden. Wie die Großmutter der Offenburger Journalistin Renate Reckziegel.
Die Passagiere erzählten ihre Geschichte.
27.01.2023
Offenburg
Theaterlust München und Altonaer Theater Hamburg präsentierten in der Oberrheinhalle Daniel Kehlmanns „Die Reise der Verlorenen“. Für die acht großartigen Akteure gab es viel Beifall.
Johannes Schröder freut sich, dass er keine Notenlisten mehr ausfüllen muss.
25.01.2023
Offenburg
Johannes Schröder war Lehrer am Offenburger Oken-Gymasium, als er sich für eine Karriere als Comedian entschied. Am 3. Februar kommt er in die Reithalle.
Bekannte Opern- und Operettenarien gaben die Sängerinnen und Sänger des Ensembles The Cast zum Besten. 
25.01.2023
Achern
Das international besetzte Quintett The Cast überraschte in Achern mit seinem weitgefächerten Repertoire und überzeugte mit seiner hohen Gesangskunst.
Bei der Geburt ins Babbelwasser gefallen? Philipp Weber bewies bei seinem Auftritt jedenfalls einen langen Atem. 
25.01.2023
Kehl
Im TVG-Tempo raste Kabarettist Philipp Weber bei seinem Auftritt in der Kehler Kulturreihe „Wortreich“ durch sein Programm „Künstliche Idioten“.
Die Revue „Himmlische Zeiten“ mit Ursula Berlinghof (von links), Bianca Karsten, Iris Schumacher und Laura Leyh spielt auf der Privatstation einer Klinik. 
23.01.2023
Lahr
Die Geschichte von drei älteren Damen und einer Hochschwangeren erzählte die Revue „Himmlische Zeiten“ im Lahrer Parktheater mit viel Wortwitz und bunten Schlagermelodien.
Drei Tage nach seinem 75. Geburtstag stand Jimmy Gottschalk beim 25. Konzert mit den Musikerinnen und Musikern von Soul Attack auf der Bühne. 
23.01.2023
Offenburg
Mit einem wunderbaren Jubiläumskonzert beglückten Jimmy Gottschalk und seine Band Soul Attack am Samstagabend das Publikum in der Offenburger Reithalle.
Dietrich Mack
19.01.2023
Kulturkolumne
Dreihundert Millionen Euro in einem Jahr sind eine Menge Geld. Verdient nicht jeder von uns. Aber wir heißen leider auch nicht Messi, was fast schon wie Messias klingt.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Rauchmelder sollten einmal im Jahr auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft werden. Diese Sorgfalt kann Leben retten, vor allem, wenn nachts ein Feuer entsteht und die Bewohner schlafen.⇒Foto: Martin Gerten/dpa
    05.02.2023
    Kreisbrandmeister Bernhard Frei lobt die Ortenauer. Sie würden meist die Rauchwarnmelderpflicht ernst nehmen. Er weiß, dass die kleinen Geräte schon öfters Schlimmeres verhindert haben.
  • Egal ob jung oder jung geblieben: Beim Line Dance kann jeder die Freude an Rhythmus und Bewegung entdecken. 
    27.01.2023
    Mit DanceInLine in Offenburg die Freude am Tanz entdecken
    In toller Gesellschaft Tanzen lernen – auch ohne festen Tanzpartner, dafür auch mal mit Baby. Das bietet Julia Radtke in ihrer Tanzschule DanceInLine in Offenburg an. Hier entdecken Junge und jung Gebliebene Teilnehmer die Freude an Rhythmus und Bewegung.
  • Die Kunden trainieren in den M.O.H.A.-Studios in Offenburg, Oberkirch und Haslach in moderner Atmosphäre. 
    27.01.2023
    EMS-Training in Offenburg, Oberkirch und Haslach entdecken
    Gesundheit, mehr Attraktivität, dazu Kraft- und Leistungssteigerung – und schnell sichtbare, spürbare und messbare Erfolge. Was unglaublich klingt, ist mit dem gezieltem EMS-Training bei M.O.H.A. an den Standorten Offenburg, Oberkirch und Haslach absolut möglich.
  • Vom Azubi bis zum Quereinsteiger: J. Schneider Elektrotechnik bietet viele  Karrierechancen.
    24.01.2023
    J. Schneider Elektrotechnik – Bewerben und durchstarten!
    Fachkräfte, Anlernkräfte, Quereinsteigende, Azubis: Die Bewerbertage bei J. Schneider Elektrotechnik in Offenburg am 3. und 4. Februar 2023 wenden sich sowohl an diejenigen, die beruflich neue Wege gehen möchten, als auch an Berufseinsteiger.