Museen gehen digitale Wege

Lebenszeichen im Internet

Autor: 
Hans-Dieter Fronz
Lesezeit 4 Minuten
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20. Februar 2021

Ausstellungen wie diese im Künstlerkreis Ortenau im September 2020 gibt es derzeit in Deutschland nicht(v.l. Rainer Nepita (links) und das Galeristen-Ehepaar Egon A. Stumpf und Eleonore Schmidt-Stumpf). ©Iris Rothe

Da die Forderungen nach Öffnung der Museen ungehört verhallen, bieten die Museen inzwischen digitale Vermittlungen und Führungen an. Mit großer Resonanz.

Digitalisierte Sammlungsbestände, virtuelle Ausstellungsrundgänge, die verstärkte Präsenz von Museen in den sozialen Medien – die Pandemie hat im Laufe eines Jahres Bewegung in das Ausstellungswesen gebracht. Schon um gesellschaftlich nicht gänzlich ins Abseits zu geraten, verstärkten Museen und Ausstellungsinstitutionen ihre Internetaktivitäten. Mitunter konnte man geradezu den Eindruck gewinnen, die Kunst sei im Begriff, Stück für Stück ins Internet abzuwandern. Immer neue digitale Formate ermöglichen unmittelbare Begegnung mit Kunst – ein Trend, der sich auch nach Ende des Lockdowns fortsetzen dürfte.
Wenn Besucherzahlen der Goldstandard für die Daseinsberechtigung öffentlich finanzierter Ausstellungshäuser sind, kann deren Interesse keineswegs in der Abwanderung der Kunstinteressierten in virtuelle Welten liegen. So wuchs im Januar der Druck von großen Häusern auf die Politik. 

Deutsche Petition

In Italien durften die Museen am 1. Februar öffnen, in Österreich eine Woche später. Eine Öffnung forderten mehr als 50 deutsche Museumsdirektoren Ende Januar auch für Deutschland, zeitgleich wurde eine ähnliche Initiative auch in der Schweiz lanciert. Ihr Plädoyer für eine situationsabhängige „Wiedereröffnung der Museen“ begründeten die deutschen Ausstellungsmacher damit, dass Klimatechnik und Hygienemaßnahmen, Raumkapazitäten und Bewegungsabläufe nach dem Distanzgebot Museen zu Orten machten, an denen ein sicherer Aufenthalt garantiert werden könne. Den „Hunger auf Kultur“ zu stillen, „ohne die gesellschaftliche Solidarität in Frage zu stellen“ war das realistische Ziel. Was bekanntermaßen nicht gehört wurde. 

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, vertrat diese Position öffentlich. Sie nannte 2021 ein „ganz wichtiges Jahr der Kreativität“ im Umgang mit innovativen Modellen, die während der zurückliegenden Lockdowns entwickelt wurden: digitale Formen der Vermittlung von Kunst. Denn wie breits im Bereich von Oper, Theater und Musik bot sich im Bereich der Kunst das Internet als temporäre Ausweichmöglichkeit an.

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Nur 13.000 Besucher

Das Beispiel Kunstmuseum Basel besitzt hierbei Aussagewert auch für Deutschland. Zu seiner Ende Oktober eröffneten ambitionierten Ausstellung „Rembrandts Orient“ richtete das Museum einen virtuellen Rundgang ein, der auch über das Ende der Schau am vergangenen Sonntag hinaus auf seiner Website angeboten wird (www.kunstmuseumbasel.ch). Dass lediglich knapp 13 000 Besucher die Ausstellung real sahen, ist für das Museum eine enttäuschende Bilanz, Karen Gerig, im Kunstmuseum für die Medienarbeit zuständig, spricht von einem Ergebnis „weit unter den Erwartungen und Hoffnungen“. 

Die Klickzahlen des 3D-Rundgangs dürften die Mienen der Ausstellungsmacher nicht entscheidend aufgehellt haben, denn sie sind ein schlechter Ersatz für entgangene Eintrittsgelder. Museen können auch deshalb kein Interesse an einer Abwanderung potentieller Besucher ins Internet haben. 
Und dennoch: Schon um Lebenszeichen auszusenden, verstärkten Museen seit März 2020 ihre Internetaktivitäten. So etablierte sich eine bunte Vielfalt  von Formaten, die heute beinahe schon zum guten Ton gehören: vom Newsletter und dem Podcast über digitale Online-Sammlungen, Kurz-ausstellungen oder thematische Alben bis hin zu Blogs oder Live-Streams von Veranstaltungen rund um Ausstellungen wie Podiumsdiskussionen und Künstlergespräche. 

Digitale Ausflüge

Die Staatsgalerie Stuttgart hat ihre Impressionismusausstellung „Mit allen Sinnen“ mit ganz unterschiedlichen digitalen Formaten garniert; geradezu vorbildlich ist die Digitalisierung der Sammlungsbestände des Frankfurter Städel Museums in hoher Auflösung, und meist mit ausführlichen Erläuterungen werden 22 000 Kunstwerke präsentiert, die Online-Führungen stoßen auf große Resonanz. Weitere sehenswerte – digitale – Ausflüge gibt es im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg: hier geht „Europa auf Kur“; die Freiburger Museen bieten gleich mehrere Ausstellungen an, unter anderem „Der Schatz der Mönche“; „Francois Boucher“ ist immer noch zu Besuch in der Kunsthalle Karlsruhe; „Baden in Schönheit“ kann man im Museum LA8 in Baden-Baden, und auch das Museum Barbarini in Potsdam will online mit „Rembrandts Orient“ verführen. 
Die großartige Ausstellung „Soulage“ im Museum Frieder Burda endet am 28. Februar und kann laut Webseite nicht verlängert werden. 

Info

Internet

Virtuelle Rundgänge aus Museen in aller Welt und anderer Formate unter www.artsandculture.google.com.

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