Gespräch in der Kunstschule Offenburg

Kunst ist ein Grundbedürfnis und kein Event

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
10. November 2020

Wie geht es den Kunstschulen? Redakteurin Jutta Hagedorn (l.) unterhält sich mit Veronika Pögel, Michael Witte, Almut Koenen und Mustafa Köyneksiz in einem Atelier der Schule. ©Ulrich Marx

Welche Bedeutung haben Kunstschulen, wenn der Kultur die kalte Schulter gezeigt wird? Für die Pädagogen der Offenburger Schule ist die Antwort klar: „Grundbedürfnis befriedigen.“

Mit ihrem Postulat, Museen seien keine Orte für Freizeitaktivitäten, sondern Orte der Bildung, hatte Christine Vègh, Direktorin der Bielefelder Kunsthalle, Diskussionen ausgelöst. Da ist die Frage erlaubt, welche Rolle spielen Kunstschulen, und was bedeutet es für sie, wenn Kunst (und die Kulturszene) weggeschlossen wird. Eine Frage, die Michael Witte, Leiter der Kunstschule Offenburg, Veronika Pögel und Almut Koenen, Bereichsleiterinnen Erwachsenen- und Jugendkunstschule, gerne beanworten.

Was bedeutet uns Kunst?

Die Kunst- oder Kulturszene, meint Witte, sei zersplittert, zumindest werde sie so wahrgenommen, obwohl es Vereinigungen gibt. Den wenigsten sei aber die Größenordnung der Szene bewusst, sagt Veronika Pögel. Zudem laufe Kultur oft und zu viel unter dem Stichwort „Eventkultur“ – auch Museen hätten da mitgemacht. „Daran ist viel zerbrochen“, meint Pögel und erinnert an medienwirksame Ausstellungen. „Da ging es eher ums Durchschleusen als ums Verweilen. Eine gute Ausstellung soll eine Bereichung sein. Aber stattdessen haben wir vieles nicht zu sehen bekommen, weil es nicht so zieht.“

Deshalb die Frage: Was bedeutet uns Kunst. Für Witte ist sie ganz klar „Grundbedürfnis. Der Mensch lebt mit und durch die Kunst. Wer leidet, sind die Akteure der Kunst, hier die Dozenten und Dozentinnen“, etwa im Bereich Tanz. In zwei bis drei Jahren werde man das spüren, es werde kein Wachstum geben. Witte fürchtet „Einbrüche in Soziokulturen“, aber auch „konkrete Benachteilung“ einiger gesellschaftlicher Gruppen und „dass es weniger Schulabschlüsse gibt.“ Was die Frage nach der Notwendigkeit von Kunst bereits beantwortet. 

„Wir halten das Niveau mit Abstrichen“, sagt Witte, „wir sind noch relativ sicher.“ Denn die Teilnehmer kommen, „weil die Kunstschule ein Ort der Entwicklung“ sei, betont Almut Koenen, für alle Altersgruppen wohlbemerkt. Menschen kämen, um kreativ zu arbeiten, nicht aus Gründen des Konsums. Das hätten sie im Sommer an den Donnerstagen gemerkt. Für die jungen Teilnehmer ist das kreative Arbeiten in der Kunstschule ein ergänzendes Angebot zur kognitiven Beschulung. „Hier werden andere Potenziale gefördert, Selbstwertgefühl aufgebaut, Partizipation gelernt“, sagt Witte. „Man arbeitet für sich zusammen mit anderen.“ 

- Anzeige -

Ort der Entdeckungen

Die Kunstschule sei ein Ort, an dem die Teilnehmer das Gefühl haben „‚hier geht’s mir gut, hier passiert irgendwas’. Man bleibt nicht unberührt“, sagt Veronika Pögel. „Den Schülern wird kein Kunstbegriff vorgegeben. Man lernt hier automatisch durch die Energie der Gruppe, die gegenseitige Inspiration. Man findet andere Worte um zu beschreiben, was man bei einem Bild fühlt. Warum ein Bild in diesem Kontext anders funktioniert als in einem anderen“. Das gelte für die großen wie für die kleinen Kursteilnehmer. Und letztendlich gehe es auch um Fragen und Problemlösungen. Das antworte sie Eltern, die fragen, warum ihr Kind in die Kunstschule gehen soll, es male doch bereits wunderbar am Küchentisch. 

„Es ist das Selbstbewusstsein, das merklich gefördert wird“, ergänzt Koenen. „Hier findet keine Bewertung statt. Die Teilnehmer lernen, dass sie eine eigene Meinung haben und haben dürfen, dass es um ihre Beziehung zu ihrem eigenen Werk geht.“ Hilfreich sei auch, dass es keine „Anfänger und Fortgeschrittene“ gibt, sagt Veronika Pögel. Das sei bei Erwachsenen bedeutsam, „denn sie kommen hier in Kontakt zu früher, erleben noch mal, wo sie vor vielen Jahren aufgehört haben.“ Den Teilnehmern sei das oft zwar nicht bewusst, aber „sie spüren, dass da etwas war, dass da etwas sein könnte“. Das aktive kreative Arbeiten helfe auch vielen Menschen, die einen Umbruch im Leben erfahren, weiß Pögel. 

„Schrille Entscheidung“

Für Schulleiter Michael Witte ist eins klar: Politiker müssten sich vorwerfen lassen, dass sie eine „sehr schrille Entscheidung getroffen haben, die Museen zu schließen.“ Aber Politiker seien oftmals Juristen. Die Frage nach der Sozialverträglichkeit, nach ethischen Aspekten fehle bei ihren Überlegungen. 
Und welche Auswirkungen könnte das Wegschließen der Kultur für die Studenten im Vorstudium haben? Befürchtungen haben die drei Pädagogen eher in Bezug auf die Studenten an den Akademien. Da gebe es im Gegensatz zum Vorstudium an der Offenburger Kunstschule fast keinen Präsenzunterricht. „Die Hochschulen haben Sorge“, sagt Witte. 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Szene aus dem Film „Der Mann der die Welt aß“ mit Hannes Hellmann (links) als Vater und Johannes Suhm als Sohn. Foto: Johannes Suhm
04.12.2020
Spielfilm „Der Mann der die Welt aß“
Der aus Offenburg stammende Regisseur und Schauspieler Johannes Suhm durfte bei der Filmschau Baden-Württemberg seinen ersten Spielfilm „Der Mann der die Welt aß“ präsentieren. Die Festivalbeiträge und Preisverleihung sind online zu sehen.  
Skulpturen und Gemälde geben einen Einblick in das Werk von Stefan Strumbel.
04.12.2020
Einzelausstellung in Paris
Der in Offenburg lebende Künstler Stefan Strumbel eröffnet am Samstag, 5. Dezember, seine erste Einzelausstellung in Paris. Er zeigt mit Luftpolsterfolie umhüllte, Skulpturen und neuen Gemälden, darunter ein Neonbild mit einem einzigen Wort: Romantik.
Videoaufzeichnung für die Konzerte im Youtube-Kanal der Musikschule Offenburg-Ortenau. Foto: Musikschule Offenburg-Ortenau
04.12.2020
Kompositionswettbewerbs „ad libitum“ 2019/20
Vier Ensembles der Musikschule Offenburg/Ortenau dürfen die preisgekrönten Werke des Kompositionswettbewerbs „ad libitum“ 2019/20 präsentieren. Die Musikstücke sind am 9. Dezember auf dem Youtube-Kanal der Musikschule zu hören.
Jürgen Stark.
03.12.2020
Kulturkolumne
Weihnachten ohne Weihnachtsmarkt und Geselligkeit. Und auch ohne Weihnachtslieder? Wie tröstlich, dass es wenigstens noch „Christmas Rock & Blues“ gibt. Wundervolle Songs zum träumen, vergessen und hoffen auf ein Weihnachten ohne den Virus. Hier geht’s zur Playlist.
30.11.2020
Gespräch mit Theodor Guschlbauer
Theodor Guschlbauer ist ein alter „Opern-Hase“. Der frühere Straßburger Musikchef erzählt im Gespräch, wie er mit den Corona-Einschränkungen zurecht kommt. 
27.11.2020
Rückblick auf ein reiches Künstlerleben
Die Künstlerin Ilse Teipelke ist immer noch eine bekennende Streiterin für die Rechte der Frauen. „Ich wollte, dass man meine Stimme hört“, sagt sie im Gespräch. Ihre künstlerische Biografie trägt deswegen auch den Titel „systemrelevant“.
Rembrandts Porträt „Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung“.
26.11.2020
Ausstellung „Rembrandts Orient“ im Kunstmuseum Basel
Das Kunstmuseum Basel widmet sich in einer opulenten Schau der Orientbegeisterung von Rembrandt und seinen Zeitgenossen. Sie veranschaulicht zugleich Einflüsse orientalischer Kunst auf das Goldene Zeitalter. Am Mittwochabend ist der Eintritt frei.            
Dietrich Mack.
26.11.2020
Kulturkolumne
Sportstars können auch in Zeiten der Pandemie ihren Beruf ausüben, in dem sie in einer Blase leben. Sie verdienen Millionen, ohne mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Doch wie lässt sich die schützende Blase auf das ganz normale Lleben übertragen?       
23.11.2020
Eine Ära in der Städtischen Galerie Offenburg geht zu Ende
„Es waren immer schöne Begegnungen“: Gerlinde Brandenburger-Eisele, promovierte Kunsthistorikerin, hat knapp 30 Jahre lang Museum und Städtische Galerie der Stadt Offenburg betreut.  Nun geht sie in den Ruhestand und freut sich auf die Dinge, die da kommen werden.
Temperamentvoll wie ihre ausdrucksstarke Malerei: Künstlerin Gabi Streile.
20.11.2020
Oberkircher Künstlerin Gabi Streile 70 Jahre alt
Die Oberkircher Malerin Gabi Streile wird am 20. November 70 Jahre alt und wirft im Gespräch einen Blick auf ihre Arbeit. Zwei süße Babys und eine Ausstellung in ihrer Karlsruher Galerie bereiten der Künstlerin Freude in schwierigen Zeiten.
Buchcover der Textsammlung „Corona Decamerone“.
20.11.2020
Autorennetzwerk Ortenau-Elsass führte Tagebuch
„Katzen brauchen keinen Mundschutz“ oder „Vom Niesen und Genießen“ sind Geschichten von 38 Mitgliedern des Autorennetzwerks Ortenau-Elsass überschrieben, die dessen Leiterin Karin Jäckel unter dem Titel „Corona Decamerone“ als Buch herausgegeben hat.       
Jürgen Stark.
19.11.2020
Kulturkolumne
Vor Corona hielt Gerd Gruss sein Geschäft nur einmal während der Geschäftszeiten geschlossen: an seinem Hochzeitstag. In diesem Jahr hat der Geschäftsführer des Karlsruher Rock Shops vor allem auf dem Veranstaltungssektor mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen.